Evangelische Kirchengemeinde Gensingen/Grolsheim
Evangelische Kirchengemeinde Gensingen/Grolsheim

Hier finden Sie die aktuellen Predigten von besonderen Gottesdiensten in unserer Gemeinde

Predigt zur Bundestagswahl 24.09.2017

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute ist ja ein besonderer Tag bundesweit.

Heute ist der 24. September, ein lange herbeigesehntes Datum für einige, heute ist Bundestagswahl.

Ich weiß nicht, ob Sie schon wählen waren, vielleicht sogar per Briefwahl, oder ob Sie nachher noch wählen gehen, was ich hoffe. Um die Möglichkeit seine Regierung frei wählen zu können, beneiden uns viele Menschen auf der Welt, die darum kämpfen oder darunter leiden, dass sie es eben nicht können. Auch deswegen sollten wir nicht leichtfertig mit unserem Wahlrecht umgehen.

 

Aber eines muss ich Ihnen, Gemeinde, heute hier um kurz vor elf sagen: Die Wahl ist längst gelaufen.

Jetzt sind sie vielleicht schockiert und denken, warum das den jetzt – es sollte doch heute richtig spannend und knapp werden,

Nun bin ich Pfarrer und kein Spezialist für Wahlprognosen, aber genau darum sage ich es ja: Die Wahl ist längst gelaufen.

 

Doch jetzt mal der Reihe nach: Heute ist Wahlsonntag und ganz ehrlich, ich finde es wurde auch Zeit, dass dieses Spektakel mit all seinen Inszenierungen ein Ende hat.

Es war ja teilweise ganz spannend, aber am Ende kaum mehr auszuhalten, der Aufgalopp all der Politiker und Politikerinnen, der Parteien, vor Ort, in den Zeitungen und vor allem im Fernsehen. Wahlspots, Sondersendungen, Politikerrunden, Wahlarenen, Sachrunden mit sogenannten Experten und Politikern, Themenabende, Politikerportraits, Fernseh-Duelle und noch einiges mehr.

Jetzt ist es auch gut, so habe ich den Eindruck. Jeder und jede konnte sagen, was sie oder er wollte oder ihr oder ihm wichtig war. Nicht einmal, sondern oftmals.

Wer hören wollte, konnte hören, hat hoffentlich eine Ahnung bekommen, um was es geht bei dieser Wahl. Welche Konzepte da gegenüberstehen, auch wenn man dafür oftmals genauer hinhören musste.

 

Es geht um etwas, es geht um Grundsätzliches in schwierigen Zeiten: Wie wollen wir miteinander umgehen – was macht Mut, Hoffnung, Vertrauen für die Zukunft. Wer hat da die besseren Rezepte, Wie gehen wir mit den soziale Fragen um, die uns immer mehr bedrängen – wie verhält sich Reichtum und Armut zueinander in unserem Land, was ist gerecht und wie solidarisch wollen wir sein und können es uns leisten. Was wird aus unserem Lebensstandard, aus dem Euro, unserer Altersversorgung, der Rente? Was ist mit der demoskopischen Entwicklung, wie gehen wir jetzt damit um, das unsere Gesellschaft immer mehr altert und das uns vor große Probleme stellt, wie die notwendige Pflege zu organisieren ist.

Was ist mit der Energiewende und den notwendige Investitionen in die Infrastruktur und Bildung, wie können wir weiter mit unseren Nachbarn friedlich zusammenleben und wie reagieren wir auf den zunehmenden Unfrieden in der Welt?

Ja und ganz klar, wie verhalten wir uns in der Flüchtlingsfrage? Abschotten, weiter Aufnehmen - aber wen? Gelingt das mit der Integration der Menschen, die zu uns gekommen sind und kommen?

Eine wichtige Wahl, ohne Zweifel, mit einigen entscheidenden Weichenstellungen, aber eine Schicksalswahl ist etwas anderes. Dafür sind die großen Lager in vielen Punkten zu eng beieinander.

Und jetzt sage ich: Die Wahl ist längst gelaufen!

Also keine Qual der Wahl mehr: Jamaika oder wieder Groko?

 

Gottesdienst hat ja mit dem Wort Gottes zu tun. Und wo finden wir das deutlicher als in der Bibel. Und so habe ich mal in der Bibel nachgeschaut, was da zum Stichwort „Wählen“ steht. Gibt es da etwas, was uns an diesem Sonntag etwas zu sagen hat?

In einer Konkordanz, das ist eine Art Lexikon, ein Verzeichnis von Bibelstellen nach Stichworten, habe ich unter „Wählen“ einiges gefunden – und eines davon erklärt auch meine Aussage: die Wahl ist längst gelaufen.

Zunächst fand ich einen Vers des Apostels Paulus aus dem Philipperbrief und da schreibt er: „Und so weiß ich nicht, was ich wählen soll.“ Also auch der, habe ich gedacht. Den Satz habe ich vor dieser Wahl so häufig gehört, wie vor keiner anderen Wahl zuvor. Da sage einer, die Bibel sei nicht aktuell.

Jetzt muss ich allerdings zugeben, dass der Apostel Paulus diesen Satz in einem völlig anderen Zusammenhang sagt – aber schön ist es doch, dieses: „Ich weiß nicht, was ich wählen soll.“

Im Josuabuch im Alten Testament, steht auch etwas zum Wählen: Da predigt Josua seinem Volk Israel und stellt sie vor die Wahl: „Wenn es euch aber nicht gefällt dem Herrn zu dienen, dann wählt euch heute, wem ihr dienen wollt... Ich aber und meine Familie, wir wollen dem Herrn dienen.“

Das ist eine klare Aussage. Wir können wählen, wem wir dienen wollen, unserem Gott oder anderem, anderen Göttern auch. Götter, die wir uns vielleicht selber machen, an die wir unser Herz hängen.

 

Beim Nachschlagen in der Bibel zum Stichwort „Wählen“ bin ich auf eine Stelle gestoßen, die die Blickrichtung im Bezug aufs Wählen umkehrt und das fand ich recht spannend. Im Johannesevangelium im 15. Kapitel heißt es: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt.“

Und deshalb habe ich am Anfang gesagt: Die Wahl ist längst gelaufen. Weil Jesus Christus, weil Gott seine Wahl schon getroffen hat. Diese Wahl ist nämlich – aus unserem christlichen Verständnis heraus die entscheidende und allerwichtigste. Eine wahre Schicksalswahl. Die Wahl, dass Gott uns in und durch Jesus Christus gewählt hat, angenommen hat, sich zu uns bekennt, uns liebt, egal, wer wir sind hier auf Erden, was wir geleistet haben oder nicht. Gerechtfertigt allein aus Glauben, so haben es die Reformatoren formuliert. Von Gott angenommen, allein dadurch, dass wir an ihn glauben.

Gott wählt uns. Diese Wahl müssen wir nur gelten lassen. Sie nicht anfechten vor unsrem inneren Verfassungsgericht.

Die Wahl ist gelaufen, die Wahl Gottes für uns. Wir haben sozusagen das Direktmandat gewonnen. Das Direktmandat Gottes für uns.

 

Und Christus spricht: Ich habe dich erwählt.

Christus hat uns erwählt - und diese Wahl gibt uns Menschen eine große Würde - der alten Frau genauso wie dem jungen Mann. Eine große Würde – dem Hart IV Empfänger genauso wie der Bundeskanzlerin. Dem arbeitslosen Jugendlichen genauso wie dem erfolgreichen Finanzexperten. Denn in allen diesen Gesichtern spiegelt sich die Würde dieser Worte wider: Ich habe dich erwählt.

Gustav Heinemann, der ehemalige Bundespräsident der späten 60er und frühen 70er Jahre, hat einmal ein Wort gesagt, das mich sehr bewegt hat, und bis heute bewegt, das sehr gut ausdrückt, was ich meine: „Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt.“ - Die Herren und vielleicht auch Damen der Welt gehen, wie sie auch immer heißen – das werden wir schon heute Abend merken - unser Herr aber kommt.

Und in dieser Gewissheit lässt es sich gut leben - egal, wer heute gewinnt oder meint gewonnen zu haben

Gott sei mit uns- seine Wahl gilt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Wir singen nun das Lied „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“, die Nr. 145, die Strophen 1+5+7.

Das Lied ist in der Zeit der großen konfessionellen Auseinandersetzungen im 16. Jahrhundert entstanden. Es hat also nichts mit der Bundestagswahl heute zu tun. Wer will kann es aber gerne auf heute und unsere Zeit beziehen.

 

Ansprache zum 125 Jahre Jubiläum TUS Grolsheim am 25.06.2017

 

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort

und ein Wort für unser Herz!

 

Liebe Festgemeinde hier in Grolsheim,

liebe Mitglieder und Sportler und Sportlerinnen,

liebe Aktive, Vereinsverantwortliche und Anhänger des

TUS Grolsheim!

 

125 Jahre TUS Grolsheim – das ist schon ein Grund zu feiern. 125 Jahre Sport und Bewegung im Verein, 125 Jahre ehrenamtliches Engagement und das nicht zu wenig, das lässt sich sehen und ist es wert, gefeiert zu werden.

Seit 1982 gibt es nun den TUS. Eine wechselvolle Geschichte liegt hinter ihm, mit vielen Höhepunkten und auch manchen Tiefschlägen und schwierigen Momenten, gerade auch in jüngerer Zeit.

Grund innezuhalten und über all das was geschehen ist nachzudenken, zu danken für das Gelungene und kritisch auch das nicht so Gelungene zu reflektieren und natürlich an diesem Wochenende zu feiern.

Warum aber eigentlich auch mit einem Gottesdienst kann man ja fragen? Passt das denn zusammen?

Was haben Sport und Kirche miteinander zu tun? Was verbindet Sportverein und Glauben?

 

Vielleicht überrascht es Sie, dass Sport und Glauben sogar sehr viel miteinander zu tun haben, dass sie sogar etwas voneinander lernen können und sich in manchem sehr ähnlich sind.

 

Ich nehme an, dass die meisten heute hierhergekommen sind, weil sie als Mitglied TUS Grolsheim Freude an der Bewegung haben, weil sie gerne in einer Mannschaft zusammen spielen, weil sie sich ein Leben ohne Sport nur schwer vorstellen können. Sport macht Spaß, ob allein oder in einer Mannschaft, sie genießen es, ihren Körper einzusetzen in Spiel und Technik, sie trainieren ihre Muskeln und ihre Ausdauer, um ihre Körperkräfte noch besser und effektiver umsetzen zu können. Der Körper, oder die Bibel, würde der Leib sagen, ist sozusagen das Instrument, das der Sportler braucht, um möglichst viel Erfolg und auch Freude zu haben.

Doch auch wenn wir das oft unhinterfragt voraussetzen: es ist nicht selbstverständlich, dass wir unseren Körper benutzen können, dass wir mit all dem ausgestattet sind, was wir zum Leben brauchen. Der Beter des 139. Psalms weiß das ganz genau, wenn er sagt:

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke.

„Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin!“, ja auch wenn ich nicht überall der Beste bin, wenn ich nicht zu denen gehöre, die auf dem Siegertreppchen stehen, wenn ich mit meiner Mannschaft nur ab und zu einmal gewinne: trotzdem ist es doch toll, was ich alles kann, dass ich so wunderbar gemacht, dass ich es kann.

Wer das voller Staunen sagen kann, der spürt: ich verdanke mich nicht mir selbst, sondern dem, der mich geschaffen hat, so wie ich bin. Und auch wenn ich meine Leistungen natürlich meinem Fleiß und meiner Ausdauer im Training verdanke, so sind sie nicht allein mein Verdienst, sondern Geschenk dessen, der mir das Leben geschenkt hat, und dazu all meine Begabungen und Talente.

Ich vermute, dass dies das Wichtigste ist, was einen Sportler in seinem Erfolg beflügeln kann: dass er über sich hinaus­schauen kann, weil er weiß: Ich bin mehr als das, was ich leiste, wie schnell ich laufen kann, wie gut ich turne oder tanze, wie schnell und präzise ich mit dem Schläger bin oder wie hoch ich mit meiner Mannschaft gewinne. Weil ich weiß, wie wunderbar ich von Gott geschaffen wurde. Dieses Wissen, diesen Glauben schenken uns die Worte aus der Bibel.

Doch dasselbe gilt auch umgekehrt: auch der Sport, so merkwürdig das klingen mag, könnte eine Hilfe sein, bestimmte Dinge im Glauben und im Leben neu zu sehen, neu zu verstehen.

Ich denke dabei an die Worte des Paulus, der im 1. Korintherbrief ganz unbefangen von der Kampfbahn spricht und sich nicht scheut, auch das Bild vom Schattenboxen heran­zu­ziehen. Wie haben es eben ja als Schriftlesung gehört.

Was kann nach Paulus der Glaube vom Sport lernen?

Zum Ersten: Wer läuft, der lernt, sich Ziele zu setzen. Sich Ziele setzen, zielstrebig sein – das heißt auch: vom Ziel her denken, auf das Ziel hin leben. Nicht bloß dahin treiben, planlos, ziellos – sondern eine Perspektive haben, Prioritäten setzen, zielbewusst denken und handeln.

Wenn der Wettkampf naht, dann muss ich eben dafür trainieren. Mich fit machen, Kondition aufbauen, meine Form finden. Dabei muss ich auch manche Bequemlichkeit opfern. Ohne Schweiß kein Preis, wie es so schön heißt und wohl ja auch stimmt. Ich muss Prioritäten setzen und gleichzeitig auf manches verzichten können. Man könnte auch sagen: Sport ist eine Schule der Zielstrebigkeit, und er ist eine Schule im Verzichten lernen.

Das bringt mich auf den zweiten Gedanken: Wer läuft, lernt sich selbst zu beherrschen. Lernt Selbstdisziplin. Man muss sich eben einen Ruck geben. Der Geist ist willig, das Fleisch bekanntlich schwach. Da gibt es tausend Ausreden, warum es gerade heute nicht geht mit dem Laufen. Weil es draußen regnet, weil es sich gerade so gemütlich bei einem Glas Bier oder Wein zusammen sitzt, weil im Fernsehen gleich das große Fußballspiel kommt und und und. Jedes Mal braucht es Selbst­über­windung und Selbstdisziplin, um loszulaufen, zu trainieren, sich zu verausgaben. Hinterher ist man natürlich froh darüber und ein bisschen stolz, weil sich das bessere Ich doch durchgesetzt hat. Wie Paulus sagt:

Ich unterwerfe meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde.

Und der dritte Gesichtspunkt, der ist ganz elementar. Wer Sport treibt, akzeptiert Spielregeln. Jede Disziplin kennt Regeln, und wer sie übertritt wird disqualifiziert. Ein fairer Wettkampf kommt nur zu Stande, wenn sich alle an die Regeln halten. Sport ist auch und vor allem eine Schule in Fairness oder sollte es zumindest sein. Da gibt es ja leider auch viele Ausnahmen, man denke nur an das Treiben der Fifa und anderer Sportorganisationen oder an die ganze Doping-Problematik.

Aber hier beim TUS gibt es so was ja nicht!

 

Doch was hat das alles mit Glauben und Gott zu tun? Was können wir daraus lernen für unseren Glauben, für unser Leben?

Ich denke noch einmal an Paulus zurück, an seinen Vergleich zwischen dem vergänglichen Siegeskranz, der im Stadion winkt, und dem unvergänglichen Preis, der bei Gott auf uns wartet. Liegt hier der Schlüssel?

Haben wir Christen nicht auch ein wunderbares Lebensziel, will Paulus uns fragen. Jesus Christus hat es uns vorgelebt und uns verheißen: Wir werden wie er auferstehen und in Gottes Herrlichkeit leben. Wenn das kein wunderbares Lebensziel ist, für das es sich lohnt zu kämpfen!

Natürlich verschweigt Paulus nicht, dass damit auch Mühsal und Verzicht verbunden sind. Wie auch beim Sport. Doch er verlangt keine Spitzenleistungen von uns, wir sollen nur bereit sein, gemäß den Möglichkeiten und Fähigkeiten, die Gott uns schenkt, in unserem persönlichen Leben, vor allem aber im Leben unserer Gemeinde alles für Gott zu geben und alles füreinander zu tun.

Soweit liegen Sport und Glauben also gar nicht auseinander, in vielem können sie voneinander lernen. Über all dem steht heute aber der Dank an unseren Gott.

Denn, dass wir als Menschen geschaffen wurden, die sich bewegen können, die Freude und Spaß am gemeinsamen Wettbewerb haben, und deshalb diesen Festtag feiern können, das verdanken wir allein unserem Gott.

Und das wir heute auf 125 Jahre TUS Grolsheim zurückschauen können, das ist auch ein Grund dankbar zu sein. Dankbar denen, die sich über all die Jahre im Verein aktiv engagiert und ihn so am Leben gehalten haben in seiner wechselvollen Geschichte und dankbar unserem Gott, der uns dafür die Kraft gegeben hat, weil er uns eben „so wunderbar gemacht hat.“

Und so wollen wir auch voll Mut und Tatendrang in die Zukunft schauen, die hoffentlich noch viele Jahre gemeinschaftliches Leben und Engagement im TUS Grolsheim bringt, sei es beim Sport oder bei Aktivitäten wie der Fastnacht oder der Kerb.

Gott schenke es dem TUS und allen Menschen, die mit ihm verbunden sind.

Amen.

 

Predigt Konfirmation 2017

Predigt Konfirmation „Du bist wertvoll“

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort. Amen.

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmationsfamilien,

aber vor allem natürlich liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen!

 

Heute nun ist der Tag Eurer Konfirmation.

Ganz klar ein besonderer Tag nicht nur für Euch, auch für Eure Eltern, Paten und Patinnen, Eure Familie.

Ein Tag an dem deutlich wird, Ihr werdet langsam erwachsen, Ihr macht immer mehr Euer eigenes Ding, Ihr werdet eigenständiger.

Früher zur Zeit Eurer Großeltern war die Konfirmation für die Meisten auch der Einstieg ins Berufsleben. Dann begann der so oft und viel besagte „Ernst des Lebens“.

Für Euch ändert sich zunächst nicht viel. Ihr wohnt weiter zu Hause, Ihr geht weiter in die Schule und tut das, was Ihr auch vor Eurer Konfirmation getan habt.

Manche mögen das bedauern, andere finden das ganz gut so.

Aber das heißt jetzt nicht, dass Ihr in Eurem Alltag nichts leisten müsstest. Ganz im Gegenteil.

Ich war immer wieder ganz verwundert und auch irritiert, wenn Ihr von der Schule, den Lehrer und Lehrerinnen, den Arbeiten und Prüfungen erzählt habt. Das war nicht nur das Thema in den Pausen, auch manchmal während der Konfi-Stunde seid Ihr immer wieder auf die Schule gekommen, musstet Euch austauschen und erzählen, was Ihr da erlebt habt. Was der Lehrer, die Lehrerin getrieben hat, was der oder diejenige überhaupt für eine ist, was der Mitschüler getan hat oder nicht getan hat und was Ihr noch alles zu erledigen und zu lernen habt. In dem Maße habe ich das selten erlebt. Auch die Entschuldigungen, dass Ihr nicht in die Konfi-Stunde kommen könnt, weil morgen eine wichtige Arbeit ansteht, für die Ihr noch lernen müsst.

Und wenn ich dann erlebt habe, wie geschafft und müde Ihr manchmal ward, wenn der Konfirmandenunterricht am späten Nachmittag begann, - und mir ging es da ja manchmal nicht anders - dann dachte ich mir: Nicht ärgern, es ist doch toll, dass die Jugendlichen trotz der belastenden Schule und all dem, was sie auch sonst noch so zu leisten haben, sich Zeit nehmen hier her in den Konfi-unterricht zu kommen und versuchen sich noch mal für eineinhalb Stunden zusammenzureißen und zu konzentrieren. Das war nicht immer leicht für Euch, für uns die wir den Unterricht gehalten haben auch nicht, aber im Großen und Ganzen hat es doch gut funktioniert.

Ja, Ihr müsst eine Menge leisten, auch schon in Eurem Leben, auch wenn die Erwachsen das manchmal nicht so anerkennen.

Das betrifft nicht nur die Schule, auch in Eurer Freizeit seid Ihr häufig irgendwo aktiv. Sei es beim Sport, der Feuerwehr, beim Lernen und Üben eines Instrumentes oder bei sonst irgendetwas.

Ihr müsst was leisten, Ihr werdet dazu angehalten von Euren Eltern, von Eurer Umwelt und vielleicht auch von Euch selbst, weil Ihr das so wollt. Und sich durch Leistung zu bestätigen, kann ja auch Spaß machen und das Selbstwertgefühl gehörig steigern.

 

Wir alle müssen jeden Tag etwas leisten - um für uns selbst zu sorgen, in der Familie, in der Schule, im Beruf, ja in nahezu allen Bereichen unseres Lebens. Das wir etwas leisten können, ist wichtig und meistens auch beglückend.

Aber ich habe das Gefühl, dass der Bogen heutzutage oft überspannt wird, auch schon bei Euch, dass wir uns selbst oder andere nur noch an Leistung messen. Unsere Leistungsgesellschaft, wie es ja so schön heißt, stellt uns da scheinbar täglich vor neue Herausforderungen. Hoch ist der Druck, gut da zustehen und immer Spitzenleistungen zu bringen und gleichzeitig auch noch alle anderen Lebensbereiche gut zu meistern. Zum Druck von außen, kommen die eigenen inneren Stimmen: Bringe ich es? Müsste ich nicht noch mehr tun? Sind die anderen nicht besser? Was ist, wenn ich die Leistung nicht mehr bringe? Wenn ich zu Versagen drohe?

Einige kennen wohl die Zweifel, ob die eigene Leistung ausreicht und das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Ihr kennt das wohl auch.

Das ist die Schattenseite unserer Leistungsgesellschaft. Immer wieder zerbrechen Menschen daran, dass sie nicht mehr das leisten können, was sie sich vorgenommen haben oder andere von ihnen erwarten. Und viele erliegen dabei dem Zwang immer perfekt zu sein oder zumindest so zu erscheinen. Solche Menschen kennt ihr wohl auch.

 

Wir feiern dieses Jahr 500 Jahre Reformation. Der Reformationstag am 31. Oktober ist dieses Jahr einmalig in Deutschland Feiertag, um an das Ereignis der Reformation und die Geburtsstunde der Evangelischen Kirche zu erinnern.

Im Mai 1530 steht die Sache der Reformation auf Messers Schneide. Die Lager der Reformierten und der Altgläubigen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Krieg liegt in der Luft. Da treffen sich die verfeindeten Lager zum Gespräch in Augsburg. Es soll den Versuch einer Einigung geben.

Luther selbstkann nicht dort hin. Der Bann liegt auf ihm. Er darf den Gegnern nicht in die Hände fallen. So bleibt er während der Verhandlungen in der Veste Coburg, bei Freunden. Aber er schickt seine besten Leute, angeführt von Philipp Melanchthon, dem brillanten Theologen und Vertrauten Luthers. Regelmäßig informieren berittene Boten den ungeduldig Wartenden.

Nach einigen Wochen kommen beunruhigende Nachrichten aus Augsburg. Die Freunde klagen, dass sie sich um Melanchthon Sorgen machen. Er lebt nur noch zwischen Verhandlungssaal, Schreibtisch und Besprechungszimmer. Er gönnt sich keine Ruhe, schläft kaum, isst wenig. Noch nicht einmal am Sonntag ruht er. Sie haben Angst, dass er nicht durchhält.

Martin Luther schreibt in einem seelsorglichen Brief an Melanchthon: „Aber Du höre, was ich vor allen Dingen will: Denke daran, dass Du Dir … Deinen Kopf zugrunde richtest. Deshalb will ich Dir und allen Freunden befehlen, dass sie Dich … unter Regeln zwingen, die Deinen Leib erhalten, damit Du nicht ein Selbstmörder wirst und danach vorgibst, dass dies aus Gehorsam gegen Gott geschehen sei. Denn man dient Gott auch durch Nichtstun, ja durch keine Sache mehr als durch Nichtstun. Deshalb nämlich hat er gewollt, dass vor anderen Dingen der Sabbat so streng gehalten werde. Siehe zu, dass Du dies nicht verachtest. Es ist Gottes Wort, was ich schreibe.“

Mich beeindruckt dieser Brief Luthers. Obwohl er weiß, was auf dem Spiel steht ermahnt er den Freund mit sich selbst sorgsam umzugehen, und auch an Ruhe zu denken.

Luther weiß, Menschen und ihr Leben sind wertvoll und kostbar. Nicht wenn sie perfekt oder erfolgreich sind, sondern weil Gott es ihnen zugesagt hat.

Nicht der Gedanke „Ich bin, was ich schaffe, was ich leiste. Ich bin erfolgreich - also bin ich wer!“ ist der der Bibel und des evangelischen Glaubens. Schon Luther hatte da eine andere Antwort vor 500 Jahren. Seine zentrale Erkenntnis, die dann zu all dem geführt, was geschichtlich gekommen ist, war nämlich: „Ich bin mehr, als was ich in meinem Leben leiste und schaffe. Ich bin mehr wert als das, was ich aus meinem Leben mache. Denn in Gottes Augen bin ich immer schon wertvoll.“ Theologisch gesprochen: Seine Gnade gilt mir immer und sie gilt mir bedingungslos ohne, dass ich dafür etwas leisten muss. Die Gnade Gottes geht mir immer voraus.

Diese Erkenntnis hat Luthers Leben verändert.

Für ihn war das die größte Entdeckung, die er während seines Bibelstudiums machte. Eine Entdeckung, die mit der Reformation die Welt veränderte. Damals meinten die Menschen, sie müssten große Leistungen erbringen – gute Werke –, um Gott zu beeindrucken. Heute wollen wir ja eher andere beeindrucken, Gott ist nicht mehr so präsent in unserem Alltag, wie bei den Menschen damals vor 500 Jahren.

Doch Martin Luther erkannte: Gott liebt uns und nimmt uns an. Für jeden Einzelnen gilt: „Du musst nichts leisten, um von Gott geliebt zu werden.“ Alles, was du tun musst, ist das zu glauben, also ganz auf Gott zu vertrauen. Gottes unumstößliches „Ja“ gilt jedem Menschen. Auch wenn wir das manchmal nicht glauben können. Diese biblische Erkenntnis hat Martin Luther neu entdeckt und in seinen berühmten 95 Thesen herausgestellt.

 

Geheiligt heißen wir als Christen nicht, weil wir etwa vollkommen wären, sondern weil wir durch unsere Taufe zu Gott gehören. Nach seinem Ebenbild hat uns Gott, der heilig ist, geschaffen. Wir sind also kostbar, wertvoll. Die anderen allerdings auch.

Ist damit egal, was wir ansonsten tun? Nein. Entscheidend ist aber die Reihenfolge. Nicht unsere eigenen guten Taten erzeugen Gottes Liebe, sondern Gottes Liebe erzeugt in uns den Antrieb zu guten Taten.

 

Für Euch die gleich Konfirmierten heißt das, Ihr dürft und sollt auch mal durchatmen. Das Leben verlangt Euch sicher noch genug ab und tut es ja schon.

Was ich Euch wünsche zumindest ab und zu, dafür gibt es ein schönes altes Wort: Muße.

Mit Kategorien von Freizeit, Faulheit oder Müßiggang lässt sich Muse nicht ausreichend beschreiben. „Wer Muße hat, ist frei davon, etwas zu müssen“.

Muße ist erfüllte und erfüllende Zeit - nur eben nicht sofort verwertbar, aber wertvolle Zeit. Weil sie Freiräume entstehen lässt, für so vieles Einmalige im Leben.

Und denkt daran, Ihr müsst nicht etwas werden, Ihr seid schon etwas. Da kann Euch große Gelassenheit im Umgang mit Euch selbst und mit den Menschen, die zu Euch gehören geben.

Und eine große Gelassenheit auf dem Weg, der vor Euch liegt.

Wir bitten heute darum, dass es ein gesegneter wird.

Der Herr sei mit Euch!

Amen.

 

 

Predigt Christi Himmelfahrt 25.05.2017

Predigt über das Kirchentagsmotto 2017
„Du siehst mich an!“

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde hier im Park am Mäuseturm!

 

„Du siehst mich“ – das ist das Motto des evangelischen Kirchentags, der seit gestern in Berlin und in mehreren Städten auf dem Weg stattfindet. Zigtausende sind zu den verschiedenen Veranstaltungen zusammengekommen und haben über den Glauben nachgedacht, diskutiert und Gottesdienste gefeiert. Am Sonntag wird der Abschlussgottesdienst gefeiert. Mehr als hunderttausend Menschen werden dazu in Wittenberg erwartet und noch viel mehr verfolgen den Gottesdienst am Bildschirm.

Wir sind heute hier auch in stattlicher Zahl im Park am Mäuseturm zusammengekommen, in dieser so einmaligen und landschaftlich reizvollen Umgebung, um unseren Christi Himmelfahrt Gottesdienst als Evangelische Gemeinden in der Region zusammen zu feiern. Auch uns gilt heute wie an jedem Tag das Motto des Kirchentags: Du siehst mich. Die Vorbereitungsgruppe war der Meinung: Das ist auch ein gutes Motto für diesen Gottesdienstes an Christi Himmelfahrt: Du siehst mich.

Im Jahr 2015 Samstag hat das Präsidium des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages über eine Handvoll Bibelverse diskutiert, die eine Exegese-Gruppe als mögliche Losungen vorgeschlagen hatte. Dabei wurde überlegt, welcher Vers am besten zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen passt. Per Abstimmung hat sich das Präsidium schließlich mit breiter Mehrheit für Du siehst mich entschieden. 2015.

 

Tag für Tag werden uns unzählige Bilder präsentiert. Fernsehen, Computer und Smartphone lassen in schneller Folge immer neue Bilder an unseren Augen vorbeiziehen – Bilder aus dem privaten Umfeld ebenso wie Bilder vom Weltgeschehen, furchtbare Bilder einerseits (Manchester), aber auch schöne, erfreuliche. Filmszenen wechseln in neuen Filmen viel häufiger als früher, die Schnitte sind rascher, härter.

Selbst in Sendungen für Kinder dauert kaum eine Einstellung länger als eine Minute. Wir leben in einem visuellen Zeitalter, heißt das dann wissenschaftlich. Doch ich habe den Eindruck: Es sind viel mehr Bilder, als wir wirklich sehen und verarbeiten können, und am Ende nehmen wir vielleicht trotz aller Masse und Vielfalt weniger wahr als Menschen frühere Generationen.

Ich fand es bezeichnend, dass die Entwickler und Betreiber von Snapchat, einen Bilderversendeprogramm für Smartphone, Tablet und PC einen der erfolgreichsten Börsengänge der letzten Jahre hingelegt haben, weil sie anscheinend mit ihrem Angebot einen Nerv getroffen haben. Das besondere an Snapchat ist unter anderem, dass die damit versandten Bilder nur zwischen einer und 10 Sekunden sichtbar sind, dann löschen sie sich automatisch.

Du siehst mich an - aber nur ganz kurz. Für mehr ist keine Zeit mehr, für länger keine Geduld, für dauerhaft kein Bedarf.

 

Lange ansehen ist heutzutage eher ungewohnt. Wir haben das Zeitalter des kurzen Blicks, so scheint es.

Ja, wenn wir mal in den Himmel schauen, die Wolken vorüberziehen lassen, oder das schöne Rheintal da hinunterschauen, da kann unser Blick mal länger verweilen.

 

Ich hatte heute mit Ihnen eigentlich ein Experiment vor. Ich wollte Sie bitten, dass Sie ihrem Nachbarn oder der Nachbarin neben Ihnen oder vor oder hinter Ihnen eine Minute mal direkt ins Gesicht schauen und umgekehrt.

Es sehr ungewohnt, einen anderen Menschen in Ruhe eine Minute lang anzusehen. Das kann durchaus verstören, denjenigen der schaut und denjenigen, der angeschaut wird.

Und verstören wollte ich heute nun niemanden und wer weiß, was für eine Dynamik die ganze lange Blickerei ausgelöst hätte und da habe ich dann darauf verzichtet.

Vielen käme wahrscheinlich die eine Minute dieser Übung sehr lang vor. Auf jeden Fall ist es ungewohnt, statt der vielen schnellen Bilder die Augen auf dem Gesicht von einer anderen Person ruhen zu lassen. Und es ist erstaunlich, wie viel sich in dieser Zeit wahrnehmen lässt.

Wer möchte kann es aber gerne ausprobieren - jetzt oder später.

 

„Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein“ – so habe ich als Kind abends mit meiner Oma gebetet. Dass Gott mich nachts ansieht, fand ich manchmal beängstigend und manchmal beruhigend. Einerseits fühlte ich mich kontrolliert wie unter einem strengen Blick, andererseits aber auch geborgen, weil jemand auf mich aufpasste, wenn ich schlief.

 

Gott sieht uns, das ist für manche zeitlebens eine Vorstellung, die ihnen Angst macht und sie unfrei macht. Gott, der alles sieht, am Ende sogar unsere Gedanken; Gott der strenge Richter, der nichts ungestraft lässt. Dieses Bild von Gott hat wohl mehr mit früheren Erziehungsmethoden zu tun als mit dem Glauben an einen liebenden Gott, der uns ermutigt und behütet. „Du siehst mich“ – das Motto des Kirchentags meint jedenfalls eher das zweite: Weil Gott seine Augen auf mich gerichtet hat, bin ich gesehen, bin nicht allein und werde wertgeschätzt.

Gott ist nicht ferne im Himmel und betrachtet sich das ganze Geschehen auf der Erde eher distanziert, bestenfalls interessiert, sondern er blickt uns, mich direkt an, er sieht mich, nimmt mich wahr, indem wie ich bin und was ich brauche.

Das ist zumindest meine Hoffnung zu Christi Himmelfahrt. Wenn Jesus Christi jetzt bei ihm ist, da sagt ja Christi Himmelfahrt im Kern aus, dann steht er für uns ein, dann sieht Gott durch ihn uns an. Und das kann dann nur ein Blick der Liebe und des Angenommenseins sein.

 

Dieser Satz „Du siehst mich“, dieses Motto des Kirchentages ist einer biblischen Geschichte aus dem Alten Testament entnommen. „Du siehst mich“, sagt Hagar im Alten Testament, im ersten Buch Mose. Dort wird ja von Abraham erzählt, der für Juden, Christen und Muslime ein Stammvater des Glaubens ist. Abraham und seine Frau Sara waren kinderlos, in damaliger Zeit ein sehr schweres Schicksal. So wurde die ursprünglich ägyptische Sklavin Hagar – wir würden heute sagen – als Leihmutter eingesetzt. Selbst hatte sie nichts zu sagen, aber sie gebar Abraham einen Sohn, Ismael genannt. Als Sara später selbst doch noch einen Sohn zur Welt brachte – Isaak ist ja den meisten bekannt –, da war Hagar mit Ismael in der Familie Abrahams nicht mehr geduldet. Von den Menschen verachtet und verstoßen begegnete sie in der Wüste einem Boten Gottes. Dieser Engel sah sie in ihrer Not an und redete mit ihr. Und dann heißt es: Hagar nannte den Namen Gottes, der mit ihr redete: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1. Mose 16,13)

 

Diese Wendung „Du bist ein Gott, der mich sieht“ zeichnet ein Gottesbild, das auf Beziehung gegründet ist. Der Gott, von dem im Alten und Neuen Testament der Bibel die Rede ist, ist kein fernes und unnahbares Wesen, sondern er wendet sich dem einzelnen Menschen zu und gibt sich zu erkennen. Ein Mensch, der sich von Gott gesehen fühlt - von ihm gefunden wird wie Hagar - fühlt sich wertvoll und geachtet, kann trotz aller Demütigung aufrecht durchs Leben gehen.

 

Von Gott angesehen zu werden, begründet die Würde des Menschen als Gottes Geschöpf. Sehen stiftet Beziehung, nicht nur mit Gott, sondern auch im Miteinander aller Menschen.

 

Hagar war glücklich, als sie bemerkte, dass Gott sie hört und dass Gott sie sieht.

Du siehst mich und du hörst mich. Wie viele Menschen mögen sich die Frage stellen, ob dies auch für sie zutrifft. Ob sie tatsächlich gesehen und gehört werden. In Ihrem Alltag, in ihrer Familie, in ihren Beziehungen, in der Politik, im Arbeitsumfeld. Viele fühlen sich heute nicht oder zu wenig beachtet. Von unserer Gesellschaft, von der großen Politik. Die Gefahr der Konfrontation ist groß. „Die da oben, die da in Berlin, die etablierten Parteien, die sehen uns nicht mehr und dann bietet man sich als Alternative an, die in Wahrheit keine ist. Denn auch diese sieht nur sich und ihre Interessen und vereinfacht und polemisiert auf schwer erträgliche Weise.

 

Das Kirchentagsmotto setzt diesem Gefühl etwas entgegen: Du siehst mich! Was Gott in der biblischen Geschichte tut, können wir in unserem Leben aufgreifen: andere sehen, sie wahrnehmen, hinhören. Zuhause in unseren Familien fängt das an. Und geht weiter in der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Straße, in der Politik, in der Gemeinde.

Den anderen sehen, nicht wie ein Selfie bei Snapchat, dass ich nach ein paar Sekunden wieder löscht, sondern tiefer, wahrer, aufrichtiger. Das ist mühsam, durchaus und vielleicht ist es nicht immer nur angenehm, was wir da zu sehen bekommen. Wir Menschen sind ja nicht nur liebenswert, oftmals sogar im Gegenteil, aber Hinsehen, genau Hinsehen lohnt im Guten wie wohl auch im Bösen.

 

Du siehst mich, Gott – so wie Hagar in der Bibel können auch wir das sagen und darauf vertrauen. Nicht nur beim Kirchentag in Berlin und Wittenberg, und auch nicht nur sonntags im Gottesdienst, sondern gerade in unserem Alltag können wir uns von Gott gesehen wissen. Weil Gott uns sieht, sind wir angesehene Leute. Entscheidend ist nicht, was andere über uns denken und wie sie uns behandeln. Entscheidend ist, dass wir vom Ansehen Gottes leben können, mutig, fröhlich und frei.

Kein schlechtes Vorhaben heute an Christi Himmelfahrt, am nächsten Wochenende an Pfingsten und überhaupt im ganzen Jahr.

Du siehst mich, Gott - so ist es! Und das ist gut so.

Amen.

Predigt Rogate "Übers Beten" 21.05.2017

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und dem Herrn Jesus Christus.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute haben wir zwei Taufen im Gottesdienst erlebet. Wir haben Jonas und Maik Marvin getauft. Und wenn wir Taufen haben, dann kommen auch oft Kinder, größere und kleinere hier mit in die Kirche und auch oft Menschen, die sonst eher selten bis gar nicht in die Kirche gehen.

Für die ist das, was wir hier treiben im Gottesdienst doch ziemlich fremd. Die Gebete, die Lieder, die Lesungen unsere ganze Liturgie, wie wir den Ablauf des Gottesdienstes nennen.

Und ganz schwer tun sie sich häufig mit der Predigt, also damit, was ich jetzt tue, der Auslegung eines Textes aus der Bibel in unsere heutige Zeit und Sprache.

Ich gebe mir da immer alle Mühe, aber ich weiß auch, es ist nicht leicht da dem Pfarrer zu folgen, was und wie er das so sagt. Das ist oft ungewohnt, die Sprache, die Gedanken und vor allem ist es zu lang, sagen die meisten, die es nicht gewohnt sind. Warum redet der nur so viel und über so Sachen, die doch eigentlich schon lange her sind und ihn mehr interessieren, als einen selbst.

Deswegen bin ich in mich gegangen, habe mit mir gerungen und mich dann entschlossen heute eine Kurzpredigt zu halten. Kürzer und knapper als sonst, aber deswegen nicht mit weniger Inhalt.

Ich habe mich entschieden mich auf den Wochenspruch zur Rogate, wie eingangs schon erwähnt, übersetzt aus dem lateinischen bedeutet das: Betet!, zu beschränken.

Er steht im 66. Psalm, Vers 20 und lautet:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht ver­wirft noch seine Güte von mir wendet.

 

Einer verbreiteten Redewendung zufolge hilft ja manchmal nur noch „Beten“. Das sagt man, wenn man sonst nicht mehr weiter weiß, die Möglichkeiten des eigenen Handelns ausgeschöpft sind und man nur noch hoffen kann, dass sich alles doch noch zum Guten wendet.

So was gibt es, diese Erfahrung, dass dann im Gebet Hoffnung und auch Kraft liegt. Gut so!

Aber ich sage mal ganz provozie­rend, ich glaube nicht, dass Beten so jemals gehol­fen hat. Jedenfalls nicht so, wie es sich viele Menschen nett, aber etwas naiv vorstellen: Man muss nur „richtig“, d.h. dann wohl in­ständig, heftig, beharrlich genug beten, und dann wird Gott einen schon erhören und es richten.

Wenn man diese Logik umkehrt, dann wäre die Beterin oder der Beter nämlich selbst schuld, wenn das Anliegen ihres, seines Gebetes nicht erfüllt würde: Er/Sie hätte dann „falsch“ ge­betet, eben nicht inständig, nicht beharrlich genug.

Ein Gott, der auf solche Gebete reagierte, sich auf solches Beten ein­ließe, wäre mir sehr suspekt. Er wäre abhängig von unseren Gebeten und nicht allmächtig und frei in seinen Entscheidungen. Es wäre ein „magischer“ Gott, einen, der wir durch unsere Handlungen beeinflussen könnten, der sich auf kindliche Tauschrituale ein­ließe und dessen Handeln vom Menschen abhinge.

Und ich, als Betender, hätte ihn gewissermaßen „in der Hand“: Ich könnte ihm durch „richtiges“ Beten die Erfüllung meiner Wün­sche abtrotzen.

Ein schöner Gott wäre das, und zugleich eine trostlose Perspektive für uns Menschen: Es hängt dann doch wieder alles an mir - ich muss auch im Gebet das richtige Leisten, sonst erhört mein Gott mich nicht. Dabei hat er doch schon ganz im Vorherein, bei der Taufe mir zugesagt, dass er mich annimmt, mich liebt, sein Gnade mir schenkt, mich erhört. Allerdings nicht immer so wie ich will, sondern nach seinem eigenen Verständnis und Tun, das mir manchmal so fremd und unverständlich erscheint.

Fromme Menschen, die mir raten, ich müsse nur richtig beten, helfen und trösten mich nicht, sondern machen mir Angst. Wenn ich irgendwo aus dem Leistungsdruck, aus dem Optimierungswahn aussteigen kann, dem ich mich in so vielen Bereichen meines Alltages stellen muss, dann doch im Glauben. Und im Gebet!

 

Aber: Wenn ich ehrlich bin, glaube ich auch nicht, dass Beten nichts hilft. Ganz und gar nicht. Da wäre ich ja auch ein schöner Pfarrer, der seiner Gemeinde sagt: Lasst das mit dem Beten, es bringt eh nichts.

„Beten heißt, große Wünsche zu haben“, so habe ich einmal gelesen und es mir gemerkt. Ich denke nicht nur große, sondern auch kleine Wünsche. Nur wer überhaupt noch Wünsche hat, ist noch nicht fertig mit sich und der Welt. Wer noch Fragen hat, sich nicht abfindet damit, dass vieles so ist, wie es ist, und dass vieles so bleiben soll, wie es angeblich immer schon war, wer nicht einverstanden ist mit der Ungerechtigkeit um ihn herum, der ist noch lebendig.

 

Beten kann vieles sein: Lob, Dank, Klage, Fluch, Zweifel, Jubel aber immer zeigt es: Mir ist nicht gleichgültig, was mit mir, und anderen ge­schieht. Im Gebet behalte ich diese Haltung nicht bei mir, son­dern spreche sie aus. Damit ist das Unglück noch nicht besei­tigt und das Glück nicht ausgebrochen. Aber ich habe mein Verhältnis zu dem, was mich bewegt, versucht zu klären. Ich habe es ausgespro­chen, bewusst gemacht.

Beten verändert nicht die Welt, son­dern, die, die beten.

Auf diese Weise hilft es eben doch. Aber anders, als viele oft meinen.

Gott erfüllt nicht all unsere Wünsche, aber all seine Verheißungen, hat Dietrich Bonhoeffer einmal geschrieben. Dafür kann man ihm danken, ihn loben; darauf kann man sich verlas­sen, deshalb kann man und soll man auch ruhig beten. Sollte es das sein, was der Beter des 66. Psalms meint, aus dem der Wochenspruch stammt: Gelobt sie Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

 

Und eines noch für die Tauffamilien. Beten kann man einüben, sollte man einüben. Ich habe den Taufunterlagen, ein kleines Heftchen mit Kindergebeten beigelegt. Wir tun das immer bei Taufen.

Ihr könnt ja heute Abend am Tauftag von Jonas und Maik, wenn Ihr sie ins Bett bringt, mal das Heftchen aufschlagen und ein Gebet daraus sprechen Noch sind die beiden zu klein, um zu verstehen, was ihr sagen, beten werdet. Aber sie werden sich an das Ritual gewöhnen, Ihr vielleicht auch. Und dann seid Ihr Betende, vereint im Gebet, Eltern, Großeltern, Paten, Patin und die Kleinen frisch Getauften. Das ist ein guter Anfang.

So kann es weiter gehen. Ohne Zwang, frei im Vertrauen auf unseren Gott, der es sehr gut mit uns und mit Jonas und Maik meint.

Amen

 

Predigt Ostersonntag 23.04.2017

Predigt über „volle und leere Gräber“

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Reisende Touristen, Journalisten und andere haben es oft erlebt, beobachtet, beschrieben, fotografiert, veröffentlicht.

Was denn?

Nun, das große Schauspiel auf dem Roten Platz in Moskau. Eine schier endlose Schlange andächtiger Menschen aus allen Ecken der ehemaligen Sowjetunion, Arbeiter, Bauern, Männer und Frauen. Sie alle stehen Schlange vor dem berühmten Mausoleum. Von Zeit zu Zeit geht es ein Stück vorwärts. Sie werden irgendwann hineingelassen und stehen schließlich nach langem Warten vor einem gläsernen Sarg. Darinnen liegt Lenin, der große Vater der Revolution und erste Führer der Sowjetunion. Gerade so als ob er noch lebt und nur schläft. Einbalsamiert, auf lebend zurechtgemacht, mit einem großartigen „Make-up“. Es ist still, wie in einer Kirche. Die Menschen stehen andächtig – ehrfürchtig erschauernd vor einem Großen der Weltgeschichte.

 

Sie beten ihn quasi an. Sie sehen ein gefülltes Grab. Sie sehen einen Toten, der aussieht, als ob er lebe.

Selbst die westlichen Touristen sind stark beeindruckt. Nicht bloß von der Andacht, mit der täglich Tausende von Menschen dort vor dem Glassarg verharren. Nein, sie sind unmittelbar beeindruckt von dem, was sie sehen. Das ist doch etwas. Da sind die Männer, die Geschichte schrieben, sichtbar, greifbar, unmittelbar vor Augen. Da ist der Lenin im Mausoleum von Moskau. Da ist Karl der Große im Dom zu Aachen. Da ist Napoleon im Dom der Invaliden zu Paris. Da ist Friedrich der Große im Park des Schlosses Sanssouci. Da sind die englischen Könige in Westminster Abbey zu London. Da ist Tutanchamun im goldenen Sarg zu Kairo. Gefüllte Gräber, vor denen die Menschen staunend und ehrfürchtig stehen, das ist geschichtliche Größe. Aber ob im goldenen Sarg von Kairo oder im gläsernen Sarg mit großem Make-up wie Lenin in Moskau – der Tod und der Tote ist anschaulich präsent: Der Sarg ist voll. Die Lebenden sind gestorben, die Großen der Weltgeschichte sind tot.

Über diese Tatsache hilft keine Ausrede hinweg. Keine kunstvolle Einbalsamierung, keine goldene Maske á la Pharao Tutanchamun, kein Gerede etwa wie: Ihr lebt in euren Völkern, in euren Kindern, in euren Taten weiter.

Nichts hilft über die Tatsache hinweg, dass sie tot sind, ein für alle Mal tot. Denn ihre Gräber sind voll.

 

Schauen wir auf Jerusalem. Was passiert da gerade jetzt?

Die große Masse strömt durch das Damaskus-Tor in die Altstadt. Schweigend, manchmal auch klagend schreiten sie die Via Dolorosa entlang und treten endlich gesenkten Hauptes in die Grabeskirche. Sie knien schweigend dicht bei dicht in der großen Rundkirche vor dem Heiligen Grab. Choräle erklingen in der hohen Kuppel, Kerzen flackern, Gebete steigen auf. Und dann kommt der jubelnde Schrei aus vielen Hunderten von Mündern: Christ ist erstanden. Und das Grab, vor dem sie knien, ist: leer. Sie knien vor einem leeren Felsengrab, sie beten vor einem leeren Grab, sie glauben – ja, was denn – etwa an ein Nichts?

Nichts ist dort sichtbar als ein leeres Grab, ein Steinstück, welches ein Überrest sein soll von dem großen Rollstein, der einst das Grab verschloss. Und die Pilger erinnert sich vielleicht der Worte, welche die Frauen am ersten Ostermorgen sprachen: „Wer wälze uns den Stein von des Grabes Tür? Denn er war sehr groß.“

Ein leeres Grab, ein Stein davor, das ist das Osterheiligtum. Davor beten sie. Dahin wandern die Gedanken der Christen in aller Welt: in ein leeres Grab.

 

Moskau, Potsdam, Aachen, Paris, Kairo einerseits. Dort volle Gräber – Männer die Geschichte machten – nun aber tot – einbalsamiert – menschliche Konserven sozusagen. Eingeweckt in Steinsärgen, Goldsärgen, Glassärgen, Metallsärgen. Und andererseits – im Gegensatz dazu – Jerusalem – mit seinem leeren schlichten Felsengrab.

Auch dieses Grab war einmal voll. Der Rollstein war versiegelt, davor eine Wache. Damit wäre der Fall des gelehrten Juden Jesus von Nazareth abgeschlossen – für menschliche Begriffe. Aber dann machte Gott, der Allmächtige, Geschichte und bewies, dass für ihn der Fall Jesus von Nazareth keineswegs erledigt war. Er ließ den auferweckten Jesus aus dem Grab hervortreten.

 

Frauen fassen sich als Erste ein Herz und gehen – nachdem der Sabbat fertig war – zum Grab Jesu. Der Rollstein ist weggeschoben, das Grab leer. Völlig außer sich laufen sie zu den elf Jüngern zurück und berichten. Diese Männer aber sagen schlicht und einfach: Ihr spinnt alle miteinander. Erzählt uns doch keine frommen Märchen. Diese Männer sind zunächst skeptisch und ungläubig. Sie zweifeln an den Worten der Frauen. Der Zweifel ist absolut nichts Neues. Längst bevor wir zweifeln an dem Ostergeschehen, haben schon die Jünger Jesu gezweifelt, waren skeptisch. Aber, diese Jünger haben sich wenigstens die Mühe gemacht, das Zeugnis der anderen von der Auferstehung nachzuprüfen und sind glaubend geworden.

Bald ging der Ruf durch die Welt: Ohne Jesus Christus sind wir verloren. Durch ihn haben wir Anteil an der Heilung, am Heil, an Auferstehung und ewigen Leben. Gott ist allmächtig!

 

Im Bereich der Welt lebt man von der Vergangenheit, von den sogenannten großen Figuren, die Geschichte machten. Man lebt nach hinten orientiert, man schaut immer nach hinten, was einmal war. Diese Menschen stehen vor gefüllten Gräbern, vor den menschlichen Leichen in Glassärgen und verehren diese.

 

Wir Christen aber glauben und schauen auf das leere Grab in die Zukunft und auf die neue Welt Gottes, die wir alle erleben, wenn wir dem Wort Gottes trauen, das größer ist als alle unsere Vernunft.

Amen.

Predigt Karfreitag 14.04.2017 anhand des Bildes "Everlast" von Nancy Fousts

Predigt über Nancy Fouts Bild „Everlast“

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

2001 erhielt er von Bundespräsident Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz: Die Auszeichnung gelte „allen Vorbildern, die das Leben anderer ein Stück besser gemacht haben“, sagte Rau bei seiner Laudatiorede in Schloss Bellevue. Nach dem Ende seiner sportlichen Karriere gründete er eine Stiftung. Unter dem Motto „Faire Chancen für junge Menschen“ fördert seine Stiftung Projekte, die benachteiligten jungen Leuten neue Perspektiven eröffnen wollen. Weil er 1964 in der DDR geboren wurde, nach der Wende in den Profisport wechselte und von 1993 an zehnmal Weltmeister im Halbschwergewicht wurde, galt er lange Zeit als eine Leitfigur des wiedervereinigten Deutschlands in Sachen Boxsport. Die Rede ist, Sie ahnen es längst, von Henry Maske. Viele Bilder zeigen Maske mit roten Boxhandschuhen. Nicht selten hat er am Ende eines Boxkampfes beide Arme in die Luft gestreckt und damit seinen Triumph ausgedrückt und nicht selten hat er dabei zwar triumphierend, aber erschöpft ausgesehen. Die roten Boxhandschuhe, die Anstrengungen des Kampfes und die Siegerpose der emporgestreckten Arme – im Boxsport gehören sie zusammen.

 

Boxhandschuhe und Jesus von Nazareth, liebe Gemeinde, gehören dagegen auf den ersten Blick gar nicht zusammen. Die Künstlerin Nancy Fouts hat Boxhandschuhe und den Mann aus Nazareth dennoch zusammengebracht.

Ihr Bild, das Sie vor Beginn des Gottesdienstes bekommen haben, zeigt einen Mann, dessen Körper gesund ist. Gut gebräunt steht er da. Der Körper ist nicht durchtrainiert wie der eines Boxers, aber muskulös wirkt er schon. Dass es sich um Jesus handelt, lässt sich vor allem am Kopf erkennen. Wie in unzähligen Darstellungen der Kreuzigung fällt der Kopf nach rechts, der Mund ist halb geöffnet und die Augen blicken ins Leere. Das Haar ist halb lang, Kinn und Wangen sind mit einem Vollbart bedeckt: Eine Jesus-Darstellung wie viele von uns sie kennen – aus Kirchen und Bibeln, aus Museen und von Altären. Was diesem Jesus allerdings fehlt, sind die Spuren der Folter und des Kreuzes. Es fehlt ihm die Dornenkrone; seine Seite ist nicht aufgerissen und Wundmale der Nägel an den Füßen hat er auch nicht. Lediglich der halb geöffnete Mund und die heraushängende Zunge erinnern an den Schwamm mit Essig, den man ihm reichte, bevor er sein Haupt neigte und starb.

Die nach oben gestreckten Arme erinnern zwar an die Kreuzigung – das Kreuz selbst aber ist nicht abgebildet. Und dort, wo klassische Jesusdarstellungen die an das Kreuz genagelten Hände zeigen, trägt dieser Jesus Boxhandschuhe. Dort, wo bei traditionellen Jesusbildern ein halb zerrissenes Tuch die Scham bedeckt, trägt dieser Jesus Boxershorts mit der Aufschrift „Everlast“ – eine verkürzte Form des englischen „everlasting“, das so viel wie „ewig“, „immerwährend“, „unvergänglich“ bedeutet. Die Boxershorts wirken dabei merkwürdig groß, zu groß für diesen Menschen.

 

„Everlast“ hat die Künstlerin ihre Skulptur genannt. Das Ewige, der unvergängliche Christus, der immerwährende Glaube an Tod und Auferstehung, der Gekreuzigte und doch Triumphierende; der Tote in der Siegerpose eines Boxers; der leidenden Christus, der im Sieg von Ostern schon eingekleidet ist. Everlasting.

 

Im 2. Korintherbrief 12,10 schreibt der Apostel Paulus: „Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Verzweiflung, in Not, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi Willen: denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“

Paulus ist sich sicher: Weil Christus mir im Glauben zu Hilfe kommt, kann ich guten Mutes sein auch dann, wenn ich schwach bin, wenn ich in Notlagen bin, wenn ich verfolgt oder in anderen schwierigen Situationen bin.

Denn gerade dann, wenn ich selbst schwach bin, macht mich mein Glaube, meine Hoffnung stark; macht es mich stark, wenn ich auf Christus schaue. Denn gerade als dieser am Kreuz am schwächsten war, lagen darin auch paradoxerweise Stärke und Triumph verborgen. Gerade als Christus sein Haupt neigte und verschied, lag darin auch Ewigkeit verborgen; lag darin die Siegerpose dessen, der über seine Gegner triumphiert und dadurch unvergänglich, unvergessen, ewig wurde. Everlasting.

 

Nicht jeder kann teilen, was Paulus hier beschreibt. Nicht jeder kann von sich behaupten, dass gerade in Zeiten der Not oder in schwierigen Lebensabschnitten, sich so etwas wie Stärke einstellte. Dass Menschen sich aber gelegentlich im Rückblick wundern, woher die Kraft gekommen ist, die schweren Tage durchzuhalten, in scheinbar aussichtslosen Situationen weiterzumachen, nicht den Kopf in den Sand zu stecken oderzu verzweifeln – davon habe ich schon viele berichten hören.

Und gar nicht so wenige sagen dann: Wenn ich meinen Glauben nicht gehabt hätte, wenn ich nicht bis zum Schluss gehofft hätte, dann hätte ich das nicht geschafft. „Niemals hätte ich gedacht, dass ich die Kraft für all dies finden würde. Niemals hätte ich gedacht, dass es doch weitergeht in dem Moment, wo ich selbst am schwächsten war.“

 

Henry Maske, zehnfacher Boxweltmeister, boxt nicht mehr. Stattdessen ist er nun als Referent gefragt. Große Firmen und Institutionen laden ihn ein zu referieren. Sein zentraler Satz lautet: „Wer ein klares Ziel vor Augen hat, der strauchelt nicht!“ Mit diesem Satz lädt er Menschen ein, zu reflektieren – über sich selbst und über ihre Karriere, heißt es auf seiner Internetseite. „Wer ein klares Ziel vor Augen hat, der strauchelt nicht!“ Ein Satz aus dem Stärke und Tatendrang sprechen. Der Wille, das Ziel zu erreichen, wird zum Garanten dafür, dass es nur vorwärts geht. Der Satz eines Siegers. Es ist ein Satz, von einem, der alles gegeben hat und der offensichtlich jede Schwäche in Stärke verwandeln konnte. Jedenfalls vor den Augen der Öffentlichkeit konnte er das. Wir Zuschauer haben ihn fast nur siegen gesehen. Sicher hat es auch dunkle Stunden in seinem Leben gegeben. Wir aber haben an seinen Triumphen Teil genommen.

„Wer ein klares Ziel vor Augen hat, der strauchelt nicht“, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Paulus meint, wenn er sagt: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark!“

Während Maske mit seinem Satz die Menschen dazu bewegen will, sich ganz auf sich selbst zu verlassen, zielorientiert nach vorne zu schauen und alle Kraft einzusetzen, das anvisierte Ziel auch zu erreichen, will Paulus ermutigen, sich an Christus zu orientieren. Paulus hat erfahren, dass ihm in Zeiten der Schwäche Kraft zugewachsen ist. Er hat erfahren, dass Kraft nicht nur eine Frage des Zieles und des Willens ist.

Stattdessen beschreibt er, dass gerade in seiner eigenen Schwäche Stärke verborgen lag, die von Gott gekommen ist. So versteht er es jedenfalls. Und er nimmt Christus selbst dafür als Beispiel: In der Tiefe des Kreuzes lag schon der Triumph der Auferstehung. In der Tiefe des Todes lag schon das Leben, das durch alle dunklen Stunden seinen Weg ans Licht gefunden hat.

Deshalb kann die Künstlerin Nancy Fouts ihrem Christus in der Haltung des Gekreuzigten die Boxerhandschuh anziehen und ihn so zugleich in eine Siegerhaltung bringen. Schwäche und Stärke – im gekreuzigten Christus liegen sie beisammen. Schwäche und Stärke liegen auch bei vielen von uns zusammen, wenn wir in dunklen Tagen zu Gott rufen und erfahren, dass es doch irgendwie weitergeht, es Halt gibt und neuen Mut.

 

Und eines noch zum Schluss: In den vielen verzweifelten, suchenden, hoffenden, harrenden Menschen, die in diesen Tagen in unser Land kommen, möchte ich Christus sehen: Christus, den Schwachen, den Gefolterten und Gekreuzigten – in jedem Schicksal, das mir in den Augen der Fremden begegnet, möchte ich Ihn, den Gekreuzigten sehen. Und ich möchte in den Augen der Fremden auch Christus sehen, der auferstanden ist, ich möchte in den suchenden und hoffenden Menschen den Mann in der Siegerpose sehen – und ich möchte mit den Menschen von Herzen hoffen, dass ihre Geschichte gut ausgeht.

Dass in ihrer Schwäche Gottes Stärke verborgen liegt.

Amen.

Predigt Silvester 31.12.2016 über Jesaja 30,15-17

Predigt über Jesaja 30,15-17

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute können wir in dieser ruhigen Stunde dem nachsinnen, wie das vergangene Jahr gelaufen ist.

Was ist gelungen? Was ging eher daneben?

Worüber freue ich mich und was tut immer noch weh?

Ich wünsche Ihnen, dass so eine Bilanz bei Ihnen einigermaßen ausgeglichen ist. Und dass Sie mit gutem neuen Mut in das neue Jahr gehen können.

An so einer Zeitenwende mischen sich ja unweigerlich unter die Gedanken der Rückschau auch gleich Fragen wie:

Was wird das nächste Jahr bringen? Was will ich nächstes Jahr besser machen? Was hat sich bewährt und will ich beibehalten?

In diese Gedanken hinein, spricht der für heute Silvesterabend 2016 vorgeschlagene Predigttext. Es sind alte Worte eines Propheten, ca. 2700 Jahre alt. Worte des Propheten Jesaja.

Ich lese aus dem 30. Kapitel seines Prophetenbuches:

15 So spricht der Herr, der heilige Gott Israels: Kehrt doch um zu mir, und werdet ruhig, dann werdet ihr gerettet! Vertraut mir, und habt Geduld, dann seid ihr stark! Doch das wollt ihr nicht.

16 Ihr prahlt: 'Wir haben gute und schnelle Pferde, wir bringen uns rechtzeitig in Sicherheit.' Jawohl - ihr werdet fliehen, aber eure Verfolger bleiben euch auf den Fersen!

17 Ein einziger von ihnen schlägt tausend von euch in die Flucht; und wenn nur fünf euch angreifen, dann lauft ihr alle schon davon. Zuletzt bleibt nur ein kleines Häufchen von euch übrig, einsam und verlassen wie eine Fahnenstange auf der Bergspitze.

 

Diese Sätze sind nicht angenehm zu hören. Das hat Jesaja auch selbst gemerkt, als er sie den Menschen in Israel entgegenschleuderte. Propheten sind ja selten angenehme Zeitgenossen. Zu einer Silvester-Party würde man sie besser nicht einladen. Sie verderben leicht die Stimmung und die Feierlaune mit ihren wenig erfreulichen Worten.

Aber noch sind wir nicht auf der Party. So ist doch noch Zeit, auf ihn zu hören.

(…) werdet ruhig, dann werdet ihr gerettet! Vertraut mir, und habt Geduld, dann seid ihr stark!

Eine eigenartige Behauptung. Stark wird man doch durch Training etwa im Fitness-Studio, aber nicht, wenn man die Hände in den Schoß legt und nur Geduld übt.

 

Zur Zeit dieses Propheten gab es einen politischen Streit. Stark sein und stark werden war in Israel ein Dauerthema. Israel war immer ein kleiner Staat. Selten konnte er Stärke nach außen zeigen. Meistens war er zusammen mit den anderen Kleinstaaten in der Gegend ein Spielball der Großmächte Babylonien und Assyrien im Norden und Ägypten im Süden.

Ein Land im Spannungsfeld vieler Kräfte, damals wie heute.

An der Spitze ein König, der es leid war, mit seinem Volk immer Opfer zu sein, der den großen Befreiungsschlag plante, der alle diplomatischen und militärischen Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um die ungeliebten Feinde aus dem Norden, die Assyrer loszuwerden. Sein Plan: ein Bündnis mit den starken Ägyptern, deren Schutz man sich teuer erkaufen wollte, dazu moderne Waffen in der eigenen Hand, eine bewegliche Kavallerie, eine Kriegsmacht, mit der er den Gegner überraschen und überrennen wollte. So wollte er es machen - das ganz große Rad drehen - und sich dann als Sieger feiern lassen.

Eine einmalige Chance. Die Massen waren begeistert.

Die Stimmung wäre vollkommen gewesen, wenn nun auch noch ein Mann Gottes vollmächtig die Begeisterung angefeuert hätte mit einer Prophezeiung direkt von Gott selbst.

Und dann kommt da dieser Jesaja und macht die großen Ideen klein und schlecht: Diese Pläne seien gottlose Pläne, wettert er, dieses Bündnis ein geistloses Bündnis, der Zug unter die Fittiche des Pharaos ein Zug ins Verderben, denn sie hätten den Herrn nicht befragt. Ohne Befragen des Herrn bringt aber kein Bündnis Glück, da erwachse weder Hilfe noch Nutz, einzig Schande und Spott.

Jesaja aber galt als Querulant, und welcher Mächtige auf Kriegspfad hört schon gerne einem Querulanten zu. Also verklang dessen Warnung ungehört.

 

Nach diesen Drohungen besinnt sich Jesaja und sagt einen Satz, der dieses kleine Stück Literatur berühmt gemacht hat: Kehrt doch um zu mir, und werdet ruhig, dann werdet ihr gerettet! Vertraut mir, und habt Geduld, dann seid ihr stark!

In der Tat ein starker Satz: durch Ruhig werden und Vertrauen stark sein.

Jesaja scheint selbst nicht daran zu glauben, dass die Judäer diesen Satz ernst nehmen, denn er ist sofort danach wieder bei seiner Wut über deren gottloses Kriegstreiben und warnt davor, wie Judas Kriegsrennpferde vom Gegner überrannt werden und wie die doch so hoffnungsvolle Streitmacht hoffnungslos untergeht, bis am Ende nur noch ein kläglicher Rest bleibt. Eine Schande, schreibt Jesaja, und vor allem so unnötig, denn:

Umkehren, Ruhig werden und Vertrauen, das führt zur Stärke.

So einfach. Keine Streitrösser, keine Militärbündnisse. Ruhig werden und vertrauen. Das macht stark.

 

Wenn sich eine Gemeinschaft vornimmt, groß und stark zu werden und Macht nach außen zu zeigen, dann ist Gefahr und Unheil im Verzug. Wir wissen nicht, was Trumps Wahlkampfmotto „Make America great again!“ nun bald genau für die Welt und sein Land bedeuten. Nach allem was sich jetzt abzeichnet, ist nichts Gutes zu befürchten. Er will sein Land groß und stark machen auf Kosten anderer Länder. Er will Mauern bauen lassen und die Ärmsten sich selbst überlassen und der Wirtschaft nach den Katastrophen der letzten Zeit frei Hand lassen. Er will die Mühen den Klimawandel einzudämmen, stoppen und sucht die einfachen, die ganz einfachen Lösungen in einer schwierigen und komplizierten Welt.

Was ein Jesaja wohl dazu sagen würde?

Ich kann es mir vorstellen, Sie sich vielleicht ja auch.

Die Menschen, mit denen es der Prophet Jesaia zu tun hatte, die wollten gern den Segen Gottes für ihre hochfliegenden Pläne. Stattdessen hörten sie diese schauerliche Aussicht: Nichts wird von euch übrigbleiben, grad so viel wie eine zerfledderte einsame Fahne auf einem Stecken, grad so viel, wie wenn ein Tonkrug in tausend Scherben zerdeppert ist.

So zeichnet der politische Prophet Jesaja ein Gegenbild zur Gesellschaft von damals; und er trifft damit auch die gesellschaftliche Realität von heute.

Nichtsdestoweniger sind wir natürlich frei, an einem Tag wie dem heutigen dieses Jesajawort auch ganz privat für uns zu bedenken.

Was heißt es, dieses Ruhig werden und Vertrauen haben für mich persönlich? Welche Erfahrungen des letzten Jahres dröhnen mir noch in den Ohren, weil sie laut waren, mich unruhig gemacht haben, mich hoffnungslos zurückgelassen haben? Wo war ich schwach, ohnmächtig, habe mich verlassen gefühlt?

Dieser Abend steht ja in einer merkwürdigen Spannung zwischen der Ruhe der Tage „zwischen den Jahren“ und der Silvesterknallerei, die uns gleich erwartet.

In einer Spannung zwischen der Bilanz unseres persönlichen letzten Jahres, des Eingeständnisses auch unserer Fehler und Schwachheit, und Gottes neuer Hoffnung aus dieser Stille.

Die mag sich dann in guten Vorsätzen oder sonst wie niederschlagen, allein: ohne Hoffnung und Zuversicht werden diese Vorsätze uns nicht weit tragen.

Wir brauchen Ruhe und Stärke im neuen Jahr, damit wir uns nicht mitreißen lassen von Hass und damit Schaden nehmen in unserem Innersten. Wir haben dabei einen Helfer. Er stellt uns ein kostbares Geschenk in Aussicht.

In der Jahreslosung für das neue Jahr ist es angekündigt, die da lautet: Gott sagt: „Ich schenke euch ein neues Herz, und lege einen neuen Geist in euch.“

Ich nehme an, es wird ein Herz sein, das nicht verzagt, und ein Geist, der klug genug ist, mit Gott zu rechnen und nicht nur mit selbst.

Das wünsche ich Ihnen und natürlich auch mir für das kommende Jahr.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigt 2. Weihnachtsfeiertag 26.12.2016 über "Omran" aus Aleppo

Predigt über das Bild von „Omran“ aus Aleppo

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des

Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Es geschah aber zu der Zeit, da Assad Machthaber in Syrien war. Da begab es sich, dass in Syrien eine Grausamkeit nach den anderen geschah. Dass Städte zerbombt, Menschen gefoltert und ermordet wurden, Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten durch Streubomben verwüstet wurden, Giftgas die Bevölkerung dahinraffte, das Land ein Spielball der Mächtigen ward und unsere Länder viel redeten, am liebsten aber resigniert wegschauten.

 

Ein Bild hat mich in diesem Jahr – nachdem ich es einmal gesehen hatte – nicht mehr losgelassen. Sie haben es zu Beginn des Gottesdienstes bekommen.

Das Foto des fünfjährigen Omran, wie er im August dieses Jahres im syrischen Aleppo in einem Krankenwagen sitzt und ins Leere starrt. Sein T-Shirt, die Hose, die dunklen Haare, die Haut – alles ist komplett verstaubt, die linke Gesichtshälfte des Jungen ist blutrot. Er fasst sich an den Kopf, sieht das Blut, das an seiner Hand hängen bleibt. Omran war kurz vorher aus einem zerbombten Haus gerettet worden. Vielleicht erinnern Sie sich auch noch daran.

 

Warum erzähle ich Ihnen heute davon, wir haben doch ein ganz anderes Kinderbild vor Augen? Das Kind in der Krippe – hier in der Kirche und vielleicht bei Ihnen zu Hause.

Das weihnachtliche Bild vom kleinen Heiland, im Stall, oft als Idylle gemalt. Obwohl es schon damals alles andere als eine Idylle war.

 

Die Antwort auf meine Frage gibt die Bibel. Auf die Geburt Christi folgen im Matthäus-Evangelium die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und der Kindermord in Betlehem, bei dem König Herodes alle Jungen bis zum Alter von zwei Jahren töten ließ. Und weil auch fast zweitausend Jahre nach der Geburt Christi weltweit Kinder verhungern, an Armut sterben, gequält, missbraucht und ermordet werden, ist das Bild von Omran für mich zu Recht ja auch ein Weihnachtsbild.

 

Die Kirche weiß von der Nähe zwischen der Freude über die Geburt Christi und der Trauer und der Wut über das sinnlose Sterben der Kinder – und der Erwachsenen. Am 28. Dezember - übermorgen - übrigens gedenkt sie der „unschuldigen Kinder“.

 

Am 26. Dezember, dem sogenannten zweiten Weihnachtsfeiertag, feiert die Kirche das Fest des ersten Märtyrers, des ersten Opfers der Glaubens, des heiligen Stephanus, der in Jerusalem gesteinigt wurde. Von ihm heißt es in der Apostelgeschichte: „Die Mitglieder des Hohen Rates blickten gespannt auf Stephanus, und jedem fiel auf, dass sein Gesicht aussah wie das eines Engels.“ (Apg. 6,15). Auf einem alten Fresko erstrahlt das Gesicht des Stephanus so hell, dass die Richter sich ihre Augen zuhalten oder ihre Blicke abwenden.

 

Ja, die Augen zuhalten oder wegschauen, das möchten wir auch gerne, wenn uns Omran mit einem weit geöffneten Auge anschaut, das andere vom Blut verklebt. Auch wenn sein Gesicht nicht strahlt, kein Leuchten von ihm ausgeht, so erscheint es doch wie das Gesicht eines Engels. Nicht das frohe Gesicht des Engels, der die Botschaft von der Geburt Christi an die Hirten verkündet, nicht das vom Glauben erleuchtete Gesicht des Stephanus, sondern das Gesicht eines Engels, dessen Botschaft eine einzige Frage ist: Warum? Warum lehnen Menschen das tägliche Angebot Gottes, ihn als Kind aufzunehmen, ab? Warum feiern wir dennoch Weihnachten als das Fest, an dem Gott in einem Kind zu den Menschen gekommen ist?

So wenig die Ältesten des Hohen Rates ihre Ohren vor der flammenden Predigt des Stephanus verschließen konnten, so wenig können wir heute den Fragen ausweichen, die das Foto von dem verletzten Omran aus Aleppo stellt.

 

Die Art und Weise, wie wir Weihnachten feiern, kann eine Antwort sein. Weihnachten kann nicht nur als Fest der Freude gefeiert werden; Weihnachten enthält auch immer die Aufforderung, umzukehren und einzutreten für die Kinder der Welt, die Stimme zu erheben, damit Kinder nicht aus zerbombten Häusern gerettet werden müssen.

Das ist auch eine Botschaft des Kindes in der Krippe.

 

Viele haben sich längst abgefunden mit dem Leid in dieser Welt und haben vor Krieg und Armut resigniert. Verständlich angesichts des Zustandes unserer Welt. Wir sind überfordert von all dem Elend.

Doch diese Resignation ist eine weit unter uns verbreitete Form von Gottesferne.

Die Kraft, die Resignation zu überwinden, kann der Glaube schenken, ein Glaube, der den Stephanus angesichts des Todes sagen lässt: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg. 7,56).

Der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi, dessen Leben in Betlehem begann und auf Golgota anscheinend so schmählich endete, lässt uns Weihnachten feiern, voller Freude und Hoffnung.

Die Schilderung der Hinrichtung des Stephanus endet mit dem Satz: „Saulus war mit der Steinigung des Stephanus einverstanden.“ Genau diesem Saulus, der spätere große Paulus, der die Kirche zuerst verfolgte, verzeiht Gott und macht ihn zum Boten und Verkünder des Evangeliums.

Und deshalb können wir auch Weihnachten feiern, weil wir trotz aller Schuld zur Geburt Christi eingeladen sind. Doch die Einladung beinhaltet eine Bitte: Wenn Jesus von Sündenvergebung redet, meint er damit auch die Befreiung aus der selbst erzeugten Ohnmacht, die Befreiung von dem lähmenden Satz: Es hat doch alles keinen Sinn.

Ja, lassen wir uns von der Resignation befreien, denn die Geburt Christi hat einen Sinn, einen Sinn, den wir täglich erneuern, wenn wir umkehren und für Menschen eintreten. Dann ist es auch sinnvoll, Weihnachten zu feiern. Das ist die Botschaft jedes Kindes, auch die von Omran aus Aleppo.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigt Christmette 24.12.2016 über 2. Samuel 7,4-6

Predigt zu 2. Samuel 7,4-6

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

„Driving home for christmas“. Dieser bekannte Popclassicer von Chris Rea ist die Tage wieder häufig im Radio gespielt worden. „Nach Hause fahren zu Weihnachten“, das ist ein Motiv, das ist eine Stimmungslage, die geht immer in diesen Tagen, die spricht in uns etwas an.

Weihnachten heißt nach Hause kommen. Trotz oftmals widriger Witterungsverhältnisse, Stau und Schritttempo auf den Autobahnen, erheblicher Zugverspätungen und überfüllten Zügen, vollen Flugplätzen und was es alles noch gibt.

Allen Warnungen und Befürchtungen zum Trotz, haben sich auch in diesem Jahr wieder viele Menschen zu Weihnachten auf den Weg in ihre Heimatstadt, ihren Heimatort gemacht, auch nach Gensingen und Grolsheim. Nicht, um sich in Steuerlisten eintragen zu lassen, wie damals die Familie um Jesus, sondern um sich wiederzusehen, zurückzukehren zur Familie, nach Hause zu kommen.

In den Tagen um Weihnachten haben unsere Orte ein anderes Gesicht als sonst, so kommt es mir vor. Viel mehr junge Menschen, viel mehr Familien mit Kindern werden in den kommenden Tagen als Weihnachtsspaziergänger unterwegs sein. Studenten kommen nach Hause und treffen die Klassenkameraden und -kameradinnen von früher. „Was machst Du denn jetzt so, wo bist Du jetzt - Echt Australien, da wollte ich auch mal hin, ja, nach der Ausbildung vielleicht…“ So oder ähnlich werden die Gespräche laufen. Dann wird noch ein Bier oder ein Schoppen getrunken und man freut sich auf den netten Abend daheim im Ort mit den alten Kumpels oder den guten, ehemaligen Freundinnen.

 

Weihnachten heißt nach Hause kommen, zurückkehren, ein Zuhause haben, einen Ort, an dem man nicht erst mühsam heimisch werden muss, sondern es immer schon ist.

Die Schattenseiten, die diese Rückkehr hätte, wenn sie von Dauer wäre, spielen in diesen Tagen keine Rolle. Die Enge des Ortes, die Enge im Wohnzimmer bei den Eltern, die Reibung durch das engere Miteinander in der Familie, die nicht nur Wärme erzeugt, sondern manchmal auch zu kleineren und größeren Explosionen führen kann, können ausgeblendet bleiben. Hoffentlich!

Nach Hause kommen, ein Zuhause haben, Eine Sehnsucht, nicht nur zu Weihnachten.

Unser heutiges Predigtwort erzählt auch von einer Sehnsucht nach einem Zuhause. Einem Zuhause für Gott. Es erzählt von einer vergeblichen und fehlgeschlagenen Bemühung darum und davon, wie Gott uns dennoch entgegenkommt. Es steht im Alten Testament, im 2. Samuelbuch und handelt von einer Botschaft, die der Prophet Nathan an König David ausrichten soll:

In jener Nacht aber erging das Wort des HERRN an Nathan: Geh, und sage zu meinem Diener, zu David: So spricht der HERR: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? Ich habe nicht in einem Haus gewohnt seit dem Tag, an dem ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, bis auf den heutigen Tag, ich bin umhergezogen in einem Zelt als Wohnung. (2. Sam 7,4-6)

 

Nach Hause kommen, eine Zuhause haben. Eine Sehnsucht, die zu uns Menschen gehört. Eine Sehnsucht, die auch Gott haben muss. So denkt König David sich das, als er mit dem Propheten Nathan spricht.

David, der junge König, hat sich viel vorgenommen und er hat viel erreicht. Er war erfolgreich im Kampf gegen die Philister. Und er machte die Jebusitersiedlung Jerusalem zur Hauptstadt seines Reiches. Dorthin hat er auch die Bundeslade überführt – das mobile Heiligtum der Israeliten – mit den Tafeln des Gesetzes. Und nun will er sein Werk krönen mit dem Bau eines Tempels. Einer Stätte, in der Gott wohnen soll. Einer Stätte, in der man Gott begegnen kann mit Opfern und Lobgesängen.

David selbst hat es endlich geschafft, nach Jahren der Ruhelosigkeit und des Umherziehens. Immer auf der Flucht vor seinen Feinden. Jetzt ist er sesshaft geworden und wohnt in einem festen Haus, während die Bundeslade, das Symbol der Gegenwart Gottes bei seinem Volk, immer noch in einem Zelt untergebracht ist. Ein Provisorium, so mag das David vorgekommen sein.

Gut, das war okay, solange das Volk Gottes in der Wüste unterwegs gewesen ist. Aber nun wird es Zeit. Auch Gott will doch irgendwann einmal ankommen, ein Zuhause haben und einen festen Wohnsitz.

 

Aber meine Sehnsucht ist nicht zwangsläufig auch die Sehnsucht eines anderen. Das wissen wir.

Gott sehnt sich offenbar nicht nach einem eigenen Haus, das lässt er David durch den Propheten Nathan ziemlich unmissverständlich ausrichten.

Was einer aufgibt, der sich ein Haus baut, wissen wir aus eigener, menschlicher Erfahrung. Die Sicherheit, Verlässlichkeit und Geborgenheit, die ein eigenes Haus bietet, haben ihren Preis. Es wird schwerer, sich noch zu verändern, aufzubrechen und neue Wege zu gehen. Man bindet sich, nicht nur durch den Kredit bei der Bank, sondern auch an den einen Ort, an das eine Leben. Haus bauen heißt sesshaft werden, verortbar zu sein.

Nach Hause kommen an den einen Ort, das ist keine Sehnsucht für Gott. Er lässt sich nicht binden, so gut es David auch mit ihm meint. Wie häufig bei sehr gut gemeinten Vorschlägen, steckt auch in dem Vorschlag Davids ein bisschen Eigennutz. Es geht um Sicherheit, Verlässlichkeit, Geborgenheit, auch für David. Wer Gott ein Haus baut, wer so investiert, zeigt seine Dankbarkeit und hofft gleichzeitig auch wieder auf Dankbarkeit. Ein Haus zu bauen und so ein kleines Guthaben bei Gott einzurichten, das wünscht sich David vielleicht für sein Leben, das wahrhaftig nicht nur gottgefällig gewesen ist und es auch in Zukunft nicht sein wird.

Aber mit Gott geht das nicht. Er lässt ihm durch Nathan ausrichten:

12 Wenn du alt geworden und gestorben bist, will ich einen deiner Söhne als deinen Nachfolger einsetzen und seine Herrschaft festigen.

13 Er wird mir einen Tempel bauen, und ich werde seinem Königtum Bestand geben für alle Zeiten.

14 Ich will sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein.

(2.Sam 7,12-14a)

 

Nach Hause kommen, ein Zuhause haben. Wenn es einen gibt, der diese Sehnsucht erfüllen kann, dann ist es Gott selbst. Es wird ganz anders sein, als du es dir vorstellst, lässt er David ausrichten. Was ich baue, unterscheidet sich sehr von dem, was du da konstruierst.

Wie zerbrechlich alles ist, auf das wir bauen, wissen wir selbst am besten. Gerade zu Weihnachten werden wir an empfindlichen Stellen berührt.

Nicht nach Hause kommen können, nicht wegen der Witterungsverhältnisse, sondern weil das Zuhause, nach dem ich Sehnsucht habe, nicht mehr da ist. Weil die Menschen, die es mit Leben gefüllt haben, nicht mehr da sind. Oder kein Zuhause haben, weil da nie eines gewesen ist in meinem Leben.

Um Häuser aus Steinen geht es beim Nachhausekommen nicht zuerst. Das Zuhause, das sind Menschen. Die Menschen, die vor mir da waren, wie meine Eltern und Großeltern. Menschen, die nach mir da sein werden, wie meine Kinder und vielleicht irgendwann Enkelkinder. Und Menschen, die jetzt für mich da sind, bei denen ich mich wohl und zuhause fühle.

 

Gott baut keine Häuser, sondern bindet sich an Menschen. Dass es dann später auch einen Tempel gegeben hat, den Davids Sohn Salomo gebaut hat, können wir zur Kenntnis nehmen – müssen dann aber gleichzeitig auch zur Kenntnis nehmen, dass auch dieser Tempel wieder zerstört worden ist.

Gott wohnt nicht in Häusern. Deswegen kann die Beziehung zu ihm nicht zerstört werden, wie ein Haus, das erst leer steht und dann irgendwann verfällt. Gott hat sich gebunden an Menschen, an die, die vor uns da waren. Er bindet sich an uns und wird sich auch an die binden, die nach uns da sein werden.

Das ist unsere große Hoffnung.

Eine Beziehung, die immer weiter geht, die mit David nicht zu Ende war und mit Salomo nicht und nicht mit ihren Nachkommen.

Jesus von Nazareth, bekanntlich aus dem Haus und Geschlecht Davids, hat uns, die wir nicht von Geburt zu Gottes Volk gehören, in diese Beziehung mit hineingenommen. Wir sind eingeladen und willkommen geheißen in einem Haus, das wir nicht selbst gebaut haben.

 

Nach Hause kommen, ein Zuhause haben.

Gott sucht sich sein Zuhause unter uns anders, als wir uns das vorstellen. Nicht auf der Suche nach Sicherheit, Geborgenheit und Zuverlässigkeit, nicht festgelegt.

Ein Gott, der mitgeht, bei uns ist, für den keine Vorbereitungen zu treffen sind und der nichts voraussetzt.

Wie Gott zur Welt kommt, zeigt sich noch einmal deutlich in dem Kind in der Krippe, in dem Bündelchen Mensch, zur Welt gekommen am Rande der Nacht, am Rand der Stadt, am Rand der damals bekannten Welt. Es gibt keinen schlechteren Ort, an dem Gott zur Welt kommen könnte und es gibt keinen anderen Ort dafür.

Nach Hause kommen, ein Zuhause haben. Die tiefe Sehnsucht danach berührt uns und alle in dieser Nacht. Sie berührt die, die jetzt endlich einmal wieder zuhause sind – und mehr noch die, die es nicht sind.

Ich denke an die Flüchtlinge, die hier bei uns angekommen sind und versuchen, hier eine Heimat zu finden. Einigen wird es nicht gelingen, weil wir sie zurückschicken, weil sie hier fremd bleiben werden in diesem Land, in dem so andere Regeln herrschen, als sie kennen.

Ich denke intensiv und voll Trauer an die Menschen in Aleppo und im kriegszerstörten Syrien. Deren zuhause ist brutal zerbombt worden wegen den Machtinteressen geltungssüchtiger Politiker, deren Spielball sie immer noch sind und wohl bleiben werden. Traurig und widerlich!

Ich denke an die Opfer des Anschlages auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, die nie mehr nach Hause kommen werden - weil irgendwelche verblendeten Verrückten meinen, es sei eine Gottestat Menschen heimtückisch zu ermorden. Wie krank ist das!

Ich denke aber auch an die Kranken in unseren Krankenhäusern, die diese Tage dort verbringen und so gerne woanders und vor allem gesund wären.

Ich denke an all die, für die zuhause keinen schönen Klang hat aus so unterschiedlichen Gründen.

Für sie und auch für mich selbst möchte ich bauen auf die Hoffnung, dass es so ist, wie Gott es David ausrichten lässt. Und dass Gott nicht aufhört, es ausrichten zu lassen unter uns, diese Stimme dieser Nacht, die sagt:

Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott. Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein. (Offenbarung 1,3f)

Gott kommt zu uns. Wir kommen nach Hause. Heute Nacht.

Amen.

 

Predigt über das Thema „Welche Erziehung brauchen Kinder?“ (18.09.2016)

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Eben haben wir ein Kind getauft, die Liv Lucie Kramer. Die Liv Lucie ist gut 2 Jahre alt. Ein kleines Kind, das einen nicht nur Freude macht, - das hoffentlich ganz viel - sondern das einen auch fordert, das erzogen werden will. Das ist besonders die Aufgabe der Eltern, aber auch der Großeltern, sicher auch des Paten und der Patin und allen, die näher mit Liv Lucie zu tun haben.

Aber Erziehung ist in der heutigen Zeit schwierig geworden.

Ja, welche Erziehung brauchen Kinder? Es gibt Ratgeber zuhauf, Bücher und Zeitschriften: Das Geheimnis glücklicher Kinder / Grenzen, Nähe, Respekt / Nein aus Liebe: Klare Eltern, starke Kinder / Der kleine Tyrann: Welche Halt brauchen Kinder? / Kinder brauchen Grenzen / Das kompetente Kind / Kinder liebevoll Grenzen setzten.

All das sind Titel populärer Erziehungsratgeber. Und es ließen sich noch zahllose anfügen.

Aber die Unsicherheit hat sich trotz oder vielleicht sogar wegen dieser vielen Ratgebern noch vergrößert. Es fehlen mittlerweile die anerkannten Vorbilder dafür, wie man als Vater oder Mutter, als Großeltern, Erzieherin und Lehrer die Kinder erziehen kann. Vieles von dem, wie das die Vorgängergeneration gemacht, wird heute sehr kritisch gesehen. Was ist nun richtig, was gilt mittlerweile als veraltert und schädlich.

Einer der Haupttrends unserer Gesellschaft ist der Trend zur Individualisierung. In der Erziehung heißt das, Eigenverantwortlichkeit von Menschen und auch Kindern ist ein wichtiges Erziehungsziel. Und diese Eigenverantwortlichkeit kann man nicht mehr mit den alten Erziehungsmustern der vorigen Generationen bewältigen, so sagt man in der modernen Pädagogik.

Die fundamentale Erkenntnis aller relevanten moderneren Erziehungsansätze lautet: Mit Züchtigung, Schimpfen und Bestrafen kommt man nicht weit, wenn man selbstbewusste junge Menschen heranziehen will, die sich in der heutigen Gesellschaft privat wie beruflich behaupten können sollen. Laisser - faire ist dagegen auch kein Königsweg - im Gegenteil.

Grenzen benennen, Konsequenz zeigen und Liebe spüren lassen, das hört man häufig und davon liest man viel in diesen Erziehungsratgebern.

Trotz all der vollmeinenden Ratschlägen vieler selbst ernannter Experten oder vielleicht auch gerade deswegen, hat man manchmal das Gefühl, viele Eltern seien mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. So etwas wie ein Elternführerschein würde eigentlich gebraucht, sagen viele. Aber die Eltern, die so einen Führerschein besonders brauchen würden, die kommen gar nicht erst zu solchen Angeboten, die erreichen die Erziehungsberatungsstellen gar nicht. Manchmal mit fatalen Folgen, wenn man Berichten von Jugendamtsmitarbeitern glauben darf.

Aber das sind sicher Extremsituationen - auch wenn diese zunehmen.

 

Die Frage bleibt: Welche Erziehung brauchen unsere Kinder? Diese Frage ist eine längere Zeit lang ganz vernachlässigt worden. Man hat gesagt: Erziehung ist doch eigentlich antiquiert, wir brauchen Bildung und Angebote für Kinder und Jugendliche. Die antiautoritäre Erziehung wurde manchmal dahin gehend verstanden, als ob Erziehung gar nicht mehr so entscheidend sein sollte. Als ob Erziehung immer Zwang und Unterdrückung sei und das es auch irgendwie ohne gehen würde. Sogar besser!

Viele haben es sich sehr bequem gemacht und antiautoritäre Erziehung mit Nichtstun und bloßem Zuschauen verwechselt. „Woll’n wir mal sehen, wohin die Kinder sich entwickeln.....“

Ich finde manches aus der antiautoritären Erziehung nicht so verdammenswert, wie das heutzutage oft dargestellt wird. Aber der Gedanke des Laissez-faire, des Einfach-Laufen-Lassens, zusammen mit einem bequemen Nichtstun und Sich-selbst-Überlassen vieler Kinder, hat die Fundamente unseres Zusammenlebens doch arg zerbröselt. Zusammen vielleicht mit dem ganzen Medienkonsum, dem Kinder und Jugendliche heute ausgesetzt sind.

 

„Mein Kind soll selber entscheiden“, - das wird ganz oft in Gesprächen über Erziehung gesagt. Auch in Bezug auf die Taufe. Man wolle sein Kind nicht manipulieren oder ihm etwas einengend vorgeben.

Ja gut, aber irgendetwas gebe ich meinem Kind immer mit. Und Gottes Segen für es zu erbitten und ihm im christlichen Sinne zu erziehen, mit Achtung vor dem Nächsten und vor Gott, mit Verantwortung und Hingabe, mit dem Vertrauen auf den einen, der einen hält, und mit der Betonung der Liebe und des unaufgebaren Wertes, der jeder einzelne Mensch hat, das ist doch nicht die schlechteste Vorgabe. Dafür muss man sich nicht schämen, da wird auch kein Kind ungehörig beeinflusst, das ist einfach eine Basis dessen, was einen wichtig ist im Leben und was man weitergeben möchte. Und dafür steht auch die Taufe. Was denn daraus wird, das ist nicht allein unsere Sache, das ist auch die Sache Gottes. Und das ist doch auch ganz beruhigend.

 

„Erziehen“ hängt mit „Ziehen“ zusammen, und das hat eine Richtung. „Mein Kind soll sich selbst entscheiden“ und „wir machen unserem Kind keine Vorschriften“, verschleiert da Verantwortung und dient der Schwäche zur Entscheidung und dem mangelnden Mut Vorgaben zu setzen.

Aber Kinder brauchen Vorschriften, Hinweise und Entscheidungshilfen. Reines „Laufen lassen“ und „sie sollen selber entscheiden“ sind Ausdruck der Angst vor der Aufgabe der Erziehung.

 

Welche Erziehung brauchen unsere Kinder? Ich denke, sie brauchen als allerwichtigstes eine ermutigende und wertschätzende Erziehung. Das Lob und die helfende Begleitung stehen in dieser Erziehung an oberster Stelle. Dafür muss man Zeit haben für seine Kinder. Das müssen ja gar nicht immer und ausschließlich die Eltern sein, - es können auch zusätzlich verlässliche andere Personen sein. Aber Kinder brauchen Zeit, die man mit ihnen teilt.

 

Von Jesus wird einmal erzählt: 13 Einige Eltern brachten ihre Kinder zu Jesus, damit er sie segnete. Die Jünger aber wollten sie wegschicken. 14 Als Jesus das merkte, wurde er zornig: "Lasst die Kinder zu mir kommen, und haltet sie nicht zurück, denn für Menschen wie sie ist Gottes neue Welt bestimmt.

15 Hört, was ich euch sage: Wer sich die neue Welt Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, dem bleibt sie verschlossen." 16 Dann nahm er die Kinder in seine Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.

 

Einerseits musste Jesus keine Kinder erziehen, nicht ihre Launen und den Lärm tagtäglich ertragen. Er musste sie nicht in den Kindergarten und die Schule bringen, weder für ihren Lebensunterhalt sorgen noch ihnen abends Gutenachtgeschichten erzählen oder mit ihnen beim Arzt oder Krankenhaus ausharren - soweit es Vergleichbares zu seiner Zeit gab. Er musste nicht ihren Ansprüchen und Forderungen entgegenstehen und sich ihrer Launen erwehren. Insofern hätte man leicht reden, wenn man behauptete, diese Art des Umgangs mit Kindern könne man einfach eins zu eins in den Erziehungsalltag übertragen. Im Umgang mit Kindern erfährt man oft und schnell seine eigenen Grenzen, ist auch einmal sauer, genervt und ungeduldig, ja auch ungerecht, sagt vielleicht Dinge, die einem nachher leidtun oder die pädagogisch nicht angemessen waren.

Doch andererseits lässt sich dieses einfühlsame, überaus wertschätzende Verhalten Jesu gegenüber den Kindern nicht einfach - etwa aus Bequemlichkeit - als alltagsuntauglich abtun. Es ist vor allem die innere Grundhaltung gegenüber den Kleinen, die im wahrsten Sinn des Wortes vor-bildlich ist.

Durch den Ausspruch Jesu, dass man das Himmelreich nur so vertrauensvoll und bedingungslos wie ein Kind empfangen kann, erhalten die Kleinen eine Aufwertung, die damals wie heute von überwältigender Wirkung ist. Jesus hat mit seiner im Ansatz schlichten, aber umso einprägsameren Geste Maßstäbe gesetzt, die niemand ignorieren kann, der konstruktiv mit Kindern arbeiten und sie liebevoll erziehen will - gleich ob als Christ oder Nicht-Christ.

 

Martin Luther hat diesen Ernst und die Wichtigkeit des guten Umgangs mit Kindern so ausgedrückt: „Vater und Mutter können an den Kindern den Himmel und die Hölle verdienen, je nachdem, ob sie ihnen gut oder übel vorstehen.“

Eltern haben die Verantwortung, mit ihrer Art wie sie Vater oder Mutter sind, ihren Kindern ein erstes und prägendes Beispiel zu sein, was die Väterlichkeit und Mütterlichkeit Gottes für einen Menschen bedeuten kann. Das ist die Ehre aller Erziehenden.

 

In manchen Momenten der Überforderung durch unsere Kinder, wenn der Ärger oder Zorn in uns hochsteigt, dann kann es helfen, durch zu atmen und an ja auch an die Taufe der Kinder zu denken. Das Kind ist, was wir sind: ein Mensch, Gottes Geschöpf, unser kleinerer Partner und Lebensgefährte. Durch die Taufe übergeben wir unser Kind Gott. Und wir erhalten es zurück als Geschenk, für das wir Gott verantwortlich bleiben.

 

Einer unser Problem heute in der Erziehung besteht ja auch darin, dass viele Kinder und Jugendliche die Grenzen ihres Tuns nicht mehr kennen und wohl auch nicht richtig mehr gezeigt bekommen.

Das Grenzen für die Entwicklung einer reifen Persönlichkeit unglaublich wichtig sind, dass betont die moderne Pädagogik momentan wieder sehr: „Kinder brauchen Grenzen“ und „Grenzen, Nähe, Respekt“, sind die beiden mit am meisten verkauften Erziehungsbücher unserer Tage.

Manchmal denke ich: mit dem Ärger, den ein junger Mensch veranstaltet, ob bewusst oder unbewusst, testet er solange seine Grenzen, bis er mit dem Kopf vor der Wand steht. Weil ihm keiner beigebracht hat, wo die heilsamen Grenzen sind. Weil er sich selber immer noch nicht gefunden hat. Erst wenn Menschen ihre Grenzen kennen, wissen sie, wer sie sind. Das gilt übrigens für Erwachsene genauso. Dass wir alles dürfen, was wir können, - das sollten wir unseren Kindern nicht vormachen.

Auf andere Rücksicht nehmen und sich mühen in sie hineinzuversetzen, Empathie heißt das heute so schön, das ist etwas, das unser manchmal so schweres Zusammenleben leichter machen kann. Altmodisch heißt das auch Nächstenliebe. Auch dafür setzen wir in der Erziehung Zeichen und geben es vor und leben es hoffentlich auch.

 

„Die Liebe hört niemals auf“, so lautet die Taufspruch von Liv Lucie. Das hoffe ich doch. Dass Gottes Liebe niemals aufhört, das sagt er uns und hat er heute Liv Lucie in ihrer Taufe zugesagt. Dass die Liebe ihrer Familie zu ihr und ihre zu ihrer Familie nie aufhört, trotz aller Erziehung die nötig sein wird, bis sie groß ist, das wünsche ich Ihnen und ihr.

Das Prinzip aller Erziehung muss Beziehung sein und zwar solche, die durch die Liebe bestimmt ist. Dann, so kann man hoffen, wird trotz mancher persönlicher Mängel und pädagogischer Irrtümer letztlich alles gut für unsere Kinder. Damit ihre Leben auf Freude ausgerichtet sein können und sie so viel Glück, Liebe und Geborgenheit erfahren, wie es auf dieser Erde möglich ist.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Predigt über 1. Petrus 5.5b-11  "Über die  Demut" (04.09.2016)

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wissen Sie was eine Prostation ist?

Das hat nichts mit der Prostata, auch nicht mit etwa Prostitution zu tun.

Unter Prostration oder Prosternation versteht man in der katholischen, der anglikanischen und der orthodoxen Liturgie das ausgestreckte Sich-Niederwerfen einer Person im Altarraum als Zeichen der Demut und Hingabe.

Es ist eine Geste der Ergebenheit vor Gott. Die Person in der Prostration zeigt mit ganzem Körper, mit welcher Haltung er sich der Welt stellt: in Demut.

Das Bild der Liegenden auf dem Boden in der Kirche oder sonst wo gibt den Blick frei auf eine Lebenshaltung, die von großen Augustinus einst zur „Mutter aller Tugenden" erkoren wurde und heute seltsam fremd anmutet: Die Demut.

Demut ist eine Provokation für das Selbstverständnis des modernen Menschen: Der Demütige ist dienend, nicht weil er keine andere Wahl hätte, sondern weil er es für richtig hält.

 

Demut ist das Gegenteil von Hochmut. Während Hochmut auf Größe, auf Herrschaft, auf Selbstverherrlichung zielt, zielt Demut auf das Kleine, auf das Bescheidene. Die Demut zielt darauf, sich selbst zurückzunehmen, sich zu erniedrigen, sich klein zu machen, sich nicht so wichtig zu nehmen.

 

Schon immer haftet der Demut wohl deshalb etwas „Kriecherisches“, etwas Heuchlerisches an. Jedenfalls dann, wenn Demut falsch verstanden wird. Der Heuchler spielt nur eine demütige Haltung. Er setzt sich herab, redet dem anderen, dem vermeintlich Höhergestellten, nach dem Munde – und tut dies doch nur um seines eigenen Vorteils willen.

So hat Alexander Dibelius, Deutschlandchef und mächtiger Manager der Investmentbank Goldman Sachs, seine Branche nah dem Finanzcrash zu „kollektiver Demut“ aufgerufen.

Karl-Theodor zu Guttenberg, der ehemalige Verteidigungsminister, entschuldigte sich „in Demut“ nach der Plagiatsaffäre und der damalige FDP-Generalsekretär Christian Lindner empfahl seiner Partei nach der für seine Partei katastrophalen letzten Bundestagswahl, das Ergebnis „in Demut aufzunehmen“.

Es gibt unzählige weitere Beispiele, eines zeigen sie alle: Demut mag verstaubt sein, an Wirkung hat sie nicht verloren. Manager und Politiker, Sportler, Personen des öffentlichen Lebens bedienen sich ihrer, setzen sie ein, als würde das Wort allein ausreichen, um die Scheinwerfer zu dimmen, die auf sie und ihre Misere gerichtet sind.

 

In der biblischen Tradition dagegen ist Demut die einzige Haltung, mit der ein Mensch Gott begegnen kann. Der demütige Mensch beugt sich unter Gottes Macht und Willen. Er rechtet nicht mit Gott, er klagt ihn nicht an – stattdessen empfängt er, was Gott ihm zugedacht hat.

Der demütige Mensch erkennt die Macht Gottes also an und unterwirft sich ihr. So verstanden ist Demut keine Heuchelei, sondern das Gegenteil zum Hochmut: Der demütige Mensch erkennt, dass er, im Gegenüber zu Gott, nur sehr gering ist. Darum nimmt er eine Haltung ein, die dieser Erkenntnis entspricht, nämlich, dass Gott mich geschaffen hat, dass ich jemand bin, der sich einem anderen verdankt und daraus seine Demut gewinnt und weiß, wie klein er ist. Der aber daraus auch seine Größe gewinnt, denn wer von Gott geschaffen ist, ist ja nicht einfach ein Erniedrigter. Sondern es gilt sich bewusst zu machen: Ich bin aus Erde - aber belebt durch den Geist Gottes. Es steckt eine realistische Einschätzung seiner selbst darin, sich christlicherseits so in der Welt zu verstehen.

 

Dass Gott groß, der Mensch dagegen klein und gering ist, daran erinnert auch ein Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, der heute biblischer Text zur Predigt ist. Den Lesern des Briefes wird Gott gegenüber eine demütige Haltung empfohlen. Immer wieder allerdings steht diese demütige Haltung in Gefahr, verloren zu gehen. Immer wieder droht der teuflische Hochmut, die Beziehung zu Gott zu zerstören. Am Ende aber kommt es darauf an, dem Hochmut zu widerstehen. Ich lese aus dem 1. Petrusbrief, dem 5. Kapitel:

5b Hütet euch vor Hochmut! Denn "die Hochmütigen weist Gott von sich; aber er hilft denen, die wissen, dass sie ihn brauchen".

6 Deshalb beugt euch unter Gottes mächtige Hand. Gott wird euch aufrichten, wenn seine Zeit da ist.

7 Ladet alle eure Sorgen bei Gott ab, denn er sorgt für euch.

8 Bleibt besonnen und wachsam! Denn der Teufel, euer Todfeind, läuft wie ein brüllender Löwe um euch herum. Er wartet nur auf ein Opfer, das er verschlingen kann.

9 Stark und fest im Glauben sollt ihr seine Angriffe abwehren. Und denkt daran, dass alle Christen in der Welt diese Leiden ertragen müssen.

10 Gott aber, von dem ihr so viel unverdiente Güte erfahrt, hat euch durch Jesus Christus zugesagt, dass er euch nach dieser kurzen Leidenszeit in seine ewige Herrlichkeit aufnimmt. Er wird euch ans Ziel bringen, euch Kraft und Stärke geben, so dass ihr fest und sicher steht.

11 Ihm allein gehört alle Macht für immer und ewig. Amen.

 

Als der Schreiber des 1. Petrusbriefes diese Worte verfasst, kann man sich den darin enthaltenen Skandal gar nicht groß genug vorstellen: Vor 2.000 Jahren galt Demut nichts. Die Stoiker, eine philosophische Schule der Antike, hielten eine demütige, eine unterwürfige Gesinnung für falsch. Demut galt als Irrtum. Eine demütige Haltung galt als von Furcht geprägt. Und Furcht konnte keine Lebenseinstellung sein. Als Ziel des Lebens galt vielmehr, sich selbst groß zu machen, immer der Beste sein zu wollen, auf der Gewinnerseite zu stehen. Man warf den Christen damals deshalb vor, dass sie sich ohne Selbstachtung und ohne Würde selbst erniedrigten. Ihr Verhalten deutete man als Kriechertum. Und das entsprach nicht dem antiken Ideal, immer besser als die anderen sein zu wollen.

 

Noch weniger entsprach Jesus dem antiken Ideal: Ein gekreuzigter, leidender Mensch, in dem Gott den Menschen nahegekommen sein sollte. Das war vor zwei Jahrtausenden undenkbar. Gottheiten stellte man sich mächtig und unverletzlich vor und nicht leidend; schon gar nicht am Kreuz hängend. Dass die Christen einen leidenden Gott verehrten und daraus ableiteten, demütig zu sein, passte also nicht in die Zeit.

 

Gott tritt den Stolzen entgegen, so könnte man auch sagen, er verabscheut Arroganz, Großtun und Selbstüberschätzung. Gott tritt der Prahlerei entgegen und dem Wichtigtun. Denn Menschen, die hochmütig und stolz sind, die arrogant auftreten und sich wichtig nehmen – diese Menschen gründen ihr Leben nicht auf Gott, sondern auf die eigenen Kräfte oder das, was sie für die eigenen Kräfte halten. Dagegen steht der, der sich selbst zurücknimmt, der in Demut alles von Gott erwartet und sein Leben auf ihn gründet.

Wer das tut, wirft alle Sorgen auf Gott und verlässt sich nicht auf sich selbst, sondern darauf, dass Gott sich kümmern wird; dass Gott Wege aufzeigen wird; dass Gott helfen wird in der Not.

 

Diese Haltung einzunehmen und durchzuhalten, war und ist nicht leicht. Deshalb warnt der Verfasser des Petrusbriefes: Seid wachsam. Achtet darauf, dass ihr nicht in Selbstüberschätzung, Stolz und Hochmut zurückfallt. Widersteht in der Kraft des Glaubens, rät der Petrusbrief.

Der Hochmut, die Selbstüberschätzung drohen, überall die Gemeinschaft der Glaubenden und die Gemeinschaft mit Gott zu zerstören.

 

Demut ist also die Einsicht, dass alle meine Sorgen, Nöte und Ängste bei Gott wesentlich besser aufgehoben sind als bei mir. Behalte ich sie in meinem Kopf und meinem Herzen, erdrücken und lähmen sie mich. Gelingt es mir, sie betend auf Gott zu werfen und sie dort zu lassen, kann ich aufatmen und schwere Zeiten leichter tragen. Oder mit den Worten Martin Luthers gesprochen: „Wer ein Christ sein will, der lerne doch solches glauben, dass er sein Herz mit seinen Sorgen Gott auf seinen Rücken werfe; denn er hat einen starken Hals und Schultern, dass er es wohl tragen kann.“

 

Und wir?

Wie stehen wir da als Christenmenschen, als Kirche in der Gesellschaft? Stolz? – Verlegen? Ängstlich? - Verunsichert? – Ja, wohl immer wieder. Aber hoffentlich auch: Mit gutem Stand. – Widerstandsfähig gegenüber der Versuchung, ohne Gott zu leben oder seinen Willen zu verdrehen. Mit beweglichem Knie und Kopf, um sich zu beugen vor Gott. – Mit betenden Händen und einem wachen Blick für die Zeichen der Zeit. Leichtfüßig dennoch, weil unsere Sorgen aufgehoben sind. – Diese Haltungen stehen uns gut an.

So können wir bestehen auch in schwierigen Zeiten – wohl wissend, dass auch wir gehalten sind. Uns immer wieder darin vergewissernd, dass Gottes Haltung uns gegenüber eindeutig ist: Er, der Gott aller Gnade, wird uns aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus

Amen.

 

Predigt vom 28. August 2016  - Kerbegottesdienst Grolsheim

Predigt über „die Zeit“

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Sechs Wochen Sommerferien liegen hinter uns. Am Montag geht dann wieder die Schule los. Dann sind die großen Ferien vorbei.

Eigentlich schön, so eine Kerb zum Abschluss der Ferien. Dann kann man noch mal so richtig schön feiern und danach hat einen der Alltag wieder fest im Griff.

 

Egal, ob Sie im Ausland waren oder innerhalb Deutschland weggefahren sind oder zu Hause hier in Grolsheim geblieben sind, ich hoffe, Sie haben die Zeit genossen.

 

Die Zeit – darum geht es mir heute, an der Schwelle von den Ferien hin zum Alltag.

Über die Zeit möchte ich mit Ihnen heute nachdenken.

Die Zeit ist ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes. Das Buch Prediger Salomo spricht an einer Stelle von der Lebenszeit, die Gott jedem einzelnen Menschen zumisst. Sie ist ein Geschenk Gottes, nicht in unserer Verfügung, aber uns doch zur Verfügung gestellt. Sie ist begrenzt. Wie viel Zeit uns zur Verfügung steht, jedem Einzelnen von uns, wissen wir nicht.

Vielleicht auch ganz gut so.

 

Von daher haben wir die letzten hundertfünfzig Jahre gut genutzt, möchte man meinen. Wir haben in dieser Zeit viele Erfindungen gemacht, die uns Zeit sparen. Mit Auto und Bahn sind wir viel schneller unterwegs als die Menschen im 19. Jahrhundert. Mähdrescher und Erntemaschinen erledigen heutzutage die Arbeit in Stunden, für die ein Bauer oder Winzer früher Wochen brauchte. Eine Nachricht von Amerika nach Deutschland dauerte in Form eines Briefes Wochen, wenn nicht Monate. Heute genügt ein Mausklick und die E-Mail ist angekommen, der Chat gesendet. Am besten gleich noch mit Bild.

Wir haben viele Erfindungen gemacht, die uns Zeit sparen. Von daher möchte man meinen, es stünde uns mehr Zeit zur Verfügung als den Menschen früher.

Aber seltsam. Es ist wie im Kinderbuch »Momo«: Trotz aller Zeitspareffekte – oder vielleicht gerade wegen dieser – kommt uns die Zeit abhanden.

Wer hat denn heute noch Zeit? Das ist ja geradezu verdächtig, Zeit zu haben.

Die Welt beschleunigt sich immer mehr. Wir stehen allesamt immer mehr unter Druck: Das muss erledigt werden, dies muss noch geschafft werden. Wir nehmen uns Materialien von der Arbeit mit nach Hause, sind rund um die Uhr erreichbar.

Keiner, glaube ich, käme auf die Idee, unsere moderne Zeit als eine zu bezeichnen, in der man Zeit hat. Sie ist uns irgendwie abhandengekommen, die Zeit. Wir sind häufig Getriebene, nicht Herren über unsere Zeit.

In den Ferien ist das manchmal anders. Da ist dann ein wenig mehr Leerlauf, gehen die Uhren anscheinend etwas langsamer. Gerade bei Schülern und Schülerinnen kommt dann manchmal so etwas wie Langweile auf. Man muss die Zeit, die plötzlich da ist, totschlagen. Die Langweile überwinden.

 

Aber ansonsten gilt schon: Wir sind häufig Getriebene der Zeit.

Ist das – wenn man sich’s in Ruhe überlegt – nicht traurig?

 

Gott schenkt uns Zeit. Ein kostbares Geschenk ist sie, die Zeit. Keiner, sagt Jesus einmal, kann sein Leben auch nur um einen Tag verlängern. Die Zeit ist begrenzt, und gerade dadurch, dass sie uns nicht in unendlichem Maße zur Verfügung steht, weil sie vergänglich ist, wird und ist sie kostbar.

Wie nutzen wir die Zeit? Sehen wir mal von der Arbeitszeit ab, ob das nun Haushalt, Beruf oder Schule ist. Ziehen wir auch die Zeit ab, die wir für den Schlaf brauchen: Die freie Zeit, die übrig bleibt, die sogenannte Freizeit, wie nutzen wir sie?

 

Diese Woche wurde der sogenannte Freizeit-Monitor“ von der Stiftung Zukunftsfragen veröffentlicht. Im Schnitt hat jeder Deutsche heute drei Stunden und 49 Minuten Freizeit am Tag. Übrigens eine Viertelstunde mehr als noch 2011. Wie immer die das auch berechnen.

Und der große Trend ist: Die Medien und deren Nutzung bestimmen immer mehr unser Freizeitverhalten.

Und Fernsehen bleibt die liebste Freizeitbeschäftigung.

Wir verbringen also unsere Zeit damit, zuzuschauen, wie andere ihre Zeit verbringen. Ist das – wenn man sich’s in Ruhe überlegt – nicht seltsam?

 

Und die sogenannten neuen Medien, also alles was mit dem Internet zu tun hat, werden immer wichtiger und bestimmender und auch zeitraubender in und für unsere Freizeit.

 

Die Zeit für ein Treffen mit Freunden zu Hause ist um ein Drittel auf 17 Prozent zurückgegangen. Die Besuche von Enkeln bei ihren Großeltern sind zu einem guten Viertel seltener geworden.

Zu den Gewinnern im Fünf-Jahres-Vergleich zählt neben den neuen Medien eindeutig der Sport. Immerhin!

Das Bedürfnis nach Ruhe nimmt aber zu. Und: Nicht nur die Arbeitswelt auch die Freizeit ist stressiger geworden.

Seltsam, bei all den Erleichterungen, die wir heute doch zur Verfügung haben. Aber es gibt wohl zu viele Angebote und es macht eben Stress, sich dabei für die Richtigen zu entscheiden und nicht das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.

 

Gott schenkt uns Zeit. In der Regel ist es viel Zeit, die wir im Laufe unseres Lebens zur Verfügung haben. Aber im Getriebe des Alltags verflüchtigen sie sich schnell, weil wir gehetzt sind, von Informationen und Nachrichten bombardiert, vom Alltagsstress erschöpft und ausgelaugt und nicht mehr zur Ruhe kommen.

Deshalb sind Ferienzeiten so wichtig. Zeiten, in denen wir abschalten können. Und einfach das tun, was einem Freude macht. „Die Seele baumeln lassen“, wie es so schön heißt. Das macht die Ferienzeit aus.

Wobei, sagen uns Freizeitforscher, es in der Regel zwei Wochen dauert, bis man wirklich abschalten kann. Wir müssen den Müßig-gang erst wieder mühsam lernen. Das ist gar nicht so einfach. Die Seele baumeln lassen: Wie geht das eigentlich?

Ein Mann wurde einmal gefragt, warum er so ausgeglichen und entspannt wirke.

Er sagte:

„Wenn ich stehe, dann stehe ich,

wenn ich gehe, dann gehe ich,

wenn ich sitze, dann sitze ich,

wenn ich esse, dann esse ich,

wenn ich liebe, dann liebe ich …“

Dann fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten:

„Das tun wir auch, aber was machst du darüber hinaus?“

Er sagte wiederum:

„Wenn ich stehe, dann stehe ich,

wenn ich gehe, dann gehe ich,

wenn ich … „

Wieder sagten die Leute:

„Ist gut, verstanden, aber das tun wir doch auch!“

Er aber sagte zu ihnen:

„Nein –

wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon,

wenn ihr steht, dann lauft ihr schon,

wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“

 

Ganz bei sich sein und nicht mit den Gedanken schon wieder wo-anders. Das ist eine Kunst. Die beherrsch ich oft nicht. Bei dem einen, das ich tue, denke ich schon an das andere, das noch kommt. Das macht mir Stress. Das macht mich fertig.

Das passiert mir auch immer wieder im Urlaub, dass ich daran denke, was alles zu tun ist, wenn er zu Ende ist und dann geht das Kopfkino los und die Erholung langsam flöten.

 

Die Ferienzeit gut nutzen, das ist eine Kunst. Die Seele baumeln lassen, das kreative Nichts-tun wieder pflegen, Ruhe tanken? Sich Anregungen holen, Neues sehen und erleben, Herausforderungen suchen, den Horizont weiten…

 

Jetzt beginnt wieder der Alltag. Und manchmal stürzt dann gleich zu Beginn so viel auf uns ein, dass wir schon bald wieder urlaubs-reif sind.

Was kann man tun?

In den zehn Geboten heißt es: „Sechs Tage lang sollst du arbeiten. Aber der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht.“ Der Ruhetag als Gebot Gottes. Der 7. Tag als Ruhetag: Das hat Schule gemacht. Bei den Juden war es der Samstag, wir Christen haben den Ruhetag auf den Sonntag gelegt. Die Muslime auf den Freitag.

Aber dennoch: Ein Tag, an dem das Gebot lautet: Nichts zu tun! Faulenzen oder sich austoben. Zur Ruhe kommen. Zeit haben für die Dinge, die sonst im Leben zu kurz kommen.

Das gilt nicht für alle, aber doch - noch!- für die Mehrheit. Der Sonntag hat zunehmend zu kämpfen um seine Stellung in unserer Gesellschaft. Wir Kirchen tun dies, aber die Gegenkräfte sind stark und liegen im Trend. Denken Sie nur an die ganzen, immer mehr um sich greifenden verkaufsoffenen Sonntage.

 

Sechs Wochen Ferien liegen hinter uns. Damit uns das Urlaubsgefühl nicht schnell wieder abhandenkommt, können wir die Sonntage immer wieder zu so etwas wie kurze Ferien im Alltag machen. Als Ruheinseln in der Betriebsamkeit des Alltags. Und ein Tag, an dem wir den preisen und dem danken, der im eigentlichen Sinne der Herr der Zeit ist: Gott.

Das tun wir heute hier am Kerbesonntag.

Und das tun wir verlässlich jeden Sonntag im Gottesdienst, so lange Gott uns dazu unsere Lebens-Zeit schenkt.

Denn: Alles hat seine Zeit!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigt vom 17. Juli 2016 - Jubiläumskonfirmation               von Markus Weickardt

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde,

liebe Jubiläums-Konfirmanden und Konfirmandinnen!

 

Es ist ein halbes Jahrhundert her, zumindest bei den Goldenen Konfirmanden und Konfirmandinnen, dass Sie hier in dieser Kirche eingesegnet wurden von Pfarrer Geißler.

1966 war das.

Vielleicht kommt es Ihnen, liebe Goldene Konfirmanden, ein wenig unglaublich vor, dass Ihre Konfirmation schon fünf Jahrzehnte zurückliegt. Vielleicht haben Sie noch wache Erinnerungen an diesen Tag: An den Gottesdienst und das Gefühl, das Sie bei Ihrem ersten Gang zum Abendmahl hatten? An die familiäre Feier zu Hause und an all die, die zu Ihrem Fest eingeladen waren? An die Umstände, die diesen Tag begleiteten?

Die eine oder andere Erinnerung wird sich gewiss in Ihr Bewusstsein drängen und diesen Tag wieder vor Ihrem inneren Auge erwachen lassen.

Aber auch zur Konfirmandenzeit selbst kommen Ihnen sicherlich Gedanken und Gefühle. An Pfarrer Geißler, an die Gruppe, an das leicht oder auch mühsam auswendig Gelernte – ist es noch abrufbar oder längst verblasst? Können sie noch das ein oder andere Lied oder den ein oder anderen Psalm?

War die Konfirmandenzeit eine interessante, eine schöne Zeit, oder waren Sie froh, sie hinter sich zu haben?

Das alles ist lange her, aber sicherlich nicht vergessen. Manches davon wird immer wieder einmal in das Heute mit hinein schwingen und heute ist ein Tag, der die Gelegenheit bietet, die Erinnerung wieder wachzurufen und sich auszutauschen und einander zu erzählen.

 

Ein solcher Tag gibt Anlass, in die Vergangenheit zu schauen. Fünf Jahrzehnte sind eine lange Wegstrecke - und bei den anderen Jubelkonfirmanden und -konfirmandinnen sind ja noch eine längere Wegstrecke und in Gänze kaum zu überblicken. Im Blick zurück verengt sich unsere Schau oft auf wenige Ereignisse, die unser Leben in besonderer Weise geprägt haben. Höhen und Tiefen haben Sie durchlaufen, schöne und schwere Stunden erlebt, gelacht und geweint, sich gefreut und getrauert, gezweifelt und gehofft.

Sie werden auch dies erfahren haben: Manchmal war Gott weit weg und Sie haben überhaupt nicht mehr mit ihm gerechnet. Die vielen Ereignisse in Ihrem Leben haben Gott verdeckt und verborgen gehalten, zumindest bei einigen von Ihnen.

Aber manchmal war er Ihnen auch wieder ganz nah. Sie haben gespürt, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als man sich vorstellen kann. So wechselhaft wie unser Leben mit seinen Aufs und Abs ist, so wechseln sich Glauben, Vertrauen und Anfragen und Zweifel bei uns ab.

 

Ein Tag wie heute der Tag der Jubelkonfirmation, ist ein Tag an dem Sie vielleicht auch so etwas wie Bilanz ziehen und fragen sich, wo es noch hingehen wird mit der eigenen Lebensreise und was wohl noch kommt? Und fragen sich: Was befürchte ich, was mir noch alles widerfahren könnte? Aber auch: Was wünsche ich mir? Wie will ich mein Leben noch gestalten -, sodass ich zufrieden, ja vielleicht sogar glücklich bin?

Was suche ich noch zu finden in meinem Leben? Bin ich überhaupt noch auf der Suche nach etwas?

 

Und das meint nicht unbedingt die Suche, wenn man oder frau nach dem Schlüssel sucht oder das Portemonnaie nicht findet oder die Brille verlegt hat. Das kennen Sie und das nimmt mit höherem Alter immer mehr zu, dieses Suchen nach etwas, das man/frau irgendwie verlegt hat.

Ja, da guckt man hier und sieht dort nach, kramt in Tasche, wühlt in Schränken, bis sich das Verlorene wieder findet - welch ein Glück dann!

Wir alle verbrauchen einen Teil unserer Zeit mit Suchen, der eine mehr, die andere weniger. Wir verbrauchen Zeit dafür. Suchen gehört zu unserem Leben dazu, es ist ein Teil unseres Lebens.

Dabei ist es keineswegs etwa nur ein Zeichen von schlechter Ordnung oder von nachlassendem Gedächtnis. Denn wir suchen ja nicht nur nach mehr oder weniger wichtigen Gegenständen, sondern noch nach sehr viel mehr.

Wir suchen in unserem Gedächtnis nach Dingen, die verschüttet gegangen sind und die wir vergessen haben.

Wir suchen in unseren Gedanken nach Menschen, die uns etwas bedeutet haben und deren Weg wir aus den Augen verloren haben.

Wir suchen einen echten Freund, eine treue Freundin.

Wir suchen nach dem richtigen Weg durch das Leben und ringen um die richtigen Entscheidungen.

Wir befinden uns auf der Suche nach dem Sinn von Sein und Zeit, nach dem Sinn von unserem Sein und unserer Zeit.

Ja, würde ich als Pfarrer sagen: Wir sind auf der Suche nach Gott.

Und dieses Suchen gehört zu jedem Leben dazu, ob jung, ob alt, ob hier oder in einem weit entfernten Land. Es ist nicht nur eine lästige Angelegenheit, die uns Lebens-Zeit, Leben raubt, sondern es ist Teil unseres Wesens, Teil unseres Menschseins, unserer Existenz. Wir sind Suchende!

Und so sollte es weniger Anlass zum Kopfschütteln geben, wenn jemand ständig etwas sucht, als wenn es Menschen gibt, die nie etwas verlieren, nie suchen müssen. Die gar nicht mehr oder noch nie auf der Suche waren.

 

Jesus erzählt uns in der Bibel dazu eine Geschichte, eine Suchgeschichte. Im Lukasevangelium im 15. Kapitel heißt es:

8 Oder nehmt ein anderes Beispiel: Eine Frau hat zehn Silbermünzen gespart. Als ihr eines Tages eine fehlt, zündet sie sofort eine Lampe an, stellt das ganze Haus auf den Kopf und sucht in allen Ecken.

9 Endlich hat sie die Münze gefunden. Sie ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und erzählt: 'Ich habe mein Geld wieder! Freut euch mit mir!'

10 Genau so freuen sich auch die Engel Gottes, wenn ein einziger Sünder zu Gott umkehrt.

 

Diese kurze Erzählung Jesu ist die Geschichte einer namenlosen Frau. Namenlos vielleicht, weil sie für viele, für unzählige stehen soll. Einen Silbergroschen hat sie verloren, einen von zehn, und das ist für damalige Verhältnisse schon sehr viel. Im Übrigen ist es erstaunlich, dass sie überhaupt Geld besitzt. Denn das Geld hatten und verwalteten die Männer - damals jedenfalls. Zehn Silbergroschen, das ist ein Schatz, vielleicht Teil ihres Brautschatzes, ihrer Aussteuer. Jedenfalls besitzt sie etwas Ungewöhnliches, für sie sehr Kostbares. Das ist wichtig: Sie hat etwas. Sie hat etwas sehr Wertvolles im Leben. Sie hat einen Schatz, der ihr mitgegeben ist, eine Gabe, die ihre eigene ist und die sie verwaltet.

 

Was gibt es für Schätze in unserem Leben? Was sind die Gaben, mit denen wir ausgestattet sind und die wir verwalten? Es ist doch so, dass jeder Mensch eine Mitgift besitzt wie diese Frau, Gaben, die wir mitbekommen haben auf unserem Lebensweg. Fähigkeiten, Talente, einen Schatz von Menschlichkeit, so hoffe ich doch.

Also: Was sind die Gaben, mit denen wir, jede, jeder einzelne, ausgestattet sind? Und haben wir nicht allen Grund, uns darauf zu besinnen, wie reich ausgestattet wir eigentlich sind; haben wir nicht auch Grund, dankbar zu sein, dass das für alle Menschen gilt? Dass jede, jeder von uns mit Gaben versehen, also be-gabt ist? Was ist geworden mit diesem unserem Schatz im Laufe unseres bisherigen Lebens? Was haben wir daraus gemacht in fünfzig, siebzig oder mehr Jahren unseres Lebens?

 

Der Frau in unserer Geschichte ist etwas verlorengegangen. Verschüttgegangen. Im Laufe der Zeit, im Laufe eines Lebens kann ja so manches abhanden kommen. Da können Fähigkeiten verschüttgehen, ein unwiderstehliches Lachen kann verstummen, die Unbeschwertheit, die Leichtigkeit der Jugend, so fern sie einmal da war. Wir können die Spuren eines Menschen aus den Augen verlieren, ja wir können einen Menschen ganz verlieren. Wir können die Orientierung verlieren auf den Wegen durch die Zeit. Manchmal kann auch der Sinn abhanden kommen, der Sinn unseres eigenen Daseins, und wir verlieren uns selbst.

Erfahrungen, die Sie die Jubelkonfirmanden und-konfirmandinnen, vielleicht kennen aus Ihrem Leben.

 

Die Frau in unserer Geschichte merkt, dass ihr etwas fehlt. Das ist ganz wichtig. Denn das gibt es ja auch: dass Menschen gar nicht merken oder merken wollen, dass ihnen etwas Wesentliches verlorengegangen ist in ihrem Leben.

Diese Frau aber bemerkt den Verlust. Und sie wird aktiv. Sie begibt sich auf die Suche. Und sie sucht mit allen Fasern ihres Selbst. Sie geht in ihr Haus, geht in sich selbst. Ihr ganzes Haus kehrt sie um, ihr ganzes Leben. Sie sucht nicht nur, sie
i s t das Suchen, so scheint es.

Suchen heißt: Einkehr halten. Rückschau halten. Sich erinnern. Genau hinschauen. Genau hören. Darüber nachsinnen, welche Wege ich, welche Wege die anderen gegangen sind und welche geraden, welche verschlungenen Wege, welche Um- und Irrwege wir genommen haben.

Suchen heißt auch: darüber nachdenken, was aus mir, was aus den anderen geworden ist. Das kann manchmal schmerzlich sein. Es tut weh zu merken: Ich habe etwas verloren. Ich habe sehr viel verloren. Manchmal ist es etwas Unwiederbringliches. Aber Suchen heißt ja auch: Ausschau halten nach dem Verlorenen. Und Suchen wartet auf das Finden. Das Suchen birgt in sich die Verheißung des Findens. Der Schmerz über das Verlorene ist nur ein Durchgang, eine Station. Am Ende wartet die Freude, die Freude des Findens. Nicht immer, aber doch immer wieder. Und das ist ja der Trost und die Hoffnung, dass es ein Finden geben wird.

 

Die Freude des Findens will nicht allein bleiben. Sie will geteilt, will gefeiert werden. Die Frau in unserer Geschichte ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und lädt sie ein: „Freut euch mit mir, denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren habe." Sie geht nicht einfach zur Tagesordnung über. Nein. Sie freut sich, dass sie, die Suchende, zur Findenden geworden ist. Sie freut sich über die Entdeckung. Sie muss feiern, denn das Verlorene ist ans Licht gekommen. Sie teilt ihre Freude mit. Und so kommt sie ans Ziel: zum Fest. Denn das ist unser aller Ziel: das Fest des Lebens. Und Gott feiert mit!

Auch wir wollen heute feiern. Hier in der Kirche und Sie nachher beim Zusammensein in kleinerer und größerer Runde.

 

Ich wünsche Ihnen, dass es eine schöne Feier wird. Ein schöner Tag des Wiedersehens und Zusammenkommens.

Ein Tag an dem Sie auch spüren: Bei allem, was mir im Leben widerfahren ist, bei allem was ich erlebt habe, ich kann mit gutem Gewissen und frohen Herzen sagen:

Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit`, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen.

 

So wollen wir jetzt auch singen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Predigt vom 24. Juni 2016 - Verabschiedung von Anika Rehorn und Einführung des neuen Konfirmandenjahrganges 

Der Herr ist mein Hirte – Predigt zu Psalm 23 –
Vikarin Anika Rehorn

 

Fast alle kennen diesen Psalm. In Gottesdiensten und Ansprachen kommt er häufig vor, im Konfi-Unterricht wird er bis heute auswendig gelernt, das war schon bei mir so, bei meinen Eltern und bei meinen Großeltern. Das Bild des Hirten ist einprägsam und irgendwie auch schön.

Es ist auch eines der häufigsten Vergleiche in der Bibel, wir die Schafsherde und Gott der Hirte. Auch Jesus hat von sich gesagt: ich bin der gute Hirte. Und das Wort Pastor, wie ja Pfarrer auch genannt werden bedeutet auch Hirte.

 

Das der Vergleich mit Schafen und Hirte so häufig in der Bibel vorkommt, rührt daher, dass jeder etwas damit anfangen konnte. Hirte war ein wichtiger und häufiger Beruf in Israel. Da wusste jeder etwas mit anzufangen.

Heut zu Tage wäre das so wie eine Fußball-Metapher einbauen. Wenn ich sage: Erleichterung ist, wenn Götze in der vorletzten Minute doch noch ein Tor schießt! Dann können sich fast alle bildlich vorstellen, was gemeint ist.

Da das Bild mit dem Hirten und den Schafen für uns alle nicht mehr so geläufig ist, benötige ich heute ein bisschen ihre Vorstellungskraft. Zumindest für die Zeit des Gottesdienstes. Nachher können sie sich dann noch ganz direkt mit dem Schäfer unterhalten und die Schafe beobachten.

 

Wir müssen uns zunächst also mal in so ein Schaf hineinversetzen. Denn das ist ja die Perspektive, die wir brauchen.

Ach das wäre doch nicht so schlecht: ich wollt ich wär ein Schaf! Die fressen sich morgens den Bauch voll und dann legen sie sich mittags auf die Wiese und käuen alles wider. Das ist doch ein Leben!

Schafe sind sehr nützlich, denn sie können Milch geben und Wolle.

Doch Schafe gelten auch als sehr wehrlos, sie können sich selbst nicht gegen Feinde wehren. Sie haben weder große Klauen, noch Reißzähne, ein paar haben wenigstens Hörner, aber auch nicht alle.

Schafe, sie sind Herdentiere. Sie bleiben zusammen in der Gruppe. Es gibt zwar auch immer mal Ausreißer, aber in der Regel sind sie eine Gemeinschaft.

Sie brauchen einander, aber vor allem brauchen sie jemanden, der diese Herde leitet, führt und sich um sie sorgt. Die meisten Schafe sind ohne Hirten ziemlich aufgeschmissen. Sie verirren oder verlaufen sich alleine.

Kommen wir also nun zum Hirten:

Ein Hirte, das stellen wir uns irgendwie schön und romantisch vor. Aber das ist ein harter Beruf. Hirten brauchen eine gute Kenntnis von der Umgebung und von den Pflanzen, die die Schafe fressen können. Hirten zur damaligen Zeit blieben bei ihrer Herde, auch in der Nacht. Sie mussten gegen Wölfe und wilde Tiere kämpfen und die Schafe verteidigen. Hirten müssen mutig und stark sein. Sie haben einen Stab, mit dem sie gegen Tiere kämpfen können, aber mit dem sie auch die Schafe auf dem richtigen Weg leiten können oder auch mal ein verlorenen Schaf einfangen können. Der Hirte, er sorgt sich rundum für seine Schafe, sie sind ihm das wichtigste!

Aus diesem Blickwinkel müssen wir unseren Psalm verstehen.

Aus der Sicht des Schafes, ist der Hirte die wichtigste Person. Er ist der Beschützer, der Leiter, der es führt und der auf es aufpasst. Das Schaf vertraut darauf, dass der Hirte immer das Beste für die Schafe will und daher folgt es ihm, denn es weiß, wo der Hirte hingeht kommen wir zu Wiesen und Wasser.

 

Schafe und ihr Hirte - Nun müssen wir zu unserem inneren Bild noch die Landschaft einfügen.

Er weidet mich auf einer grünen Aue.

Bei diesem Vers haben wir häufig so eine schöne saftig grüne Wiese im Kopf, leichte Hügel, im Hintergrund erstrecken sich vielleicht ein paar Berge. Ich würde wohl eine Allgäu-Postkarte für die Illustration verwenden.

Doch muss ich ihnen sagen, dass der Ursprung des Verses mit dem Allgäu recht wenig zu tun hat. Ich habe einen völlig neuen Blickwinkel auf den Psalm bekommen, als ich vor einigen Jahren mit meiner Familie in Israel war.

Dort sind wir an einem Tag durch die Steppe gewandert. Und mit Steppe meine ich eine graue wüstenähnliche Landschaft. Da war harter, staubiger Boden. Da gab es keine saftige Wiese, kaum Wasser, keine idyllischen Hügel, keine frische Brise. Die Sonne brannte von oben herunter. Es war einfach nur heiß und trocken und es sah alles gleich aus, soweit das Auge blicken konnte. Wenn wir keinen Wanderführer gehabt hätten, der uns sicher zu einer Oase gebracht hat, wir wären völlig ziellos in der Wüste gewesen. Das ist die Umgebung, die wir uns bei diesen Versen vorstellen müssen.

In dieser Umgebung, in der der Psalm ja tatsächlich geschrieben wurde, bekommen die Sätze nochmal einen anderen Klang. Dann ist es nicht mehr nur das romatisch/idyllische Gedicht. Sondern es ist ein wahrer Lebenspsalm.

Denn es geht ums unterwegs Sein. Der Hirte zieht von Ort zu Ort mit seinen Schafen. Auf der Suche nach Glück, nach Zufriedenheit, nach Sättigung.

Und auf diesem Weg gibt es saftige Wiesen und dunkle Täler. Reich gedeckte Tische und unangenehme Feinde. So wie in unserem Leben. Aber Gott, unser Hirte ist dabei und solange wir von ihm geführt werden und in seiner liebevollen Nähe bleiben, sind wir auf dem richtigen Weg. Der Psalm handelt von Vertrauen, vertrauen darauf, dass unser Leben und diese Welt geführt und geleitet werden von einem liebenden und guten Gott. Auch oder gerade, in den Momenten, in denen wir das nicht direkt entdecken. Auch oder gerade in der dürren Steppe. Denn mit dem, was wir jetzt alles über den Psalm wissen, klingt er so:

 

Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer  grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele.

 

Gott ist mein Beschützer.

Auch in der Wüste wird mir nichts fehlen.

Denn mein guter Hirte führt mich immer wieder zu frischem Wasser.

Er weidet mich auf grünen Auen, auch wenn ich diese in meinem Leben gerade nicht sehen kann. So weiß ich doch, er versorgt mich mit allem, was ich für mein Leben brauche. Sogar noch mehr: Er will nicht nur, dass es mir körperlich gut geht, sondern dass auch meine Seele, mein Geist zur Ruhe kommt und erfrischt wird. Ich kann durchatmen und weiß, dass alles gut wird, solange ich in seiner Nähe bin.

           

Er führt mich auf rechter Straße, um seines Namens willen.

Er führt mich auf dem richtigen Weg, dabei kann ich nicht mal unterscheiden, welcher Weg richtig oder falsch ist. Für mich sehen die Wege alle ziemlich ähnlich aus. Wenn ich nicht weiter weiß, dann vertraue ich darauf, dass er den Weg kennt und kann daher ganz beruhigt hinter her gehen. Denn ich weiß, mir kann gar nichts passieren. Denn sein ganzes Wesen ist Liebe.

 

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück,  denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.      

Dass mein Hirte den rechten Weg kennt bedeutet nicht, dass unser Weg immer nur schön und angenehm ist. Oh nein, auch die tiefen Täler habe ich schon kennen gelernt in meinem Leben. Ja manche davon waren sehr tief und dunkel. Das Leben führt nicht immer nur bergauf zur nächsten Weide.

Aber weil mein Hirte da ist, weiß ich, dass das dunkle Tal ein Ende hat. Ich muss vor der Zukunft keine Angst haben oder mir Sorgen machen. Denn Gott ist immer da. Er leitet mich und wird mich verteidigen gegen alles, was mir den Lebensmut nehmen will. Es wird mir rundum gut gehen, wenn ich meinem Hirte folge, genau deswegen tue ich es. Auch wenn es manchmal schwer fällt, ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann.

 

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.

Nur das Beste will Gott für mich. Wenn ich verloren gehe, dann sucht er mich bis er mich gefunden hat und dann gibt es ein großes Fest! Kein Mensch und keine Gefahren können mich von ihm trennen! Bei ihm kommt es nicht darauf an, wie viel ich leiste oder ob ich auch mal versage. Es kommt auch nicht darauf an, was alle anderen von mir denken. Gott ist auf meiner Seite.

 

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Denn sein Weg lohnt sich. In der Spur meines Hirten kann ich den Weg in Freiheit gehen. Der Weg auf dem mir Gutes geschieht und ich Angenommensein, Liebe und Vergebung erfahren darf.

Der Weg, der mich in Gottes Nähe, in sein Haus führt. In seiner Nähe will ich bleiben. Nichts kann mich trennen von Gottes Liebe. Er ist bei mir und ich bei ihm. Für immer.

Evangelische Kirchengemeinde Gensingen-Grolsheim

Gemeindebüro

Bahnhofstraße 16

55457 Gensingen

Pfarramt

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55457 Gensingen

 

Pfarrer Markus Weickardt

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Telefon:+49 6727 264

Fax: +49 6727-95670

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Dienstags von 9.00 - 12.00 Uhr

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Donnerstags von 9.00 - 12.00 Uhr und 14.00 - 16.30 Uhr

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