Evangelische Kirchengemeinde Gensingen/Grolsheim
Evangelische Kirchengemeinde Gensingen/Grolsheim

Hier finden Sie die aktuellen Predigten von besonderen Gottesdiensten in unserer Gemeinde

Predigt 5. Sonntag nach Trinitatis, 01.07.2018, Grolsheim

Predigt über 1 Mose 12, 1-4

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Es ist vorbei. Aus und vorbei. Deutschland ist ausgeschieden aus dem WM-Turnier, sang- und klanglos. Schlechte Spiele, schlechte Leistung, es war eine Qual das mitanzusehen. Nichts von der Freude und Begeisterung der letzten Turniere war zu spüren. Was bleibt ist bittere Enttäuschung und die Einsicht: So

kann es nicht weitergehen. Das ist im Blick auf unsere Nationalmannschaft und wohl auch auf ihren Trainer völlig klar. Darüber bestand schon am Morgen danach Einigkeit in allen Kommentaren und Analysen. Doch jetzt, wo die schwarz-rot-goldene Schminke von unserer Wirklichkeit abgewischt ist, tritt noch etwas anderes deutlich hervor: Es kann so nicht weitergehen. Jetzt, wo Fußball nicht in gleichem Maße wie vorher eine willkommene Ablenkung bieten kann, sind die Probleme unserer Zeit noch klarer zu sehen.

Die Situation der Flüchtlinge an den Grenzen Europas, der neue „harte Kurs“ in Italien, der die Aufnahme von geretteten Flüchtlingen einfach ablehnt – die Uneinigkeit in unserer Regierung und leider auch in ganz Europa - wohin soll das nur führen?

Ein Mittelmeer, in dem überfüllte Flüchtlingsschiffe mit verzweifelten Helfern und Geflüchteten darauf von Hafen zu Hafen geschickt werden – und dabei den 5-Sterne-Kreuzfahrtschiffen mit All-Inclusive und 24-Stunden-Animation begegnen? Mediterrane Highlights, 10 Tage ab 1.600 €, Rabatt für Frühbucher. Und Hunderte namenlose Tote, Männer, Frauen, kleine Kinder.

Noch lässt es sich offenbar vermeiden, dass touristische und Flüchtlings-Routen sich kreuzen. Noch.

Unsere Regierung und die gesamte europäische Politik sind über diese Frage in eine schwere Krise geraten, angeregt offenbar durch schlechte Beispiele aus Übersee, sprich den USA mit ihrem Präsidenten. Es gibt zu viele alte Männer, die jetzt glauben, dass dies ihre Stunde ist. Doch mit alten Männern werden wir keine Sterne sehen. Nicht im Fußball. Und auch nicht in der Politik.

 

 

Wir hören heute in der Predigt Gottseidank von einem alten Mann, der Sterne gesehen hatte, neue Sterne in einem neuen Land, in das ihn Gott geschickt hat. Von Abraham ist die Rede, dem Stammvater der jüdischen, christlichen und muslimischen Religion. Es bedeutender Mann heute in unseren Augen. Sein Anfang war eher unbedeutend, aber getragen von einer großen Verheißung, einer einzigartigen Verheißung. Hören wir die Erzählung aus dem 12. Kapitel des 1. Buches Mose.

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.

 

Der heutige Predigttext scheint geradezu für Auswanderer oder Flüchtlinge prädestiniert zu sein.

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus. Diese Worte können zum Aufbruch oder zur Flucht ermutigen.

So war dieser Text ursprünglich für einen Auswanderer, nämlich Abram oder besser Abraham, wie er später genannt wurde, bestimmt. Als sein Vater Terach gestorben war, erhielt Abraham den Auftrag, sich wieder auf den Weg zu machen. Dies ist verbunden mit einer großen Verheißung. Dem Abraham wird versprochen, dass er „einen großen Namen“ haben wird. Damit ist gemeint, dass ihm Ruhm und Ehre zuteilwerden. Tatsächlich erlangte er großen Reichtum für die die damaligen Verhältnisse. Er kam in den Besitz einer großen Herde von Schafen und Rindern und hatte die dazugehörigen Hirten angestellt.

 

Für Abraham war es kein leichter Weg. Er war schon alt und bis dahin nicht gerade mit einem guten Leben gesegnet. Er hatte mit seiner Frau Sara keine Nachkommen und das war in der damaligen Zeit schon ein sehr großer Makel bzw. wurde als großes Unglück empfunden. Eben als das Gegenteil von Gottes Segen.

Sicherlich war es für ihn und seinen Aufbruch erleichternd, dass er seine Familie mitnehmen konnte. Entscheidend war, dass er an Gott und seine zunächst seltsam klingende Verheißung glaubte. Gegen allen Augenschein setzt er auf diese Zusage Gottes. Er glaubte an Gottes Verheißung, die darin bestand, dass Abraham Nachkommen bekommen sollte, die ihm bisher versagt waren. Aber ihm wird noch mehr verheißen: Du sollst ein Segen sein. Abraham wird gesegnet und durch ihn sollen auch die Menschen, die zu ihm gehören, den Segen Gottes erfahren. Abraham konnte sich mit der Gewissheit auf den Weg machen, dass seine Träume in Erfüllung gehen würden. Obwohl er nicht mehr jung war, stand ihm noch eine große Zukunft bevor.

Aber das ist noch nicht alles: Durch ihn sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Abraham bekommt die größte Verheißung mit auf den Weg, die einem Menschen gegeben werden kann. In seinen Segen sind auch die Menschen eingeschlossen, die nach ihm kamen. In diesen Segen sind die Juden und Christen eingeschlossen, die in Abraham den „Vater des Glaubens“ sehen. Und auch zu den Muslimen besteht hier eine Verbindung, weil sie sich zu Abraham als ihrem Stammvater bekennen.

Du sollst ein Segen sein. Das gilt nicht allein deshalb, weil Abraham sich auf den Weg macht, damit es ihm wirtschaftlich besser geht, sondern das gilt deshalb, weil Gott ihn mit seinem Segen auf den Weg schickt.

 

Du sollst ein Segen sein. Es ist ein Wort, das allen gelten kann, die in eine bessere Zukunft aufbrechen wollen. Du sollst ein Segen sein. Weil du in dem Bewusstsein aufbrechen sollst, dass Gott dich begleitet. In seinem Segen sollst du handeln und so wirst auch du ein Segen für andere Menschen sein. Du sollst nicht einfach auf deine eigene Kraft und deinen eigenen Mut vertrauen, obwohl das sicherlich auch wichtig im Leben ist, sondern du sollst zuallererst auf Gott vertrauen.

 

Es ist nicht leicht, ins Ungewisse aufzubrechen. Denn das Ungewisse ist eben ungewiss. Ängste und Unsicherheiten sind die Begleiter auf dem Weg. Probleme werden sich zeigen.

Entscheidungen müssen getroffen werden und oft weiß man erst später, war richtig war.

Der Weg ins Ungewisse ist ein schwerer Weg, verläuft anstrengend und ungebahnt.

Für Abraham aber war klar: Wenn er nicht aufbricht, wird er diesen Segen nicht erreichen. Und so machte er sich auf den Weg.

Dafür brauchte Abraham Vertrauen. Er brauchte die Gewissheit, dass Gott ihm den Segen nicht nur verspricht, sondern dass Gott ihn auch wirklich geben kann. Weil Abraham solches Zutrauen in Gott hatte, gilt er eben als „Vater des Glaubens“. So verehren ihn die Menschen dreier Religionen: Juden. Muslime und Christen.

Abraham vertraute Gott, und Gott versprach ihm seinen Segen: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Dies galt für das Ziel, aber dies galt auch schon für sein Unterwegs sein.

 

Eine Auswanderung, eine Flucht stellt einen riesigen Einschnitt im Leben dar. Es handelt sich um einen Aufbruch, der den meisten Menschen eher schwer fällt. Der mit Ängsten und Hoffnungen verbunden ist. Und manchmal auch mit dem Scheitern und sogar dem Tod. Denken Sie nur an die Bilder von all den ertrunkenen Menschen im Mittelmeer. Da war kein Segen auf dem Aufbruch ins neue Land, da war Verzweiflung, Not, Elend und dann der Tod. Warum Gott diese Aufbrüche, diese Fluchten nicht segnet, ich weiß es nicht. Sicher liegt es auch an der Hartherzigkeit so mancher Verantwortlichen in der Politik und auch an unserer Hartherzigkeit, weil wir eben Angst haben vor Fremdheit, vor dem Absinken unseres Wohlstandes, vor allzu viel Überfremdung in unserem Land. Verständlich, aber andere zahlen den Preis, den bitteren Preis dafür.

 

Das Wort an Abraham gilt aber nicht nur für die großen Aufbrüche im Leben auch für die kleineren Aufbrüche in unserem Leben kann es gelten.

Ein Aufbruch kann ein Umzug oder eine neue Arbeitsstelle oder einfach nur ein neues Projekt sein, für das man sich einsetzen möchte. Und dazu gehört für mich auch die Frage, wie ich ein Segen für andere sein kann, für meine Familie, für Freunde, für die Menschen, die mich brauchen – für die Menschen in meinem Lebensumfeld und darüber hinaus. Und auch diejenigen, die wirklich auswandern, die flüchten sollten sich genauso überlegen, wie sie in ihrem neuen Land ein Segen sein können, nicht nur für sich, sondern auch für andere.

Da haben wir ja leider in letzter Zeit einige Beispiele, die genau in die verkehrte Richtung weisen. Wo Menschen, die zu uns gekommen sind, nicht zum Segen für andere, sondern zum Fluch wurden. Einzelfälle, aber selbst die sind zu viel und belasten das Klima des Zusammenlebens.

 

Und: In diesen Tagen brechen viele Menschen in die Ferien auf. Wie Abraham packen sie ihre sieben Sachen ein und machen sich auf den Weg. Auch der Urlaub kann nicht nur für einen selbst ein Segen sein, sondern auch für die beteiligten Menschen. Freunde, die gemeinsam wegfahren, schöpfen neue Kraft, indem sie sich über vieles austauschen. Familien erholen sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch, indem sie gemeinsam etwas erleben und über Dinge reden können, wofür sonst keine Zeit ist. Auch Ehepartner können von neuem zusammenfinden, indem sie mehr Zeit füreinander haben als sonst. Du sollst ein Segen sein. Dieses Wort gibt Gott uns mit auch auf diesen Weg hin in den Urlaub.

Ein schönes Motto für die Urlaubszeit – und darüber hinaus.

Wir können ein Segen sein – für uns selbst und für andere.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Predigt Konfirmation 2018 über den Film "Vaya con dios"

Predigt Konfirmation über der Film „Vaya con dios“

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort. Amen.

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmationsfamilien,

aber vor allem natürlich liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen!

 

Ich habe ja so einen Faible im Konfirmationsgottesdienst häufiger über Filme zu predigen. Ich habe das in den vergangenen Jahren mehrmals getan und bin jedes Jahr neu am Überlegen, ob ich es wieder machen soll.

Wenn es gut geht, entsteht vor dem geistigen Auge so ein kleiner Ablauf des Films und wer den Film noch nicht gesehen hat, wird vielleicht neugierig darauf, ihn anzusehen. Ich finde an Filmen und deren offene oder versteckte Botschaften kann man viel lernen und begreifen für sich und sein Leben.

Und häufig kann ich auch gut mit der christlichen Botschaft andocken an einen Film. Wenn man das zunächst bei einigen Filmen auch gar nicht vermutet, spielen religiöse Motive oft eine vordergründige oder manchmal auch eine versteckte Rolle in Filmen.

Also dachte ich mir, predige doch heute im Konfirmationsgottesdienst wieder über einen Film.

Es gibt da nur ein Problem. Ich komme in letzter Zeit zu selten ins Kino. Ich schaffe es einfach nicht bzw. es gibt auch zu wenig Filme, die mich wirklich interessieren.

Gottseidank gibt es ja online-Filmausleihen und DVDs zu kaufen. Da werde ich dann häufiger fündig.

Den Film, den ich heute als Grundlage der Predigt in Eurem Konfirmandengottesdienst nehmen möchte, kennt zumindest Ihr, die Konfirmanden und Konfirmandinnen, alle. Ich habe ihn vor Jahren einmal spät abends im Fernsehen gesehen und war wirklich angetan. Da habe ich mir gleich die DVD bestellt. Ich dachte, damit kannst Du sicher noch mal was anfangen.

Und dann hat meine Kollegin Frau Kalbhenn die Konfi-Tag im Januar in Aspisheim geplant und zu meiner Freude und für mich überraschend vorgesehen, genau den Film zum Abschluss des Tages Euch zu zeigen.

Erinnert Ihr Euch?

 

„Vaya con dios“, übersetzt „Geh mit Gott“, so heißt der wunderbare und vielleicht für Euch auch etwas wundersame Film. Wundersam deswegen, weil er anfangs in einer so anderen Welt spielt, die plötzlich mit unserer Welt, in der wir leben, konfrontiert wird.

Drei Männer suchen ihren Weg, ihren Weg mit Gott. Es sind Mönche, Mitglieder des sognannten Cantorianer-Ordens,

die daran glauben, dass man durch Singen einen direkten Kontakt zu Gott bekommt.

Und sie singen auch wirklich wunderbar, zunächst zu viert. Da ist ihr Abt noch bei ihnen, in ihrem Zuhause, einem Kloster im tiefen Osten Deutschlands. Aber als der Abt plötzlich einen Herzanfall bekommt, wird alles anders. Vor seinem Tod beauftragt er die drei verbliebenen Brüder Benno, Arbo und Tassilo, mit dem Heiligen Buch des Klosters ins Mutterkloster nach Italien, nach Montecerboli zu gehen. Sie sollen sich dem Mutterkloster anschließen, damit der Orden überlebt.

Und er schenkt dem Jüngsten Arbo, der als Waise im Kloster aufgewachsen ist, eine Stimmgabel mit einem Kreuz. Dann stirbt der alte Abt. Und die drei machen sich auf den Weg raus aus ihrem vertrauten Kloster und Klosterleben: Arbo, der im Kloster aufgewachsen ist, Tassilo, der ostdeutsche Bauernsohn und Benno, für den es nichts Schöneres gibt, als sich in der Bibliothek in alte Folianten zu vertiefen.

Es ist der Weg nach Italien, zugleich aber auch der Weg zu ihrer eigenen Persönlichkeit. „Führe mich in Versuchung“, heißt der etwas merkwürdige Untertitel des Films, und in der Tat wird jeder der drei Männer seiner ganz persönlichen Versuchung begegnen.

Das ist wichtig und gut so, denn die Auseinandersetzung mit der Versuchung gehört wohl zum Weg mit und zu Gott.

 

Außerhalb der Mauern ihres Klosters warten auf jeden der drei nun ganz eigene Versuchungen.

Ardo lernt die schöne Chiara und die Liebe kennen, Tassilo lässt sich wieder auf dem heimatlichen Hof einspannen und Benno verkauft seine Seele beinahe an die Wissenschaft und setzt dabei die kostbare Fracht der Brüder, das Buch mit der Regula, der heiligen Ordensregel, aufs Spiel.

Die drei ziehen los und haben keine Ahnung von der Welt, nach all den Jahren im Kloster. Ohne ein junges Mädchen, das sie in ihrem Auto mitnimmt, wären sie kaum vorangekommen, das Mädchen ohne die drei allerdings auch nicht. Nach ersten gemeinsam überstandenen Abenteuern wünscht sich der erste Mönch Tassilo, ein Bauer aus Leidenschaft, auf dem Hof seiner Mutter vorbeizuschauen. Spätestens als er ganz begeistert mit dem Traktor auf dem Hof herumkurvt und dabei die Wäscheleine mitnimmt, ist ganz klar - der bleibt bei Muttern. Zumal die dann sein Lieblingsessen auf den Tisch stellt.

Hmmh, was hättet Ihr an seiner Stelle gemacht? Wärt ihr geblieben?

Und Sie, als Eltern? Wie geht es einem, wenn das eigene Kind nach Jahren wieder vor der Tür steht? Lässt man es ziehen, nach einem gemütlichen Kaffee?

Irgendwie kann ich die Mutter ganz gut verstehen. Zumal sie nicht mehr die Jüngste ist, dazu die ganze Arbeit auf dem Hof. So bleibt der Mönch. Seine Mutter wäscht auch die Kutte zu heiß, also, klare, eingelaufene Verhältnisse.

Die zwei anderen ziehen weiter.

Sie stranden in Karlsruhe auf dem Hauptbahnhof, weil sie mit den Zügen nicht so richtig zurechtkommen. Und in Karlsruhe wird der ältere von seinem früheren Mitbruder aus dem Jesuitenorden aufgesammelt, den er um des singenden Ordens willen verlassen hatte. Denn Jesuiten haben es nicht so mit dem Singen. Früher waren beide erbitterte Konkurrenten, und wie das mit Konkurrenten so ist - sie kennen sich sehr genau.

Der Jesuit weiß zu gut, was seinen ehemaligen Bruder in Versuchung führen kann: Eine ganze Musikbibliothek inklusive Mitarbeitern bekommt er zur Verfügung gestellt. Natürlich gibt es dabei ein Hintergedanken: Der Mann will an das Heilige Buch, die Regula.

Ich weiß nicht, ob Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, eine alte Musikbibliothek in den siebten Himmel versetzen könnte, ich glaube es eher weniger. Aber auch für Euch gibt es sicher die oder andere ganz besondere Versuchung, die Euch den Atem rauben würde. Die mag bei jedem und jeder von Euch ganz anders aussehen. Aber Sehnsüchte und Versuchungen begleiten unser Leben. Manchmal halten wir ihnen stand, manchmal geben wir ihnen nach.

Wenn Menschen klug sind, wollen sie ihrer Versuchung ins Auge schauen. Jesus hat das auch getan, in der Wüste nach dem er dort 40 Tage gefastet hat, so wie die Bibel erzählt. Nur so lernt man sich und seine Grenzen kennen und weiß, wer man wirklich ist. Und darauf kommt es an.

Denn: Ist der intellektuelle Mönch Benno tatsächlich in der Bibliothek glücklich? Sein jüngerer Mitbruder Ardo ist es nicht, ihm fehlt bei den Jesuiten das Singen und er spürt, dass er fehl am Platz ist. So flieht er aus dem Haus der Jesuiten und nimmt das Heilige Buch mit. Er ruft die junge Frau Chiara an, die den Mönchen auf der Reise schon einmal geholfen hat.

Das ist dann seine Versuchung, denn sie hat sich in ihn verliebt und er in sie. Die beiden verbringen eine Nacht miteinander, aber er geht und verlässt sie. Ob er die Stimmgabel mit dem Kreuz bewusst bei ihr gelassen oder sie vergessen hat - Ihr erinnert Euch - was meint Ihr? Sie findet sie und behält sie als ein besonderes Zeichen von ihm.

Ja, und der Bauer Tassilo? Da war die Mutter klüger als der Sohn. Sie hat nämlich gemerkt, dass ihrem Sohn trotz Lieblingsspeise, Hof und Traktor etwas Entscheidendes fehlt - der gemeinsame Gesang mit seinen Brüdern. Sie, die Mutter, ist es, die ihn losschickt mit der Aufforderung: „Suche deine Brüder!“

 

Ich wünsche Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass Eure Eltern ebenso klug sind wie diese Mutter. Und so liebevoll. Leicht ist es nämlich nicht, das eigene Kind loszulassen. Die Mutter spürt, dass ihr Sohn, wenn sie ihn weiter festhält, unglücklich wird. So lässt sie ihn los, ja, fordert ihn auf, zu erkennen, wer er wirklich ist und was sein Weg ist. „Vaya con dios - Geh mit Gott“ - das sagt sie zu ihm. Und schickt ihn weg.

 

Können Sie das, liebe Eltern? Noch ist es ja nicht so weit, und doch: Heute ist klar, dass der Tag kommen wird in ein paar Jahren, an dem gerade diese Herausforderung auf Sie zukommt: Zu spüren, was Ihrem Kind gut tut, und es auf die Reise zu schicken. Möglicherweise kennen Sie das ja aus eigener Erfahrung: Wie gut es tut, wenn die eigenen Eltern einen freigeben, auch manchmal durchaus mit und nach einigen Auseinandersetzungen. Auch dann, wenn sie genau sehen, dass ein Kind gerade eine falsche Entscheidung trifft. Aber was heißt schon genau: Falsch!

 

Das zeigt dieser wunderschöne Film ja auch, dass die Umwege unbedingt dazugehören! Wenn der Bauer Tassilo sich nicht zunächst für seinen Bauernhof und seine Mutter entschieden hätte, dann hätte er nicht sehr bewusst diese Entscheidung revidieren können. Wer jeder Lebensmöglichkeit ausweicht, der verpasst am Ende sein Leben! Im Rückblick kann man oft sehr genau sehen: Es kam gerade auf diesen Umweg an.

Wer hat Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, auf Euren Wegen bisher geholfen und Euch auch wieder auf den richtigen Weg zurückgebracht, wenn es nötig war?

Ich hoffe, Ihr habt solche Hilfe auf Euren Wegen erfahren und werdet sie weiter erfahren. Auch dafür erbitten wir heute den Segen Gottes ganz speziell für Euch.

 

Euer Weg ist, glücklicherweise, kein einsamer Weg. „Vaya con Dios. Geh mit Gott!“ Ihr geht mit Gott. Das ist der tiefe Sinn dieses Konfirmationsgottesdienstes, dass Euch der Segen Gottes auf Eurem Lebensweg zugesprochen wird, einem Weg, den Ihr von nun an immer eigenständiger, wohl auch mit Euren, ganz persönlichen Umwegen gehen werdet.

Ihr müsst Euren Weg gehen und niemand, auch nicht Eure liebsten und nächsten Menschen wissen, welche Umwege und Wege tatsächlich die richtigen für Euch sind. Ihr habt auf Eurem Lebensweg die Aufgabe, Eure ganz persönliche Versuchung zu entdecken, um so zu Eurem Weg zu finden. Das kann keiner für Euch tun. Es ist Eure Aufgabe!

Im Psalm 86 heißt es so schön: Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.

Das wünsche ich Euch, dass bei allen nötigen und auch unnötigen Umwegen in Eurem Leben, Gott der Herr, Euch letztendlich doch den Weg weist und Ihr diesem Weg erkennt als Euren Weg.

 

Den letztendlich richtige Weg finden, der wird bei dem intellektuellen Mönch Benno dann geweckt, als seine beiden Brüder ein Lied anstimmen und es ihn letztlich hinreißt, er einfach mitsingen muss. In ihrem unnachahmlichen Gesang stimmen sie „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ an, eine tief berührende Szene.

Benno spürt singend, dass er in seiner Musikbibliothek bei den Jesuiten am falschen Platz ist. Von außen hätte man das nicht so sagen können, er war ja auch glücklich in der Bibliothek. Das war eine Herausforderung für ihn, da war auch viel von ihm. Aber etwas Entscheidendes fehlte. Die anderen haben ihm geholfen, das zu entdecken.

 

Auch das ist eine tiefe Weisheit: Was mein Weg ist, das muss ich für mich alleine herausfinden, aber ich kann es nicht alleine herausfinden. Ich brauche die klaren, hoffentlich liebevollen, weitsichtigen Augen anderer. Und, das sage ich am Tag Eurer Konfirmation: Auch die liebevolle Nähe Gottes. Vaya con dios: Geh mit Gott, weil Gott tatsächlich mitgeht!

 

Schließlich kommen die drei Mönche im Kloster in Italien an, und zwei von ihnen sind damit richtig glücklich. Nur der dritte, der Jüngste, Arbo nicht. Er singt zwar wunderschön mit den anderen, doch sein Herz ist nicht mehr ganz dabei.

Eines Tages kommt die junge Frau, Chiara, in die er sich verliebt hat und lässt ihn selbst entscheiden, was er will. Und er entscheidet sich - für sie. Er lässt die Stimmgabel im Kloster, er braucht sie nicht mehr. Er hat den Ton seines Lebens jetzt gefunden.

Manchmal dauert es lange, bis Menschen den entdecken, ihren Ton des Lebens. Ich wünsche Euch, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, dass es bei Euch nicht so lange dauert, bis ihre Euch im Leben richtig einstimmt und die Töne trefft, die die Euren sind.

Gleich werdet ihr eingesegnet. Und für jeden von Euch heißt es dann: Vaya con dios! Geht mit Gott. Sein Segen gilt euch.

Ihr seid gesegnet und könnt zum Segen werden für andere.

 

Und wer jetzt denkt, den Film, den würde ich aber jetzt auch gerne mal sehen. Am 19. August zeigen wir ihn, wenn das Wetter mitspielt, hier im Kirchgarten auf die Kirchwand projiziert innerhalb unserer Reihe „Filme für die Seele“.

 

Bis dahin und natürlich auch darüber hinaus gilt nicht nur für die Konfirmanden und Konfirmandinnen, sondern für uns alle: Vaya con dios!

Gehen wir mit Gott und gehen wir hoffentlich gut damit.

 

Und sein Friede, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

 

Predigt Christmette 2017

Predigt über Lukas 2,1-19

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Was macht eigentlich ein Pfarrer, der so eine Art Weihnachtskoller hat?

Das kann ja schon einmal vorkommen. Gehört quasi zum Berufsrisiko. Aber was macht er dann?

Soll er sich einfach nichts anmerken lassen? Soll er so tun, als wenn nichts wäre und trotzdem eine erbauliche Predigt halten? Aber: Ist er dann noch glaubwürdig oder macht er den Leuten nicht einfach etwas vor? Und was, wenn ihm das nicht recht gelingen will?

Als ich meinem Sohn gestern erzählte, dass ich mich dieses Jahr mit der Predigt für die Christmette schwer tue und mit meinem Entwurf höchst unzufrieden bin, sagte er in seiner charmanten Art: „Nimm doch eine Predigt vom letzten Jahr oder eine davor. Merkt doch eh keiner, hört doch sowieso keiner richtig zu.“

Er weiß, wie er sein Vater aufbauen kann.

Aber er hat ja nicht so unrecht: Weihnachten bleibt sich im Kern ja gleich und lebt von der Wiederholung.

 

Was macht also ein Pfarrer, der den Weihnachtskoller hat?

Sie ahnen es vermutlich schon: Auch wenn diese Frage ziemlich allgemein und unverfänglich daherkommt, so rede ich an dieser Stelle ja wohl von mir.

Ja, ich muss zugeben, es gibt Momente, da überkommt mich der Weihnachtskoller. Dabei habe ich sie im Grunde genommen gerne, die Advents- und Weihnachtszeit. Mit ihren Besonderheiten, mit ihren Bräuchen, mit ihren Lichtern und Dekorationen. Mit dem feinen Essen, mit dem entschleunigtem Beisammensein. Die Weihnachtszeit mit allem, was dazugehört. Na, vielleicht nicht alles, aber doch schon vieles.

Es würde mir etwas fehlen, gäbe es das alles nicht.

 

Aber es gibt Momente, da ist es anders. Momente, in denen sich bei mir plötzlich ein Widerspruch auftut. Ein Widerspruch zwischen diesem ganzen meist doch recht vordergründigen Glanz und Gloria und meinem eigenen Empfinden.

Es gibt Momente, in denen ich beides nicht zusammenbringe. Diese Festtagsstimmung und der Alltag. Ich bringe es nicht zusammen. All die „O du fröhliche-Lieder“ mit den Nachrichten und Schreckensmeldungen dieser Tage, mit den Bildern aus Syrien oder woher auch immer. Ich bringe es einfach nicht zusammen. Die Botschaft, die der Engel verkündet mit all den Hiobsbotschaften, die uns ausgerichtet werden. Hiobsbotschaften von Krieg und Terror. Von Entlassungen und Stellenbabbau. Von Armut auch bei uns. Hiobsbotschaften, die von zunehmender Gewaltbereitschaft berichten und von der wachsenden Angst vor Überfremdung. Botschaften vor erschreckender Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit in unserer Gesellschaft, von einer zunehmenden Verrohung.

 

Ich bringe sie nicht zusammen, diese festliche Stimmung auf der einen Seite und die Verunsicherung auf der anderen Seite. Eine Verunsicherung, von der ich den Eindruck habe, dass sie sich mehr und mehr ausbreitet und immer grösser wird.

Und in diesen Momenten, in denen ich all dies nicht zusammenbringe, möchte ich mich am liebsten dieser ganzen weihnächtlichen Betriebsamkeit entziehen, die überall herrscht. Aber das ist oft leichter gesagt als getan. Nicht einmal der Fernseher bringt in diesem Fall Ablenkung. Selbst dort taucht noch auf jedem zweiten Kanal irgendwer mit Weihnachtsmütze auf oder selbst im Krimi überfallen die Räuber die Bank im Weihnachtsmannkostüm.

Und in einem solchen Moment frage ich mich ernsthaft, was dies alles soll. Weihnachten, dieses ganze Theater und dieser Rummel, der da Jahr für Jahr veranstaltet wird.

 

Was also macht ein Pfarrer, der den Weihnachtskoller hat?

Mir hilft in diesem Fall nur eines: Homöopathie. Und ich meine damit nicht irgendwelche Kügelchen zum Schlucken. Sondern das Prinzip, welches sich diese Medizin zu Eigen gemacht hat. Das Prinzip nämlich, ähnliches mit ähnlichem zu heilen. Mir hilft gegen den Weihnachtblues nur eines: die Weihnachtsgeschichte. Die Weihnachtsgeschichte so wie sie in der Bibel steht.

Wenn ich mich auf sie einlasse, mich mit ihr auseinandersetze, merke ich schnell einmal, dass sie mehr ist als eine nette liebliche Geschichte oder ein frommes Märchen. Denn auch die Weihnachtsgeschichte spielt in einer alles anderen als heilen Welt. „Es geschah aber in jenen Tagen“ so beginnt sie. Und dann erzählt sie. Erzählt, was in jenen Tagen alles passierte. Erzählt von den Menschen und ihrem beschwerlichen Alltag. Erzählt davon, was damals alles zusammen kam, das überhaupt nicht zusammen passte. Und sie erzählt eigentlich von lauter Unstimmigkeiten, Ungereimtheiten, Unpässlichkeiten. Nichts passte damals zusammen. Aber auch gar nichts!

Der Befehl des Kaisers Augustus, der das ganze Volk als Manövriermasse in der halben Weltgeschichte herumjagt. Die beschwerliche Reise für Maria und Josef, die sich ihr Elternwerden weiß Gott anders vorgestellt hatten. Diese ungeklärte Frage der Vaterschaft, die ihre Beziehung belastet. Die drei Weisen aus dem Morgenland, die sich dummerweise nach Jerusalem verirren. Herodes, der über Leichen geht, nur um seine eigene Haut zu retten. Und dann Bethlehem. Dieser Ort, aus dem Josef kam und wo doch niemand auf ihn und seine Verlobte wartet. Niemand, der für die beiden Platz hat. Am Schluss landen die zwei völlig abseits, in einem miesen Stall, erzählt die Geschichte. In einer ungastlichen Gegend. Einer Gegend, in die sich höchstens ein paar Hirten verirren. Hirten, jene verrufene Gesellen und dubiose Gestalten, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte.

Aber ausgerechnet in diesen Tagen, in denen nichts wirklich zusammen passt und in dieser dunklen und verlassenen Gegend, wo es niemand für menschenmöglich halten würde, ausgerechnet dann und ausgerechnet dort, passiert es. „Und es geschah“ erzählt die Weihnachtsgeschichte. Und davon, dass plötzlich eine Stimme zu hören war, die sagt: „Fürchtet euch nicht!“ Davon, dass in der Dunkelheit der Nacht plötzlich fröhliche Lieder angestimmt wurden. Davon, dass ein Engel bei den Menschen die Sehnsucht nach Frieden weckte. „Und es geschah“ erzählt die Weihnachtsgeschichte und davon, dass Menschen sich bewegen ließen von dieser Botschaft: „Ehre sei Gott in der Höhe.“ Davon, dass ein Stern auf dem Weg leuchtete. Davon, dass mitten in der Nacht ein Lichtglanz zu sehen und zu spüren war. „Und es geschah“ erzählt die Weihnachtsgeschichte und davon, dass ausgerechnet in jener Zeit und in jener Gegend, in der nichts zusammen passte, Gott Mensch wurde. Ausgerechnet dann und ausgerechnet dort!

Und genau das macht für mich die Weihnachtsgeschichte so unheimlich stark. Das ist für mich wie Medizin: tröstlich und heilsam.

Weil die Weihnachtsgeschichte all diese Ungereimtheiten nicht ausblendet und überspielt, sondern mit hinein nimmt in das Geschehen und mir deutlich macht, dass Gott mich nicht alleine lässt. Gott lässt mich nicht alleine, auch dort nicht, wo ich selber nicht weiter weiß. Gott lässt mich nicht allein. Auch dort nicht, wo ich vieles nicht zusammenbringe. Gerade deshalb wurde Gott in Jesus Christus Mensch. In all diese Widersprüchlichkeiten hinein. Er hielt all diese Widersprüche aus und hat sie nicht zuletzt auch schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Um uns eine Hoffnung, um uns eine Perspektive zu geben. Oder wie es „eine kluge Theologin mal formuliert hat: „Glauben heißt erkennen, dass die Aufgabe, die vor uns liegt, nie so groß ist wie die Kraft, die hinter uns steht.“

Ja, so ist es. Socher Glaube hat mit Weihnachten seinen Anfang genommen. Mit der Geburt des Kindes in der Krippe.

 

Nur auf etwas verzichtet die Weihnachtsgeschichte. Nur etwas erzählt sie nicht. Sie erzählt kein Happy-End. Kein erlösendes Ende, das all die Ungereimtheiten und Widersprüche einfach auflösen würde. Täte sie das, wäre die Weihnachtsgeschichte ja tatsächlich nichts anderes als ein Märchen, weit weg von unserer Realität.

Aber sie erzählt kein Happy-End. Sie verzichtet überhaupt auf ein Ende. Sie erzählt von keinem Schluss. Sie erzählt vielmehr einen Anfang. Ein Anfang, der Gott mit uns macht. „Und es geschah.“ Da in jener Nacht und immer wieder neu. Sie erzählt von der Verheißung des Anfangs. Damals und heute.

 

„Und in jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Sagt Hermann Hesse in seinem bekannten Wort. . „Und in jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“

Mir scheint, in der Heiligen Nacht ist etwas von diesem Zauber spürbar. Bis heute. Trotz allem. Mir scheint, uns Christen bleibt nur eines: Nicht aufhören anzufangen. Nicht aufhören anzufangen dieser Verheißung zu trauen.

Hier, jetzt und heute und morgen und zu aller Zeit.

Amen.

Predigt Ewigkeitssonntag 26.11.2017

Predigt Ewigkeitssonntag über das Lied „Mitten wir im Leben“ von Martin Luther

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wir nehmen Abschied. Wir nehmen Abschied von den Verstorbenen des vergangenen Jahres aus unsrer Gemeinde: Wir werden ihre Namen nennen, wir werden Kerzen zu ihrem Gedenken entzünden. Und in diesem Abschied und Gedenken wird uns noch einmal die Trauer bewusst über die leeren Plätze, die sie hinterlassen haben. Und zugleich trotz aller Trauer die Dankbarkeit für alles Gute, was wir mit ihnen erlebt haben, was sie uns bedeutet und hinterlassen haben. Und auch manch schweres wird uns vielleicht in Erinnerung kommen. Das Leben mit einem anderen Menschen hat ja nicht nur Sonnenseien.

Wir nehmen Abschied. Wir nehmen Abschied auch von einem Jahr unserer eigenen Lebensgeschichte: Wir blicken zurück auf das, was uns dieses bald zu Ende gehende Jahr gebracht hat, was neu gewachsen ist in unserem Leben, was geblüht und Frucht gebracht hat, aber auch, was unser Leben verletzt und gekränkt hat, was uns vielleicht bis heute bedrängt und nicht loslässt.

Wir nehmen Abschied. Wir blicken zurück und fragen: Was bleibt?

Und zugleich blicken wir auch nach vorne und fragen: Was wird noch kommen? Und vielleicht auch: Wann werde ich gehen müssen? Unter welchen Umständen wird das geschehen? Und was wird dann bleiben?

 

Liebe Gemeinde!

In dieser Predigt möchte ich fragen: Was glaubte Martin Luther, der Reformator, mit dem vor 500 Jahren die Geschichte der protestantischen Kirchen begann, was glaubte Martin Luther vom Sterben und vom Auferstehen? Wir gedenken dieses Jahr seiner besonders. 500 Jahre Reformation haben wir das ganze Jahr über und besonders am Reformationstag dem 31. Oktober gefeiert. Und mit die bewegensten Worte hat er zum Thema Tod, Sterben und Auferstehung gefunden. Tief theologische Worte, persönliche Worte und Worte geprägt von tiefen Glauben und auch manchem Zweifel.

 

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.

So antwortet uns Martin Luther mit dem Beginn eines alten Kirchenliedes, das er aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt hat - es steht auch heute noch in unserem Gesangbuch unter der Nummer 518. Wir werden es nach der Predigt singen.

 

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.

Für Martin Luther ist der Tod wie überhaupt für die Menschen des Mittelalters überall gegenwärtig: Mütter sterben im Kindbett, Kinder sterben im jungen Alter, Erwachsene sterben durch Krankheit, Unfälle, Krieg oder schlicht durch Armut und Hunger. Und dazu schließlich noch seit dem 14. Jahrhundert der „schwarze Tod“: Innerhalb von 150 Jahren stirbt die Hälfte der Menschen in Mitteleuropa an der Pest.

 

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.

Jederzeit kann es jeden treffen, ob arm oder reich, erwachsen oder Kind, gläubig oder ungläubig. Das Bild, mit dem die Menschen des Mittelalters diese Erfahrung beschrieben, ist das Bild des Totentanzes: eingereiht zwischen die verschiedenen Menschen, ganz nah, Hand in Hand, Gevatter Tod, der Knochenmann mit der Sense.

Mitten in dem Tod anficht uns der Hölle Rachen.

Wer will uns aus solcher Not frei und ledig machen?

So dichtet Martin Luther in dem alten Kirchenlied weiter. Für die Menschen seiner Zeit ist das, was die Bibel Jüngstes Gericht nennt, keine vage Vorstellung in ferner Zukunft. Wo jederzeit der Tod zuschlagen kann, da ist der Abgrund überall, das jüngste Gericht deutlich spürbar.

 

Liebe Gemeinde,

wenn ich schon sterben soll, dann soll es schnell gehen; am besten im Schlaf - aber auf jeden Fall bitte ohne langes Leiden und Siechtum. So höre ich es immer wieder, wenn die Rede auf das Sterben kommt. Und manchmal geschieht es auch, dass der Tod überraschend kommt.

Für die Menschen des Mittelalters war dieser plötzliche Tod das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte. Der plötzliche Tod: Das bedeutete, es war keine Zeit mehr, ein Gebet, ein Glaubensbekenntnis zu sprechen; es war keine Zeit mehr, den Beistand der Familie, der Nachbarn zu erfahren; es war keine Zeit mehr, den kirchlichen Sterbesegen zu empfangen. Der plötzliche Tod - das war der Sturz in den Abgrund.

Was hat sich eigentlich verändert seit den Zeiten des Mittelalters, dass sich Menschen heute eher den überraschenden, schnellen Tod wünschen?

Wobei ich mir übrigens gar nicht so sicher bin, ob dieser Wunsch wirklich so allgemein ist. Ich erinnere mich an viele Gespräche mit Hinterbliebenen, in denen ich davon hörte, wie die ganze Familie am Sterbebett Abschied nehmen konnte. Und wie in diesem Abschiednehmen - bei allem Schmerz und aller Trauer - doch auch eine Würde, eine Erfüllung lag, ein ganz besonderer Moment, der für alle ganz wichtig war und in der Erinnerung blieb.

Und ich erinnere mich auch an Gespräche, bei denen wir entdeckten, dass ein groß gefeierter Geburtstag oder ein Weihnachtsfest kurz vor dem Tod im Rückblick plötzlich als ein Abschiedsfest erkennbar wurde, in dem noch einmal vieles lebendig war, was das Leben des oder der Verstorbenen bestimmt hatte.

Mit diesen Erfahrungen mag ich nicht einstimmen in die allgemeine Klage, dass heute Tod und Sterben überall verdrängt würden. Natürlich gibt es das auch - dass Menschen keine Erfahrung mehr damit haben, wie man dem Sterben begegnen und wie man in Würde Abschied nehmen kann. Aber es scheint auch noch ein natürliches Gespür dafür zu geben, was für die Begleitung beim Sterben und für den letzten Abschied wichtig ist.

 

Warum aber dann trotzdem der Wunsch, schnell und ohne langes Leiden zu sterben?

Eines hat sich wirklich verändert gegenüber der Zeit des Mittelalters: die Qualität der medizinischen Versorgung. Menschen werden heute älter als je zuvor, weil wir mit einer anderen Hygiene leben und weil es für viele Krankheiten, an denen Menschen früher sterben mussten, heute wirkungsvolle Medikamente und medizinische Behandlung gibt. Die Kehrseite dieses Fortschrittes freilich ist, dass Menschen heute länger pflegebedürftig sind als früher. Das heißt, dass Menschen viel länger als früher sehenden Auges erleben und erleiden müssen, wie ihre Kräfte und ihre Bewegungsspielräume immer weniger werden - ohne dass der Tod dem ein Ende setzt.

Und das heißt, dass Angehörige viel länger als früher und manchmal über die Grenzen ihrer Kräfte hinaus einen schwächer werdenden Menschen begleiten und pflegen, ohne dass der Tod eine Erlösung für alle Beteiligten bringt.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen verstehe ich den Wunsch nach dem schnellen Sterben. Weil eben das langsame Sterben über Monate, manchmal Jahre hinweg alle Beteiligten an die Grenzen ihrer Möglichkeiten und Kräfte bringt: an die Grenzen ihrer Liebe zueinander und auch an die Grenze ihres Glaubens an Gott: Warum lässt ER mich nicht endlich sterben? Mit dieser unerträglichen Hilflosigkeit, in die uns das langsame Sterben stürzen kann, sind wir plötzlich den Menschen des Mittelalters wieder erstaunlich nahe.

 

Mitten in der Hölle Angst unsre Sünd` uns treiben.

Wo solln wir denn fliehen hin, da wir mögen bleiben?

So dichtet Martin Luther das alte Kirchenlied weiter.

Im langsamen Sterben können wir nicht mehr vor dem ausweichen, was unser Menschsein zutiefst bestimmt - vor unserer inneren Zerrissenheit: Ob wir es immer so bewusst wahrnehmen, ob es uns gefällt oder nicht - ein Leben lang schwanken wir hin und her zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen Zuversicht und Misstrauen, zwischen Glaube und Zweifel, zwischen Liebe und Bitterkeit. Auch wenn die Temperamente der Menschen verschieden sind - irgendwann kommen wir alle zu der Frage: Ist mein Leben und ist diese Welt so geschaffen, dass ich und dass andere Menschen Glück und Erfüllung finden können? Oder ist mein Leben und diese Welt ein gigantisches Versuchslabor, in dem getestet wird, wie viel Leid und Elend ein Mensch aushalten kann?

Und wer bin ich in dieser Welt? Glückskind oder tragischer Held oder ewiger Verlierer? Und wer ist dann Gott? Ein manchmal anstrengender und unverständlicher, aber am Ende doch liebender Vater und Mutter? Oder ein Tyrann und Sadist, der am Leiden der Menschen seine Freude hat?

 

Mitten in der Hölle Angst unsre Sünd` uns treiben.

Wo solln wir denn fliehen hin, da wir mögen bleiben?

Wenn wir in diesen Fragen und Zweifeln verstrickt sind, zwischen Selbstüberschätzung und Verzweiflung; wenn uns der Teufel, dieser Verwirrer mit all seinen Tricks und Versuchungen im Griff hat - dann, so sagt Luther, spüren wir leibhaftig, was es heißt, Sünder, Sünderin zu sein. Denn Sünde heißt nicht, verbotenerweise Süßes zu naschen oder silberne Löffel zu stehlen oder sonst eine Banalität. Sünde heißt, getrennt zu sein - getrennt von Gott, getrennt von anderen Menschen, getrennt von mir selbst. Und Sünde heißt zu erleben, dass alle guten Vorsätze, alle noch so guten Taten nicht dauerhaft die Gewissheit geben, dass es am Ende gut wird mit meinem Leben und mit dieser Welt.

 

Mitten in der Hölle Angst unsre Sünd` uns treiben.

Wo solln wir denn fliehen hin, da wir mögen bleiben?

Das, was Martin Luther da dichtet, hat er selber erlebt. Nichts gibt Gewissheit: Nicht die guten Werke, nicht die Bußübungen und Sakramente der Kirche. Was am Ende nur noch bleibt im Leben und im Sterben, ist allein der Glaube.

Traue nicht deinen eigenen Erfahrungen, deinen eigenen Gefühlen und Gedanken - nicht im Leben und schon gar nicht im Sterben. So mahnt Martin Luther als Seelsorger. Halte dich nicht fest an dem, was du geleistet hast. Starre nicht dahin, wo du versagt hast, wo du schuldig geworden bist - nicht im Leben und schon gar nicht im Sterben.

Sieh allein auf Jesus Christus am Kreuz. Halte dich allein fest an dem Versprechen: Wer glaubt, soll gerettet werden. Und auch selbst dann, wenn du das tust, rechne mit Zweifeln und Anfechtung. Solange wir leben, bleiben wir - auch im Glauben - doch zugleich Sünder, Zweifler, Entwurzelte.

 

Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland:

Lass uns nicht entfallen von des rechten Glaubens Trost.

Kyrie eleison.

So beendet Martin Luther seine Weiterdichtung des Liedes.

Liebe Gemeinde,

können uns diese Worte, vor fast 500 Jahre aufgeschrieben, heute erreichen? Können wir noch etwas anfangen mit dem, was Martin Luther als Mensch, als Theologe, als Seelsorger erlebt hat? Oder bleibt es uns fremd, unverständlich?

Mir hat beim Verstehen geholfen, dass alles das für Martin Luther nie Theorie gewesen ist. Das, was er zum Sterben sagt und zum Festhalten am Glauben, das hat er gemeinsam mit seiner Frau Katharina von Bora bitter durchleiden müssen. Im September 1542 stirbt eines der Kinder des Ehepaares Luther - Magdalene im Alter von 13 Jahren. Wenige Tage später schreibt Martin Luther in einem Brief an einen Freund:

„Ich vermute, dass die Nachricht zu dir gelangt ist, dass Magdalene, meine von Herzen geliebte Tochter wiedergeboren ist zum ewigen Reich Christi. Und obwohl ich und meine Frau nur fröhlich Dank sagen sollten für ihren glücklichen Heimgang und ihr seliges Ende, durch das sie der Macht des Fleisches, der Welt, der Türken und des Teufels entgangen ist, so ist doch die Macht unserer natürlichen Liebe so groß, dass wir es ohne Schluchzen und Seufzen des Herzens nicht vermögen. Es haften doch tief im Herzen ihr Anblick, die Worte und Gebärden der lebenden und sterbenden Tochter, dass nicht einmal Christi Tod dies ganz vertreiben kann, wie es doch sein sollte. Sage du darum Gott Dank an unserer Statt.“

 

Es ist schwer, zu diesen so persönlichen und auch so ehrlichen Worten überhaupt etwas hinzuzufügen. Vielleicht nur das eine: Angesichts des Sterbens und des Todes müssen wir immer wieder von vorne beginnen mit dem Glauben. Und dabei gibt es keine vorgefertigten Antworten. Natürlich ist der oder die Verstorbene jetzt frei, erlöst von allen Schmerzen, Zweifeln, Gefährdungen. Aber die Liebe lässt das Herz bluten über diese Trennung. Da helfen - zumindest am Anfang - keine noch so tröstlichen Worte und Gedanken. Da hilft - zumindest am Anfang - womöglich nicht einmal mehr der Blick auf den gekreuzigten Christus. Wie gut, wenn es dann andere Menschen gibt, die für mich beten - bis ich wieder selber den Blick und die Stimme erheben kann:

Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland:

Lass uns nicht entfallen von des rechten Glaubens Trost.

Kyrie eleison.

 

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Dialogpredigt zum Reformationstag 31.10.2017

Dialog-Predigt „Briefwechsel mit Luther“

 

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort

und ein Wort für unser Herz!

 

Liebe Festgemeinde!

 

Ich habe mir bei der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst vorgestellt, wie es wäre, wenn ich so direkt mit Luther sprechen könnte. Ihn was fragen könnte und er mir antworten würde. Über den garstigen, zeitlichen Graben von 500 Jahren hinweg.

Was hätte er auf meine Fragen heute wohl zu antworten?

Könnte er sie überhaupt verstehen?

Wie könnte eine Kommunikation mit ihm aussehen und hätte er uns heute denn wirklich noch was zu sagen, was uns innerlich wirklich bewegt, so wie die Menschen damals vor 500 Jahren?

 

Ein Medium, das Luther zur Kommunikation mit anderen gerne und viel genutzt hat, war der Brief. Von Martin Luther sind uns 2585 Briefe von ihm und 926 an ihm überliefert. Er war ein äußerst fleißiger Briefschreiber.

So dachte ich mir, schreibe doch einen Brief an den „lieben Doktor Martin Luther“ und tue so, als ob er ihn empfangen könnte, irgendwo in den vielen Wohnungen des Reiches Gottes. Vielleicht an einem Fenster sitzend in einem Ohrensessel liest er den Brief und hat dann auch noch Muse ihn zu beantworteten. So in etwa habe ich mir das vorgestellt.

 

Also:

„Sehr geehrter Doktor Martin Luther, ich kenne Sie, aber Sie kennen mich nicht. So ist das, wenn man berühmt ist. Ich, ein Pfarrer aus Rheinhessen, da wo der gute Wein herkommt, den Sie ja durchaus schätzen, erlaube mir, ein paar Zeilen an Sie zu richten. Nehmen Sie es mir nicht übel! Schenke Sie mir ein wenig Ihrer Zeit! Sie haben ja genug davon in der Ewigkeit.

 

Wissen Sie, wir haben gerade Lutherjubiläum. „Nicht schon wieder!“, werden Sie jetzt denken. Sie haben ja Recht, Ihre runden Geburtstage haben wir gebührend gefeiert, die Todestage ebenfalls. Ihr 500. Geburtstag liegt schon eine ganze Weile zurück. Aber jetzt! Jetzt feiern wir, wie Sie die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg genagelt haben. Ich wäre zu gern dabei gewesen. Ihre Aktion hat die Welt verändert. Das war der Hammer, wenn Sie den Ausdruck verzeihen! Obwohl jetzt auch viel diskutiert wird, ob das überhaupt alles so geschehen ist. Aber das soll jetzt mal egal sein.

Heute noch gehört zur Allgemeinbildung zu wissen, wie Sie damals die Missstände in der Kirche angeprangert haben. Wie Sie richtiggestellt haben, dass man Buße nicht mal eben nebenbei tun kann, vielleicht noch Geld dafür bezahlen, statt echt zu bereuen, und wie Sie darauf beharrt haben, das ganze Leben sei eine einzige Buße. Ach, wie Recht Sie hatten verehrter Herr Doktor Luther!

Sie sehen, wir haben es wirklich nicht vergessen. Es gibt im Übrigen einen Gedenktag dafür, im Herbst, am 31. Oktober: den Reformationstag. Dieses Jahr einmalig ein in ganz Deutschland geschützter Feiertag zum 500 jährigen Jubiläum Ihres Thesenanschlages.

Auch Sie selbst haben wir nicht vergessen. Die Leute stehen Schlange, um auf der Wartburg Ihre Stube zu sehen. Wo Sie die Bibel übersetzt haben und mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben, so wird gerne erzählt. Oder Ihr Haus in Wittenberg, das ehemalige Kloster. Ja, und Lutherreisen zu all den Lutherstätten sind voll im Trend.

Sogar unser Globus Markt hier vor Ort, der ist fast so groß wie halb Wittenberg, hatte in seinem Werbeblättchen extra eine Lutherseite mit diversen feinen „Lutherartikel“. Was ein Zeug man da alles kaufen konnte. Aber ich schweife ab, das macht man gerne hier in Rheinhessen.

Nun will ich Ihnen, hochverehrter Doktor Luther, aber nicht nur die erfreulichen Dinge, so fern man das so sieht, vortragen, ich will Sie auch am Elend unserer Zeit und unserer Kirche teilhaben lassen. Deswegen schreibe ich Ihnen ja.

Unserer evangelischen Kirche geht irgendwie die Luft aus, habe ich den Eindruck. Ich weiß auch nicht genau, wie ich es beschreiben soll und woran es liegt, aber wir verlieren an Substanz und an Relevanz. Viele Menschen verlassen uns und treten aus der Kirche aus oder bleiben drin und wir sind ihnen aber so was von egal. Bei den Gottesdiensten bleiben die Bänke leer. Kaum einer will mehr hören, was wir zu sagen haben.

Das Wort stand bei Ihnen noch in der Mitte. Ist es nicht so? „Ein Wörtlein kann ihn, den Teufel, fällen“, haben Sie gedichtet. Wir haben keine solchen Gegner mehr, aber leider auch keine richtige Sehnsucht mehr nach dem Wort, dem rechten und erlösenden. Alles ist ein bisschen belanglos geworden. Vielleicht können Sie mir aus der Tiefe Ihrer Weisheit und mit Ihrem reichen Schatz an Erfahrung etwas raten. Was soll nur aus der evangelischen Kirche werden? Wohin sollen wir gehen? Wie erreichen wir wieder die Menschen mit unserer Botschaft? Ich weiß es nicht. Was könnten wir tun, um wieder mehr Gehör zu finden bei den Menschen?

Über eine Antwort würde sich sehr freuen, der mit bewundernder Hochachtung verbleibende Pfarrer M.W.

 

(Luther antwortet:)

„Gnade und Friede in Christo, unserem Herrn zuvor. Liebes Pfarrerlein M.W., ich habe Deinen Brief erhalten. Desgleichen betrachte ich euer Treiben auf Erden wohl und schaue fein zu bei eurem Wirken. Allein, nicht mehr als Beteiligter, was bin ich – Gott sei es gedankt – dessen froh, sondern mit recht viel Abstand und gewissermaßen aus höherer Warte sehe ich euch zu. Auch all die Spirantia, die ihr gerade wieder um mich armen Bettelsack vollführet, sind mir nicht entgangen. Item, hättet ihr nur genauer gelesen, was ich einst geschrieben, dass keiner sich meines elenden Namens rühmen soll! Aber da seid ihr halsstarriger und eigensinniger als irgendein böser Bauer oder Weib, ja härter als irgendein Amboss noch Eisen ist. Luther, wer ist Luther? Rühmet euch des heiligen Namens Jesu Christi, der mit seinem edlen Blut euch reingewaschen hat. Und wenn schon, lest den Apostel Paulum, erinnert euch des Mosis, wenn ihr wollt, aber nicht meiner.

Was nun das Zagen und Klagen angeht, und dass ihr Sorge traget in euren Herzen um die Kirche, die doch eine Errichtung des Herrn ist, und dass ihr nicht wisset, wo hü und wo hott, so scheint es mir so zu sein: Euch dünkt, ihr müsstet Erde kauen und Steine schlucken, und ist doch nichts als süßer Brei! Ihr müsst nicht fechten wider den Papst wie unsereiner, kämpfen gegen Hölle, Pest, Mord und Götzerei. Ihr solltet vielmehr danken für eure Freiheit! Und ihr solltet viel mehr Christum treiben bei euch, der doch der süßesten Speisen köstlichste ist. Grämt euch nicht so viel! Schaut auf ihn! Mehr habe ich nicht zu sagen. Auch muss ich schließen, denn der Briefe sind gar viele noch zu beantworten.

Mit eigener Hand zu Papier gebracht von Doktor Martinus Luther.“

 

 

„Verehrter Doktor, lieber Martin Luther“, so meine Antwort „Deine Zeilen haben mich nachdenklich gemacht, und im Übrigen, verzeiht mir das offen zu sagen, nicht gerade befriedigt. Ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll.

Ich hatte mir aus dem Fundus Ihrer Weisheit und reformatorischen Erfahrung etwas konkretere Ratschläge erwartet. Dass wir „Christum treiben“ sollen, wie Sie es nennen, weiß ich auch. Aber was heißt das denn? Wir wollen das ja gerne tun, nur wie heutzutage, wo so vielen die Sache mit „Christum“ so egal ist?

Uns fehlen irgendwie die Ideen, der Anreiz und die Begeisterung. Ich erlaube mir, auf weitere Nachricht zu warten.

Herzliche Grüße aus dem Gebiet des ehemaligen hessischen Landgrafs.“

 

 

(Luther antwortet:)

„Gnade und Fried’ im Herrn! Lieber Collega und mit Dir alle Brüder und Schwestern in Christo. Solange ihr noch solche Fragen habt, seid ihr immerhin noch nicht tot und kalt. Der Glaube ist immer im Werden und Wachsen, kein fertiges Sein. Ruhe gibt es für einen Christenmenschen nicht, aber Übung. So einer sagt: Ich hab’s, lügt er sich eins in den Beutel.

Nichtsdestoweniger ist deine Frage ein wenig einfältig, du kleines Pfäfflein aus dem schönen von Gott gesegneten Rebenland.

Du fragst mich, was ihr tun sollt als Kirche Jesu Christi. Das kann ich euch genau sagen: auf sein Wort hören, wie es aufgeschrieben ist in der Heiligen Schrift, und solches halten, wie ihr’s lest. Schärft eure Waffen gegen Unglauben und Verdrossenheit in eurer Mitte. Deren gibt es wahrlich genug. Das war zu meiner Zeit nicht anders.

Und meint bloß nicht, das ginge ohne Schwierigkeiten und ohne Streit, ganz bequem, so dass keiner sich die Zähne zusammenbeißen müsste und sich anstrengen. „Alles ist so belanglos geworden“, wenn ich so was schon höre! Als wäre es damals einfach gewesen den Menschen das wahre Evangelium nahezubringen, das sie es aufsaugen wie flüssigen, gelben Met oder frisch gebrautes Bockbier.

Der Herr Christ ließ solches seinen Jüngern zu Ohren kommen, ihr könnt es nachlesen bei Mathaei im 10.: ›Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.‹ Das Schwert des Wortes freilich, will ich meinen. Ihr könnt das alles nachlesen im Evangelio, ihr nachgeborenen Christen. Seid nicht so harmonieselig und-süffig. So lau und träg und feig. Streitet euch mal um der Sache willen.

Ach, was haben wir gestritten damals, wenn ich daran denke, mit den papistischen Wortverdrehern und papstkriecherischen Abgesandten und auch mit den eigenen Kollegen. Die waren mitunter noch schlimmer in ihrem Wahn alles, aber nun auch alles neu machen zu wollen und jede Ordnung hin wegzureißen. Diese verblendeten, schwärmerischen Thorköpfe, als ob wir das Himmelreich auf Erden schaffen könnten. Vor diesem Wahn sei Gott davor, da kommt nichts Guts dabei heraus.

Aber der schlimmste ist der Teufel. Dass der nicht mehr bei euch zu Gange sein mag, das will ich nicht glauben, der Satanos als der Trägheitsteufel, Langeweileteufel, Egoismusteufel, Besitzteufel, Vergnügungsteufel, Macht- und Herrschaftsteufel, wie er auch heißen mag und wo er auftreten mag, euch zu versuchen.

Gebraucht das Schwert! Nicht, um zu verstümmeln, da sei Gott vor, aber um zu schneiden, um zu zertrennen, was gut ist und was schlecht. Was der Sache Gottes dient und was nicht. Das schreibe ich euch. Es muss genügen. Lebt wohl und seid starke Verächter des Satans! Denkt daran, gekreuzigt wurde einer, sein Sieg ist auch eurer. Eines Tages wird das alle Welt erkennen. Auch die Juden und Türken, sogar die Papisten. Hütet Euch vor deren lästerlichen, verderbenden Worten. Sie sind des Teufels. Ich bins gewiss.

Gott befohlen, Doktor Martinus Luther.“

 

 

„Lieber Doktor Luther, ich harke da noch mal nach. Ich will es ja verstehen, was Sie schreiben.

Kämpferischer sollen wir sein, schreiben Sie. Ja, schon! Sie lebten in der Zeit von Bauernkrieg und Türkensturm und anderen Schlachten. Das merke ich Ihren Worten deutlich an.

Wir wünschen uns solche Zeiten nicht in unserem Land, in dem einige auch wieder die Auseinandersetzung der Religionen suchen.

Die Leere und die Oberflächlichkeit unserer Tage kannten Sie aber nicht, so wenig wie die Erschöpfung, die aus Überreizung folgt. All das war Ihnen fremd. Das sehe ich wohl und lese es aus Ihren Zeilen. Vielleicht können Sie mir einen abschließenden Rat geben, wie wir wieder etwas reformatorischen Schwung bekommen können?

Wie immer Ihr ergebener Freund aus in der Nähe der Domstadt Mainz.“

 

(Luther antwortet:)

„Gnade und Frieden! Es ist wahr, was du schreibest, mein Bruder in Christo, Leere und lange Weile habe ich nicht gekannt, aber was glaubst Du, wie vertraut mir der Unglaube gewesen ist! Oh, gewisslich!

Ha! Dem Magister Philippo Melanchthon, habe ich eigenhändig geschrieben, höre nur und lies: > Ich hasse von Herzen die großen Sorgen, von denen Du, wie Du schreibst, verzehrt wirst. Dass sie Dein Herz so beherrschen, daran ist nicht die Größe der Gefahr, sondern die Größe unseres Unglaubens schuld.<

So schrieb ich, es ist wohl wahr. Höret und betet ohn’ Unterlass! Hört nicht auf zu beten! Haltet Meditationes, wo ihr könnt, Gottesdienste! Habt Vertrauen, Gott wird nicht von euch lassen! Ihr seid ja versiegelt mit Tauf’ und Sakrament. Mehr hab ich nicht zu sagen. Doch will ich Dich lesen lassen, was ich meiner lieben Frau Katherin Lutherin von Bora zu Wittenberg verfasset hab über das unnötige Sorgen und rechte Vertrauen. ›Was sorgst Du Dich für Deinen Gott? Grad als wäre er nicht allmächtig, der da könnte zehn Doktor Martinus schaffen, wo der alte ersöffe in der Saale oder im Ofenloch oder auf Wolfs Vogelherd. Lass mich in Frieden mit Deiner Sorge, ich habe einen besseren Sorger, denn Du und alle Engel sind. Der liegt in der Krippe, aber sitzt gleichwohl zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters. Bete Du und lass Gott sorgen. Wirf Dein Anliegen auf den Herrn, der sorgt für dich. Hiermit Gott befohlen. Gerne wollten wir erlöst sein und heimfahren, wenn Gott es wollte. Amen. Amen. Amen.

Eurer Heiligen williger Diener. Martinus Luther‹.“

 

 

Diese letzten Zeilen sind echt und stammen aus Luthers Brief an seine Frau, geschrieben acht Tage vor seinem Tod am 18. Februar 1546 in seinem Geburtsort Eisleben.

Mit diesen Zeilen will ich meinen erfundenen Briefwechsel mit dem Reformator beschließen. Dass wir sein Werk feiern, darf einhergehen mit einer Rückbesinnung auf die Stärken der Reformationszeit, nämlich kämpferisch zu sein für die eigene Glaubensüberzeugung. Sich trauen, seine Überzeugung zu zeigen und für sie in der Öffentlichkeit einzustehen. Und dann aus Gottvertrauen leben.

Kaum jemand hatte so eine innige Rückbindung an die Kraft Gottes, die er empfing, wie Luther. Er konnte stundenlang beten und fand dennoch oder gerade deswegen Zeit für sein immenses Lebenswerk.

In glaubensschwachen Zeiten auf Gottes Wort hören und mutig danach leben. Das war die Sache Luthers und ist auch die unsere heute.

Das bleibt bestehen seit Anbeginn des Christentums, noch mal ganz besonders vor 500 Jahren, heute in unseren Zeiten und hoffentlich auch in 500 Jahren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Predigt zur Bundestagswahl 24.09.2017

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute ist ja ein besonderer Tag bundesweit.

Heute ist der 24. September, ein lange herbeigesehntes Datum für einige, heute ist Bundestagswahl.

Ich weiß nicht, ob Sie schon wählen waren, vielleicht sogar per Briefwahl, oder ob Sie nachher noch wählen gehen, was ich hoffe. Um die Möglichkeit seine Regierung frei wählen zu können, beneiden uns viele Menschen auf der Welt, die darum kämpfen oder darunter leiden, dass sie es eben nicht können. Auch deswegen sollten wir nicht leichtfertig mit unserem Wahlrecht umgehen.

 

Aber eines muss ich Ihnen, Gemeinde, heute hier um kurz vor elf sagen: Die Wahl ist längst gelaufen.

Jetzt sind sie vielleicht schockiert und denken, warum das den jetzt – es sollte doch heute richtig spannend und knapp werden,

Nun bin ich Pfarrer und kein Spezialist für Wahlprognosen, aber genau darum sage ich es ja: Die Wahl ist längst gelaufen.

 

Doch jetzt mal der Reihe nach: Heute ist Wahlsonntag und ganz ehrlich, ich finde es wurde auch Zeit, dass dieses Spektakel mit all seinen Inszenierungen ein Ende hat.

Es war ja teilweise ganz spannend, aber am Ende kaum mehr auszuhalten, der Aufgalopp all der Politiker und Politikerinnen, der Parteien, vor Ort, in den Zeitungen und vor allem im Fernsehen. Wahlspots, Sondersendungen, Politikerrunden, Wahlarenen, Sachrunden mit sogenannten Experten und Politikern, Themenabende, Politikerportraits, Fernseh-Duelle und noch einiges mehr.

Jetzt ist es auch gut, so habe ich den Eindruck. Jeder und jede konnte sagen, was sie oder er wollte oder ihr oder ihm wichtig war. Nicht einmal, sondern oftmals.

Wer hören wollte, konnte hören, hat hoffentlich eine Ahnung bekommen, um was es geht bei dieser Wahl. Welche Konzepte da gegenüberstehen, auch wenn man dafür oftmals genauer hinhören musste.

 

Es geht um etwas, es geht um Grundsätzliches in schwierigen Zeiten: Wie wollen wir miteinander umgehen – was macht Mut, Hoffnung, Vertrauen für die Zukunft. Wer hat da die besseren Rezepte, Wie gehen wir mit den soziale Fragen um, die uns immer mehr bedrängen – wie verhält sich Reichtum und Armut zueinander in unserem Land, was ist gerecht und wie solidarisch wollen wir sein und können es uns leisten. Was wird aus unserem Lebensstandard, aus dem Euro, unserer Altersversorgung, der Rente? Was ist mit der demoskopischen Entwicklung, wie gehen wir jetzt damit um, das unsere Gesellschaft immer mehr altert und das uns vor große Probleme stellt, wie die notwendige Pflege zu organisieren ist.

Was ist mit der Energiewende und den notwendige Investitionen in die Infrastruktur und Bildung, wie können wir weiter mit unseren Nachbarn friedlich zusammenleben und wie reagieren wir auf den zunehmenden Unfrieden in der Welt?

Ja und ganz klar, wie verhalten wir uns in der Flüchtlingsfrage? Abschotten, weiter Aufnehmen - aber wen? Gelingt das mit der Integration der Menschen, die zu uns gekommen sind und kommen?

Eine wichtige Wahl, ohne Zweifel, mit einigen entscheidenden Weichenstellungen, aber eine Schicksalswahl ist etwas anderes. Dafür sind die großen Lager in vielen Punkten zu eng beieinander.

Und jetzt sage ich: Die Wahl ist längst gelaufen!

Also keine Qual der Wahl mehr: Jamaika oder wieder Groko?

 

Gottesdienst hat ja mit dem Wort Gottes zu tun. Und wo finden wir das deutlicher als in der Bibel. Und so habe ich mal in der Bibel nachgeschaut, was da zum Stichwort „Wählen“ steht. Gibt es da etwas, was uns an diesem Sonntag etwas zu sagen hat?

In einer Konkordanz, das ist eine Art Lexikon, ein Verzeichnis von Bibelstellen nach Stichworten, habe ich unter „Wählen“ einiges gefunden – und eines davon erklärt auch meine Aussage: die Wahl ist längst gelaufen.

Zunächst fand ich einen Vers des Apostels Paulus aus dem Philipperbrief und da schreibt er: „Und so weiß ich nicht, was ich wählen soll.“ Also auch der, habe ich gedacht. Den Satz habe ich vor dieser Wahl so häufig gehört, wie vor keiner anderen Wahl zuvor. Da sage einer, die Bibel sei nicht aktuell.

Jetzt muss ich allerdings zugeben, dass der Apostel Paulus diesen Satz in einem völlig anderen Zusammenhang sagt – aber schön ist es doch, dieses: „Ich weiß nicht, was ich wählen soll.“

Im Josuabuch im Alten Testament, steht auch etwas zum Wählen: Da predigt Josua seinem Volk Israel und stellt sie vor die Wahl: „Wenn es euch aber nicht gefällt dem Herrn zu dienen, dann wählt euch heute, wem ihr dienen wollt... Ich aber und meine Familie, wir wollen dem Herrn dienen.“

Das ist eine klare Aussage. Wir können wählen, wem wir dienen wollen, unserem Gott oder anderem, anderen Göttern auch. Götter, die wir uns vielleicht selber machen, an die wir unser Herz hängen.

 

Beim Nachschlagen in der Bibel zum Stichwort „Wählen“ bin ich auf eine Stelle gestoßen, die die Blickrichtung im Bezug aufs Wählen umkehrt und das fand ich recht spannend. Im Johannesevangelium im 15. Kapitel heißt es: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt.“

Und deshalb habe ich am Anfang gesagt: Die Wahl ist längst gelaufen. Weil Jesus Christus, weil Gott seine Wahl schon getroffen hat. Diese Wahl ist nämlich – aus unserem christlichen Verständnis heraus die entscheidende und allerwichtigste. Eine wahre Schicksalswahl. Die Wahl, dass Gott uns in und durch Jesus Christus gewählt hat, angenommen hat, sich zu uns bekennt, uns liebt, egal, wer wir sind hier auf Erden, was wir geleistet haben oder nicht. Gerechtfertigt allein aus Glauben, so haben es die Reformatoren formuliert. Von Gott angenommen, allein dadurch, dass wir an ihn glauben.

Gott wählt uns. Diese Wahl müssen wir nur gelten lassen. Sie nicht anfechten vor unsrem inneren Verfassungsgericht.

Die Wahl ist gelaufen, die Wahl Gottes für uns. Wir haben sozusagen das Direktmandat gewonnen. Das Direktmandat Gottes für uns.

 

Und Christus spricht: Ich habe dich erwählt.

Christus hat uns erwählt - und diese Wahl gibt uns Menschen eine große Würde - der alten Frau genauso wie dem jungen Mann. Eine große Würde – dem Hart IV Empfänger genauso wie der Bundeskanzlerin. Dem arbeitslosen Jugendlichen genauso wie dem erfolgreichen Finanzexperten. Denn in allen diesen Gesichtern spiegelt sich die Würde dieser Worte wider: Ich habe dich erwählt.

Gustav Heinemann, der ehemalige Bundespräsident der späten 60er und frühen 70er Jahre, hat einmal ein Wort gesagt, das mich sehr bewegt hat, und bis heute bewegt, das sehr gut ausdrückt, was ich meine: „Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt.“ - Die Herren und vielleicht auch Damen der Welt gehen, wie sie auch immer heißen – das werden wir schon heute Abend merken - unser Herr aber kommt.

Und in dieser Gewissheit lässt es sich gut leben - egal, wer heute gewinnt oder meint gewonnen zu haben

Gott sei mit uns- seine Wahl gilt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Wir singen nun das Lied „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“, die Nr. 145, die Strophen 1+5+7.

Das Lied ist in der Zeit der großen konfessionellen Auseinandersetzungen im 16. Jahrhundert entstanden. Es hat also nichts mit der Bundestagswahl heute zu tun. Wer will kann es aber gerne auf heute und unsere Zeit beziehen.

 

Predigt 2. Weihnachtsfeiertag 26.12.2016 über "Omran" aus Aleppo

Predigt über das Bild von „Omran“ aus Aleppo

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des

Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Es geschah aber zu der Zeit, da Assad Machthaber in Syrien war. Da begab es sich, dass in Syrien eine Grausamkeit nach den anderen geschah. Dass Städte zerbombt, Menschen gefoltert und ermordet wurden, Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten durch Streubomben verwüstet wurden, Giftgas die Bevölkerung dahinraffte, das Land ein Spielball der Mächtigen ward und unsere Länder viel redeten, am liebsten aber resigniert wegschauten.

 

Ein Bild hat mich in diesem Jahr – nachdem ich es einmal gesehen hatte – nicht mehr losgelassen. Sie haben es zu Beginn des Gottesdienstes bekommen.

Das Foto des fünfjährigen Omran, wie er im August dieses Jahres im syrischen Aleppo in einem Krankenwagen sitzt und ins Leere starrt. Sein T-Shirt, die Hose, die dunklen Haare, die Haut – alles ist komplett verstaubt, die linke Gesichtshälfte des Jungen ist blutrot. Er fasst sich an den Kopf, sieht das Blut, das an seiner Hand hängen bleibt. Omran war kurz vorher aus einem zerbombten Haus gerettet worden. Vielleicht erinnern Sie sich auch noch daran.

 

Warum erzähle ich Ihnen heute davon, wir haben doch ein ganz anderes Kinderbild vor Augen? Das Kind in der Krippe – hier in der Kirche und vielleicht bei Ihnen zu Hause.

Das weihnachtliche Bild vom kleinen Heiland, im Stall, oft als Idylle gemalt. Obwohl es schon damals alles andere als eine Idylle war.

 

Die Antwort auf meine Frage gibt die Bibel. Auf die Geburt Christi folgen im Matthäus-Evangelium die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und der Kindermord in Betlehem, bei dem König Herodes alle Jungen bis zum Alter von zwei Jahren töten ließ. Und weil auch fast zweitausend Jahre nach der Geburt Christi weltweit Kinder verhungern, an Armut sterben, gequält, missbraucht und ermordet werden, ist das Bild von Omran für mich zu Recht ja auch ein Weihnachtsbild.

 

Die Kirche weiß von der Nähe zwischen der Freude über die Geburt Christi und der Trauer und der Wut über das sinnlose Sterben der Kinder – und der Erwachsenen. Am 28. Dezember - übermorgen - übrigens gedenkt sie der „unschuldigen Kinder“.

 

Am 26. Dezember, dem sogenannten zweiten Weihnachtsfeiertag, feiert die Kirche das Fest des ersten Märtyrers, des ersten Opfers der Glaubens, des heiligen Stephanus, der in Jerusalem gesteinigt wurde. Von ihm heißt es in der Apostelgeschichte: „Die Mitglieder des Hohen Rates blickten gespannt auf Stephanus, und jedem fiel auf, dass sein Gesicht aussah wie das eines Engels.“ (Apg. 6,15). Auf einem alten Fresko erstrahlt das Gesicht des Stephanus so hell, dass die Richter sich ihre Augen zuhalten oder ihre Blicke abwenden.

 

Ja, die Augen zuhalten oder wegschauen, das möchten wir auch gerne, wenn uns Omran mit einem weit geöffneten Auge anschaut, das andere vom Blut verklebt. Auch wenn sein Gesicht nicht strahlt, kein Leuchten von ihm ausgeht, so erscheint es doch wie das Gesicht eines Engels. Nicht das frohe Gesicht des Engels, der die Botschaft von der Geburt Christi an die Hirten verkündet, nicht das vom Glauben erleuchtete Gesicht des Stephanus, sondern das Gesicht eines Engels, dessen Botschaft eine einzige Frage ist: Warum? Warum lehnen Menschen das tägliche Angebot Gottes, ihn als Kind aufzunehmen, ab? Warum feiern wir dennoch Weihnachten als das Fest, an dem Gott in einem Kind zu den Menschen gekommen ist?

So wenig die Ältesten des Hohen Rates ihre Ohren vor der flammenden Predigt des Stephanus verschließen konnten, so wenig können wir heute den Fragen ausweichen, die das Foto von dem verletzten Omran aus Aleppo stellt.

 

Die Art und Weise, wie wir Weihnachten feiern, kann eine Antwort sein. Weihnachten kann nicht nur als Fest der Freude gefeiert werden; Weihnachten enthält auch immer die Aufforderung, umzukehren und einzutreten für die Kinder der Welt, die Stimme zu erheben, damit Kinder nicht aus zerbombten Häusern gerettet werden müssen.

Das ist auch eine Botschaft des Kindes in der Krippe.

 

Viele haben sich längst abgefunden mit dem Leid in dieser Welt und haben vor Krieg und Armut resigniert. Verständlich angesichts des Zustandes unserer Welt. Wir sind überfordert von all dem Elend.

Doch diese Resignation ist eine weit unter uns verbreitete Form von Gottesferne.

Die Kraft, die Resignation zu überwinden, kann der Glaube schenken, ein Glaube, der den Stephanus angesichts des Todes sagen lässt: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg. 7,56).

Der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi, dessen Leben in Betlehem begann und auf Golgota anscheinend so schmählich endete, lässt uns Weihnachten feiern, voller Freude und Hoffnung.

Die Schilderung der Hinrichtung des Stephanus endet mit dem Satz: „Saulus war mit der Steinigung des Stephanus einverstanden.“ Genau diesem Saulus, der spätere große Paulus, der die Kirche zuerst verfolgte, verzeiht Gott und macht ihn zum Boten und Verkünder des Evangeliums.

Und deshalb können wir auch Weihnachten feiern, weil wir trotz aller Schuld zur Geburt Christi eingeladen sind. Doch die Einladung beinhaltet eine Bitte: Wenn Jesus von Sündenvergebung redet, meint er damit auch die Befreiung aus der selbst erzeugten Ohnmacht, die Befreiung von dem lähmenden Satz: Es hat doch alles keinen Sinn.

Ja, lassen wir uns von der Resignation befreien, denn die Geburt Christi hat einen Sinn, einen Sinn, den wir täglich erneuern, wenn wir umkehren und für Menschen eintreten. Dann ist es auch sinnvoll, Weihnachten zu feiern. Das ist die Botschaft jedes Kindes, auch die von Omran aus Aleppo.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigt Christmette 24.12.2016 über 2. Samuel 7,4-6

Predigt zu 2. Samuel 7,4-6

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

„Driving home for christmas“. Dieser bekannte Popclassicer von Chris Rea ist die Tage wieder häufig im Radio gespielt worden. „Nach Hause fahren zu Weihnachten“, das ist ein Motiv, das ist eine Stimmungslage, die geht immer in diesen Tagen, die spricht in uns etwas an.

Weihnachten heißt nach Hause kommen. Trotz oftmals widriger Witterungsverhältnisse, Stau und Schritttempo auf den Autobahnen, erheblicher Zugverspätungen und überfüllten Zügen, vollen Flugplätzen und was es alles noch gibt.

Allen Warnungen und Befürchtungen zum Trotz, haben sich auch in diesem Jahr wieder viele Menschen zu Weihnachten auf den Weg in ihre Heimatstadt, ihren Heimatort gemacht, auch nach Gensingen und Grolsheim. Nicht, um sich in Steuerlisten eintragen zu lassen, wie damals die Familie um Jesus, sondern um sich wiederzusehen, zurückzukehren zur Familie, nach Hause zu kommen.

In den Tagen um Weihnachten haben unsere Orte ein anderes Gesicht als sonst, so kommt es mir vor. Viel mehr junge Menschen, viel mehr Familien mit Kindern werden in den kommenden Tagen als Weihnachtsspaziergänger unterwegs sein. Studenten kommen nach Hause und treffen die Klassenkameraden und -kameradinnen von früher. „Was machst Du denn jetzt so, wo bist Du jetzt - Echt Australien, da wollte ich auch mal hin, ja, nach der Ausbildung vielleicht…“ So oder ähnlich werden die Gespräche laufen. Dann wird noch ein Bier oder ein Schoppen getrunken und man freut sich auf den netten Abend daheim im Ort mit den alten Kumpels oder den guten, ehemaligen Freundinnen.

 

Weihnachten heißt nach Hause kommen, zurückkehren, ein Zuhause haben, einen Ort, an dem man nicht erst mühsam heimisch werden muss, sondern es immer schon ist.

Die Schattenseiten, die diese Rückkehr hätte, wenn sie von Dauer wäre, spielen in diesen Tagen keine Rolle. Die Enge des Ortes, die Enge im Wohnzimmer bei den Eltern, die Reibung durch das engere Miteinander in der Familie, die nicht nur Wärme erzeugt, sondern manchmal auch zu kleineren und größeren Explosionen führen kann, können ausgeblendet bleiben. Hoffentlich!

Nach Hause kommen, ein Zuhause haben, Eine Sehnsucht, nicht nur zu Weihnachten.

Unser heutiges Predigtwort erzählt auch von einer Sehnsucht nach einem Zuhause. Einem Zuhause für Gott. Es erzählt von einer vergeblichen und fehlgeschlagenen Bemühung darum und davon, wie Gott uns dennoch entgegenkommt. Es steht im Alten Testament, im 2. Samuelbuch und handelt von einer Botschaft, die der Prophet Nathan an König David ausrichten soll:

In jener Nacht aber erging das Wort des HERRN an Nathan: Geh, und sage zu meinem Diener, zu David: So spricht der HERR: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? Ich habe nicht in einem Haus gewohnt seit dem Tag, an dem ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, bis auf den heutigen Tag, ich bin umhergezogen in einem Zelt als Wohnung. (2. Sam 7,4-6)

 

Nach Hause kommen, eine Zuhause haben. Eine Sehnsucht, die zu uns Menschen gehört. Eine Sehnsucht, die auch Gott haben muss. So denkt König David sich das, als er mit dem Propheten Nathan spricht.

David, der junge König, hat sich viel vorgenommen und er hat viel erreicht. Er war erfolgreich im Kampf gegen die Philister. Und er machte die Jebusitersiedlung Jerusalem zur Hauptstadt seines Reiches. Dorthin hat er auch die Bundeslade überführt – das mobile Heiligtum der Israeliten – mit den Tafeln des Gesetzes. Und nun will er sein Werk krönen mit dem Bau eines Tempels. Einer Stätte, in der Gott wohnen soll. Einer Stätte, in der man Gott begegnen kann mit Opfern und Lobgesängen.

David selbst hat es endlich geschafft, nach Jahren der Ruhelosigkeit und des Umherziehens. Immer auf der Flucht vor seinen Feinden. Jetzt ist er sesshaft geworden und wohnt in einem festen Haus, während die Bundeslade, das Symbol der Gegenwart Gottes bei seinem Volk, immer noch in einem Zelt untergebracht ist. Ein Provisorium, so mag das David vorgekommen sein.

Gut, das war okay, solange das Volk Gottes in der Wüste unterwegs gewesen ist. Aber nun wird es Zeit. Auch Gott will doch irgendwann einmal ankommen, ein Zuhause haben und einen festen Wohnsitz.

 

Aber meine Sehnsucht ist nicht zwangsläufig auch die Sehnsucht eines anderen. Das wissen wir.

Gott sehnt sich offenbar nicht nach einem eigenen Haus, das lässt er David durch den Propheten Nathan ziemlich unmissverständlich ausrichten.

Was einer aufgibt, der sich ein Haus baut, wissen wir aus eigener, menschlicher Erfahrung. Die Sicherheit, Verlässlichkeit und Geborgenheit, die ein eigenes Haus bietet, haben ihren Preis. Es wird schwerer, sich noch zu verändern, aufzubrechen und neue Wege zu gehen. Man bindet sich, nicht nur durch den Kredit bei der Bank, sondern auch an den einen Ort, an das eine Leben. Haus bauen heißt sesshaft werden, verortbar zu sein.

Nach Hause kommen an den einen Ort, das ist keine Sehnsucht für Gott. Er lässt sich nicht binden, so gut es David auch mit ihm meint. Wie häufig bei sehr gut gemeinten Vorschlägen, steckt auch in dem Vorschlag Davids ein bisschen Eigennutz. Es geht um Sicherheit, Verlässlichkeit, Geborgenheit, auch für David. Wer Gott ein Haus baut, wer so investiert, zeigt seine Dankbarkeit und hofft gleichzeitig auch wieder auf Dankbarkeit. Ein Haus zu bauen und so ein kleines Guthaben bei Gott einzurichten, das wünscht sich David vielleicht für sein Leben, das wahrhaftig nicht nur gottgefällig gewesen ist und es auch in Zukunft nicht sein wird.

Aber mit Gott geht das nicht. Er lässt ihm durch Nathan ausrichten:

12 Wenn du alt geworden und gestorben bist, will ich einen deiner Söhne als deinen Nachfolger einsetzen und seine Herrschaft festigen.

13 Er wird mir einen Tempel bauen, und ich werde seinem Königtum Bestand geben für alle Zeiten.

14 Ich will sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein.

(2.Sam 7,12-14a)

 

Nach Hause kommen, ein Zuhause haben. Wenn es einen gibt, der diese Sehnsucht erfüllen kann, dann ist es Gott selbst. Es wird ganz anders sein, als du es dir vorstellst, lässt er David ausrichten. Was ich baue, unterscheidet sich sehr von dem, was du da konstruierst.

Wie zerbrechlich alles ist, auf das wir bauen, wissen wir selbst am besten. Gerade zu Weihnachten werden wir an empfindlichen Stellen berührt.

Nicht nach Hause kommen können, nicht wegen der Witterungsverhältnisse, sondern weil das Zuhause, nach dem ich Sehnsucht habe, nicht mehr da ist. Weil die Menschen, die es mit Leben gefüllt haben, nicht mehr da sind. Oder kein Zuhause haben, weil da nie eines gewesen ist in meinem Leben.

Um Häuser aus Steinen geht es beim Nachhausekommen nicht zuerst. Das Zuhause, das sind Menschen. Die Menschen, die vor mir da waren, wie meine Eltern und Großeltern. Menschen, die nach mir da sein werden, wie meine Kinder und vielleicht irgendwann Enkelkinder. Und Menschen, die jetzt für mich da sind, bei denen ich mich wohl und zuhause fühle.

 

Gott baut keine Häuser, sondern bindet sich an Menschen. Dass es dann später auch einen Tempel gegeben hat, den Davids Sohn Salomo gebaut hat, können wir zur Kenntnis nehmen – müssen dann aber gleichzeitig auch zur Kenntnis nehmen, dass auch dieser Tempel wieder zerstört worden ist.

Gott wohnt nicht in Häusern. Deswegen kann die Beziehung zu ihm nicht zerstört werden, wie ein Haus, das erst leer steht und dann irgendwann verfällt. Gott hat sich gebunden an Menschen, an die, die vor uns da waren. Er bindet sich an uns und wird sich auch an die binden, die nach uns da sein werden.

Das ist unsere große Hoffnung.

Eine Beziehung, die immer weiter geht, die mit David nicht zu Ende war und mit Salomo nicht und nicht mit ihren Nachkommen.

Jesus von Nazareth, bekanntlich aus dem Haus und Geschlecht Davids, hat uns, die wir nicht von Geburt zu Gottes Volk gehören, in diese Beziehung mit hineingenommen. Wir sind eingeladen und willkommen geheißen in einem Haus, das wir nicht selbst gebaut haben.

 

Nach Hause kommen, ein Zuhause haben.

Gott sucht sich sein Zuhause unter uns anders, als wir uns das vorstellen. Nicht auf der Suche nach Sicherheit, Geborgenheit und Zuverlässigkeit, nicht festgelegt.

Ein Gott, der mitgeht, bei uns ist, für den keine Vorbereitungen zu treffen sind und der nichts voraussetzt.

Wie Gott zur Welt kommt, zeigt sich noch einmal deutlich in dem Kind in der Krippe, in dem Bündelchen Mensch, zur Welt gekommen am Rande der Nacht, am Rand der Stadt, am Rand der damals bekannten Welt. Es gibt keinen schlechteren Ort, an dem Gott zur Welt kommen könnte und es gibt keinen anderen Ort dafür.

Nach Hause kommen, ein Zuhause haben. Die tiefe Sehnsucht danach berührt uns und alle in dieser Nacht. Sie berührt die, die jetzt endlich einmal wieder zuhause sind – und mehr noch die, die es nicht sind.

Ich denke an die Flüchtlinge, die hier bei uns angekommen sind und versuchen, hier eine Heimat zu finden. Einigen wird es nicht gelingen, weil wir sie zurückschicken, weil sie hier fremd bleiben werden in diesem Land, in dem so andere Regeln herrschen, als sie kennen.

Ich denke intensiv und voll Trauer an die Menschen in Aleppo und im kriegszerstörten Syrien. Deren zuhause ist brutal zerbombt worden wegen den Machtinteressen geltungssüchtiger Politiker, deren Spielball sie immer noch sind und wohl bleiben werden. Traurig und widerlich!

Ich denke an die Opfer des Anschlages auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, die nie mehr nach Hause kommen werden - weil irgendwelche verblendeten Verrückten meinen, es sei eine Gottestat Menschen heimtückisch zu ermorden. Wie krank ist das!

Ich denke aber auch an die Kranken in unseren Krankenhäusern, die diese Tage dort verbringen und so gerne woanders und vor allem gesund wären.

Ich denke an all die, für die zuhause keinen schönen Klang hat aus so unterschiedlichen Gründen.

Für sie und auch für mich selbst möchte ich bauen auf die Hoffnung, dass es so ist, wie Gott es David ausrichten lässt. Und dass Gott nicht aufhört, es ausrichten zu lassen unter uns, diese Stimme dieser Nacht, die sagt:

Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott. Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein. (Offenbarung 1,3f)

Gott kommt zu uns. Wir kommen nach Hause. Heute Nacht.

Amen.

 

Predigt über das Thema „Welche Erziehung brauchen Kinder?“ (18.09.2016)

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Eben haben wir ein Kind getauft, die Liv Lucie Kramer. Die Liv Lucie ist gut 2 Jahre alt. Ein kleines Kind, das einen nicht nur Freude macht, - das hoffentlich ganz viel - sondern das einen auch fordert, das erzogen werden will. Das ist besonders die Aufgabe der Eltern, aber auch der Großeltern, sicher auch des Paten und der Patin und allen, die näher mit Liv Lucie zu tun haben.

Aber Erziehung ist in der heutigen Zeit schwierig geworden.

Ja, welche Erziehung brauchen Kinder? Es gibt Ratgeber zuhauf, Bücher und Zeitschriften: Das Geheimnis glücklicher Kinder / Grenzen, Nähe, Respekt / Nein aus Liebe: Klare Eltern, starke Kinder / Der kleine Tyrann: Welche Halt brauchen Kinder? / Kinder brauchen Grenzen / Das kompetente Kind / Kinder liebevoll Grenzen setzten.

All das sind Titel populärer Erziehungsratgeber. Und es ließen sich noch zahllose anfügen.

Aber die Unsicherheit hat sich trotz oder vielleicht sogar wegen dieser vielen Ratgebern noch vergrößert. Es fehlen mittlerweile die anerkannten Vorbilder dafür, wie man als Vater oder Mutter, als Großeltern, Erzieherin und Lehrer die Kinder erziehen kann. Vieles von dem, wie das die Vorgängergeneration gemacht, wird heute sehr kritisch gesehen. Was ist nun richtig, was gilt mittlerweile als veraltert und schädlich.

Einer der Haupttrends unserer Gesellschaft ist der Trend zur Individualisierung. In der Erziehung heißt das, Eigenverantwortlichkeit von Menschen und auch Kindern ist ein wichtiges Erziehungsziel. Und diese Eigenverantwortlichkeit kann man nicht mehr mit den alten Erziehungsmustern der vorigen Generationen bewältigen, so sagt man in der modernen Pädagogik.

Die fundamentale Erkenntnis aller relevanten moderneren Erziehungsansätze lautet: Mit Züchtigung, Schimpfen und Bestrafen kommt man nicht weit, wenn man selbstbewusste junge Menschen heranziehen will, die sich in der heutigen Gesellschaft privat wie beruflich behaupten können sollen. Laisser - faire ist dagegen auch kein Königsweg - im Gegenteil.

Grenzen benennen, Konsequenz zeigen und Liebe spüren lassen, das hört man häufig und davon liest man viel in diesen Erziehungsratgebern.

Trotz all der vollmeinenden Ratschlägen vieler selbst ernannter Experten oder vielleicht auch gerade deswegen, hat man manchmal das Gefühl, viele Eltern seien mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. So etwas wie ein Elternführerschein würde eigentlich gebraucht, sagen viele. Aber die Eltern, die so einen Führerschein besonders brauchen würden, die kommen gar nicht erst zu solchen Angeboten, die erreichen die Erziehungsberatungsstellen gar nicht. Manchmal mit fatalen Folgen, wenn man Berichten von Jugendamtsmitarbeitern glauben darf.

Aber das sind sicher Extremsituationen - auch wenn diese zunehmen.

 

Die Frage bleibt: Welche Erziehung brauchen unsere Kinder? Diese Frage ist eine längere Zeit lang ganz vernachlässigt worden. Man hat gesagt: Erziehung ist doch eigentlich antiquiert, wir brauchen Bildung und Angebote für Kinder und Jugendliche. Die antiautoritäre Erziehung wurde manchmal dahin gehend verstanden, als ob Erziehung gar nicht mehr so entscheidend sein sollte. Als ob Erziehung immer Zwang und Unterdrückung sei und das es auch irgendwie ohne gehen würde. Sogar besser!

Viele haben es sich sehr bequem gemacht und antiautoritäre Erziehung mit Nichtstun und bloßem Zuschauen verwechselt. „Woll’n wir mal sehen, wohin die Kinder sich entwickeln.....“

Ich finde manches aus der antiautoritären Erziehung nicht so verdammenswert, wie das heutzutage oft dargestellt wird. Aber der Gedanke des Laissez-faire, des Einfach-Laufen-Lassens, zusammen mit einem bequemen Nichtstun und Sich-selbst-Überlassen vieler Kinder, hat die Fundamente unseres Zusammenlebens doch arg zerbröselt. Zusammen vielleicht mit dem ganzen Medienkonsum, dem Kinder und Jugendliche heute ausgesetzt sind.

 

„Mein Kind soll selber entscheiden“, - das wird ganz oft in Gesprächen über Erziehung gesagt. Auch in Bezug auf die Taufe. Man wolle sein Kind nicht manipulieren oder ihm etwas einengend vorgeben.

Ja gut, aber irgendetwas gebe ich meinem Kind immer mit. Und Gottes Segen für es zu erbitten und ihm im christlichen Sinne zu erziehen, mit Achtung vor dem Nächsten und vor Gott, mit Verantwortung und Hingabe, mit dem Vertrauen auf den einen, der einen hält, und mit der Betonung der Liebe und des unaufgebaren Wertes, der jeder einzelne Mensch hat, das ist doch nicht die schlechteste Vorgabe. Dafür muss man sich nicht schämen, da wird auch kein Kind ungehörig beeinflusst, das ist einfach eine Basis dessen, was einen wichtig ist im Leben und was man weitergeben möchte. Und dafür steht auch die Taufe. Was denn daraus wird, das ist nicht allein unsere Sache, das ist auch die Sache Gottes. Und das ist doch auch ganz beruhigend.

 

„Erziehen“ hängt mit „Ziehen“ zusammen, und das hat eine Richtung. „Mein Kind soll sich selbst entscheiden“ und „wir machen unserem Kind keine Vorschriften“, verschleiert da Verantwortung und dient der Schwäche zur Entscheidung und dem mangelnden Mut Vorgaben zu setzen.

Aber Kinder brauchen Vorschriften, Hinweise und Entscheidungshilfen. Reines „Laufen lassen“ und „sie sollen selber entscheiden“ sind Ausdruck der Angst vor der Aufgabe der Erziehung.

 

Welche Erziehung brauchen unsere Kinder? Ich denke, sie brauchen als allerwichtigstes eine ermutigende und wertschätzende Erziehung. Das Lob und die helfende Begleitung stehen in dieser Erziehung an oberster Stelle. Dafür muss man Zeit haben für seine Kinder. Das müssen ja gar nicht immer und ausschließlich die Eltern sein, - es können auch zusätzlich verlässliche andere Personen sein. Aber Kinder brauchen Zeit, die man mit ihnen teilt.

 

Von Jesus wird einmal erzählt: 13 Einige Eltern brachten ihre Kinder zu Jesus, damit er sie segnete. Die Jünger aber wollten sie wegschicken. 14 Als Jesus das merkte, wurde er zornig: "Lasst die Kinder zu mir kommen, und haltet sie nicht zurück, denn für Menschen wie sie ist Gottes neue Welt bestimmt.

15 Hört, was ich euch sage: Wer sich die neue Welt Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, dem bleibt sie verschlossen." 16 Dann nahm er die Kinder in seine Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.

 

Einerseits musste Jesus keine Kinder erziehen, nicht ihre Launen und den Lärm tagtäglich ertragen. Er musste sie nicht in den Kindergarten und die Schule bringen, weder für ihren Lebensunterhalt sorgen noch ihnen abends Gutenachtgeschichten erzählen oder mit ihnen beim Arzt oder Krankenhaus ausharren - soweit es Vergleichbares zu seiner Zeit gab. Er musste nicht ihren Ansprüchen und Forderungen entgegenstehen und sich ihrer Launen erwehren. Insofern hätte man leicht reden, wenn man behauptete, diese Art des Umgangs mit Kindern könne man einfach eins zu eins in den Erziehungsalltag übertragen. Im Umgang mit Kindern erfährt man oft und schnell seine eigenen Grenzen, ist auch einmal sauer, genervt und ungeduldig, ja auch ungerecht, sagt vielleicht Dinge, die einem nachher leidtun oder die pädagogisch nicht angemessen waren.

Doch andererseits lässt sich dieses einfühlsame, überaus wertschätzende Verhalten Jesu gegenüber den Kindern nicht einfach - etwa aus Bequemlichkeit - als alltagsuntauglich abtun. Es ist vor allem die innere Grundhaltung gegenüber den Kleinen, die im wahrsten Sinn des Wortes vor-bildlich ist.

Durch den Ausspruch Jesu, dass man das Himmelreich nur so vertrauensvoll und bedingungslos wie ein Kind empfangen kann, erhalten die Kleinen eine Aufwertung, die damals wie heute von überwältigender Wirkung ist. Jesus hat mit seiner im Ansatz schlichten, aber umso einprägsameren Geste Maßstäbe gesetzt, die niemand ignorieren kann, der konstruktiv mit Kindern arbeiten und sie liebevoll erziehen will - gleich ob als Christ oder Nicht-Christ.

 

Martin Luther hat diesen Ernst und die Wichtigkeit des guten Umgangs mit Kindern so ausgedrückt: „Vater und Mutter können an den Kindern den Himmel und die Hölle verdienen, je nachdem, ob sie ihnen gut oder übel vorstehen.“

Eltern haben die Verantwortung, mit ihrer Art wie sie Vater oder Mutter sind, ihren Kindern ein erstes und prägendes Beispiel zu sein, was die Väterlichkeit und Mütterlichkeit Gottes für einen Menschen bedeuten kann. Das ist die Ehre aller Erziehenden.

 

In manchen Momenten der Überforderung durch unsere Kinder, wenn der Ärger oder Zorn in uns hochsteigt, dann kann es helfen, durch zu atmen und an ja auch an die Taufe der Kinder zu denken. Das Kind ist, was wir sind: ein Mensch, Gottes Geschöpf, unser kleinerer Partner und Lebensgefährte. Durch die Taufe übergeben wir unser Kind Gott. Und wir erhalten es zurück als Geschenk, für das wir Gott verantwortlich bleiben.

 

Einer unser Problem heute in der Erziehung besteht ja auch darin, dass viele Kinder und Jugendliche die Grenzen ihres Tuns nicht mehr kennen und wohl auch nicht richtig mehr gezeigt bekommen.

Das Grenzen für die Entwicklung einer reifen Persönlichkeit unglaublich wichtig sind, dass betont die moderne Pädagogik momentan wieder sehr: „Kinder brauchen Grenzen“ und „Grenzen, Nähe, Respekt“, sind die beiden mit am meisten verkauften Erziehungsbücher unserer Tage.

Manchmal denke ich: mit dem Ärger, den ein junger Mensch veranstaltet, ob bewusst oder unbewusst, testet er solange seine Grenzen, bis er mit dem Kopf vor der Wand steht. Weil ihm keiner beigebracht hat, wo die heilsamen Grenzen sind. Weil er sich selber immer noch nicht gefunden hat. Erst wenn Menschen ihre Grenzen kennen, wissen sie, wer sie sind. Das gilt übrigens für Erwachsene genauso. Dass wir alles dürfen, was wir können, - das sollten wir unseren Kindern nicht vormachen.

Auf andere Rücksicht nehmen und sich mühen in sie hineinzuversetzen, Empathie heißt das heute so schön, das ist etwas, das unser manchmal so schweres Zusammenleben leichter machen kann. Altmodisch heißt das auch Nächstenliebe. Auch dafür setzen wir in der Erziehung Zeichen und geben es vor und leben es hoffentlich auch.

 

„Die Liebe hört niemals auf“, so lautet die Taufspruch von Liv Lucie. Das hoffe ich doch. Dass Gottes Liebe niemals aufhört, das sagt er uns und hat er heute Liv Lucie in ihrer Taufe zugesagt. Dass die Liebe ihrer Familie zu ihr und ihre zu ihrer Familie nie aufhört, trotz aller Erziehung die nötig sein wird, bis sie groß ist, das wünsche ich Ihnen und ihr.

Das Prinzip aller Erziehung muss Beziehung sein und zwar solche, die durch die Liebe bestimmt ist. Dann, so kann man hoffen, wird trotz mancher persönlicher Mängel und pädagogischer Irrtümer letztlich alles gut für unsere Kinder. Damit ihre Leben auf Freude ausgerichtet sein können und sie so viel Glück, Liebe und Geborgenheit erfahren, wie es auf dieser Erde möglich ist.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Predigt über 1. Petrus 5.5b-11  "Über die  Demut" (04.09.2016)

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wissen Sie was eine Prostation ist?

Das hat nichts mit der Prostata, auch nicht mit etwa Prostitution zu tun.

Unter Prostration oder Prosternation versteht man in der katholischen, der anglikanischen und der orthodoxen Liturgie das ausgestreckte Sich-Niederwerfen einer Person im Altarraum als Zeichen der Demut und Hingabe.

Es ist eine Geste der Ergebenheit vor Gott. Die Person in der Prostration zeigt mit ganzem Körper, mit welcher Haltung er sich der Welt stellt: in Demut.

Das Bild der Liegenden auf dem Boden in der Kirche oder sonst wo gibt den Blick frei auf eine Lebenshaltung, die von großen Augustinus einst zur „Mutter aller Tugenden" erkoren wurde und heute seltsam fremd anmutet: Die Demut.

Demut ist eine Provokation für das Selbstverständnis des modernen Menschen: Der Demütige ist dienend, nicht weil er keine andere Wahl hätte, sondern weil er es für richtig hält.

 

Demut ist das Gegenteil von Hochmut. Während Hochmut auf Größe, auf Herrschaft, auf Selbstverherrlichung zielt, zielt Demut auf das Kleine, auf das Bescheidene. Die Demut zielt darauf, sich selbst zurückzunehmen, sich zu erniedrigen, sich klein zu machen, sich nicht so wichtig zu nehmen.

 

Schon immer haftet der Demut wohl deshalb etwas „Kriecherisches“, etwas Heuchlerisches an. Jedenfalls dann, wenn Demut falsch verstanden wird. Der Heuchler spielt nur eine demütige Haltung. Er setzt sich herab, redet dem anderen, dem vermeintlich Höhergestellten, nach dem Munde – und tut dies doch nur um seines eigenen Vorteils willen.

So hat Alexander Dibelius, Deutschlandchef und mächtiger Manager der Investmentbank Goldman Sachs, seine Branche nah dem Finanzcrash zu „kollektiver Demut“ aufgerufen.

Karl-Theodor zu Guttenberg, der ehemalige Verteidigungsminister, entschuldigte sich „in Demut“ nach der Plagiatsaffäre und der damalige FDP-Generalsekretär Christian Lindner empfahl seiner Partei nach der für seine Partei katastrophalen letzten Bundestagswahl, das Ergebnis „in Demut aufzunehmen“.

Es gibt unzählige weitere Beispiele, eines zeigen sie alle: Demut mag verstaubt sein, an Wirkung hat sie nicht verloren. Manager und Politiker, Sportler, Personen des öffentlichen Lebens bedienen sich ihrer, setzen sie ein, als würde das Wort allein ausreichen, um die Scheinwerfer zu dimmen, die auf sie und ihre Misere gerichtet sind.

 

In der biblischen Tradition dagegen ist Demut die einzige Haltung, mit der ein Mensch Gott begegnen kann. Der demütige Mensch beugt sich unter Gottes Macht und Willen. Er rechtet nicht mit Gott, er klagt ihn nicht an – stattdessen empfängt er, was Gott ihm zugedacht hat.

Der demütige Mensch erkennt die Macht Gottes also an und unterwirft sich ihr. So verstanden ist Demut keine Heuchelei, sondern das Gegenteil zum Hochmut: Der demütige Mensch erkennt, dass er, im Gegenüber zu Gott, nur sehr gering ist. Darum nimmt er eine Haltung ein, die dieser Erkenntnis entspricht, nämlich, dass Gott mich geschaffen hat, dass ich jemand bin, der sich einem anderen verdankt und daraus seine Demut gewinnt und weiß, wie klein er ist. Der aber daraus auch seine Größe gewinnt, denn wer von Gott geschaffen ist, ist ja nicht einfach ein Erniedrigter. Sondern es gilt sich bewusst zu machen: Ich bin aus Erde - aber belebt durch den Geist Gottes. Es steckt eine realistische Einschätzung seiner selbst darin, sich christlicherseits so in der Welt zu verstehen.

 

Dass Gott groß, der Mensch dagegen klein und gering ist, daran erinnert auch ein Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, der heute biblischer Text zur Predigt ist. Den Lesern des Briefes wird Gott gegenüber eine demütige Haltung empfohlen. Immer wieder allerdings steht diese demütige Haltung in Gefahr, verloren zu gehen. Immer wieder droht der teuflische Hochmut, die Beziehung zu Gott zu zerstören. Am Ende aber kommt es darauf an, dem Hochmut zu widerstehen. Ich lese aus dem 1. Petrusbrief, dem 5. Kapitel:

5b Hütet euch vor Hochmut! Denn "die Hochmütigen weist Gott von sich; aber er hilft denen, die wissen, dass sie ihn brauchen".

6 Deshalb beugt euch unter Gottes mächtige Hand. Gott wird euch aufrichten, wenn seine Zeit da ist.

7 Ladet alle eure Sorgen bei Gott ab, denn er sorgt für euch.

8 Bleibt besonnen und wachsam! Denn der Teufel, euer Todfeind, läuft wie ein brüllender Löwe um euch herum. Er wartet nur auf ein Opfer, das er verschlingen kann.

9 Stark und fest im Glauben sollt ihr seine Angriffe abwehren. Und denkt daran, dass alle Christen in der Welt diese Leiden ertragen müssen.

10 Gott aber, von dem ihr so viel unverdiente Güte erfahrt, hat euch durch Jesus Christus zugesagt, dass er euch nach dieser kurzen Leidenszeit in seine ewige Herrlichkeit aufnimmt. Er wird euch ans Ziel bringen, euch Kraft und Stärke geben, so dass ihr fest und sicher steht.

11 Ihm allein gehört alle Macht für immer und ewig. Amen.

 

Als der Schreiber des 1. Petrusbriefes diese Worte verfasst, kann man sich den darin enthaltenen Skandal gar nicht groß genug vorstellen: Vor 2.000 Jahren galt Demut nichts. Die Stoiker, eine philosophische Schule der Antike, hielten eine demütige, eine unterwürfige Gesinnung für falsch. Demut galt als Irrtum. Eine demütige Haltung galt als von Furcht geprägt. Und Furcht konnte keine Lebenseinstellung sein. Als Ziel des Lebens galt vielmehr, sich selbst groß zu machen, immer der Beste sein zu wollen, auf der Gewinnerseite zu stehen. Man warf den Christen damals deshalb vor, dass sie sich ohne Selbstachtung und ohne Würde selbst erniedrigten. Ihr Verhalten deutete man als Kriechertum. Und das entsprach nicht dem antiken Ideal, immer besser als die anderen sein zu wollen.

 

Noch weniger entsprach Jesus dem antiken Ideal: Ein gekreuzigter, leidender Mensch, in dem Gott den Menschen nahegekommen sein sollte. Das war vor zwei Jahrtausenden undenkbar. Gottheiten stellte man sich mächtig und unverletzlich vor und nicht leidend; schon gar nicht am Kreuz hängend. Dass die Christen einen leidenden Gott verehrten und daraus ableiteten, demütig zu sein, passte also nicht in die Zeit.

 

Gott tritt den Stolzen entgegen, so könnte man auch sagen, er verabscheut Arroganz, Großtun und Selbstüberschätzung. Gott tritt der Prahlerei entgegen und dem Wichtigtun. Denn Menschen, die hochmütig und stolz sind, die arrogant auftreten und sich wichtig nehmen – diese Menschen gründen ihr Leben nicht auf Gott, sondern auf die eigenen Kräfte oder das, was sie für die eigenen Kräfte halten. Dagegen steht der, der sich selbst zurücknimmt, der in Demut alles von Gott erwartet und sein Leben auf ihn gründet.

Wer das tut, wirft alle Sorgen auf Gott und verlässt sich nicht auf sich selbst, sondern darauf, dass Gott sich kümmern wird; dass Gott Wege aufzeigen wird; dass Gott helfen wird in der Not.

 

Diese Haltung einzunehmen und durchzuhalten, war und ist nicht leicht. Deshalb warnt der Verfasser des Petrusbriefes: Seid wachsam. Achtet darauf, dass ihr nicht in Selbstüberschätzung, Stolz und Hochmut zurückfallt. Widersteht in der Kraft des Glaubens, rät der Petrusbrief.

Der Hochmut, die Selbstüberschätzung drohen, überall die Gemeinschaft der Glaubenden und die Gemeinschaft mit Gott zu zerstören.

 

Demut ist also die Einsicht, dass alle meine Sorgen, Nöte und Ängste bei Gott wesentlich besser aufgehoben sind als bei mir. Behalte ich sie in meinem Kopf und meinem Herzen, erdrücken und lähmen sie mich. Gelingt es mir, sie betend auf Gott zu werfen und sie dort zu lassen, kann ich aufatmen und schwere Zeiten leichter tragen. Oder mit den Worten Martin Luthers gesprochen: „Wer ein Christ sein will, der lerne doch solches glauben, dass er sein Herz mit seinen Sorgen Gott auf seinen Rücken werfe; denn er hat einen starken Hals und Schultern, dass er es wohl tragen kann.“

 

Und wir?

Wie stehen wir da als Christenmenschen, als Kirche in der Gesellschaft? Stolz? – Verlegen? Ängstlich? - Verunsichert? – Ja, wohl immer wieder. Aber hoffentlich auch: Mit gutem Stand. – Widerstandsfähig gegenüber der Versuchung, ohne Gott zu leben oder seinen Willen zu verdrehen. Mit beweglichem Knie und Kopf, um sich zu beugen vor Gott. – Mit betenden Händen und einem wachen Blick für die Zeichen der Zeit. Leichtfüßig dennoch, weil unsere Sorgen aufgehoben sind. – Diese Haltungen stehen uns gut an.

So können wir bestehen auch in schwierigen Zeiten – wohl wissend, dass auch wir gehalten sind. Uns immer wieder darin vergewissernd, dass Gottes Haltung uns gegenüber eindeutig ist: Er, der Gott aller Gnade, wird uns aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus

Amen.

 

Predigt vom 28. August 2016  - Kerbegottesdienst Grolsheim

Predigt über „die Zeit“

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Sechs Wochen Sommerferien liegen hinter uns. Am Montag geht dann wieder die Schule los. Dann sind die großen Ferien vorbei.

Eigentlich schön, so eine Kerb zum Abschluss der Ferien. Dann kann man noch mal so richtig schön feiern und danach hat einen der Alltag wieder fest im Griff.

 

Egal, ob Sie im Ausland waren oder innerhalb Deutschland weggefahren sind oder zu Hause hier in Grolsheim geblieben sind, ich hoffe, Sie haben die Zeit genossen.

 

Die Zeit – darum geht es mir heute, an der Schwelle von den Ferien hin zum Alltag.

Über die Zeit möchte ich mit Ihnen heute nachdenken.

Die Zeit ist ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes. Das Buch Prediger Salomo spricht an einer Stelle von der Lebenszeit, die Gott jedem einzelnen Menschen zumisst. Sie ist ein Geschenk Gottes, nicht in unserer Verfügung, aber uns doch zur Verfügung gestellt. Sie ist begrenzt. Wie viel Zeit uns zur Verfügung steht, jedem Einzelnen von uns, wissen wir nicht.

Vielleicht auch ganz gut so.

 

Von daher haben wir die letzten hundertfünfzig Jahre gut genutzt, möchte man meinen. Wir haben in dieser Zeit viele Erfindungen gemacht, die uns Zeit sparen. Mit Auto und Bahn sind wir viel schneller unterwegs als die Menschen im 19. Jahrhundert. Mähdrescher und Erntemaschinen erledigen heutzutage die Arbeit in Stunden, für die ein Bauer oder Winzer früher Wochen brauchte. Eine Nachricht von Amerika nach Deutschland dauerte in Form eines Briefes Wochen, wenn nicht Monate. Heute genügt ein Mausklick und die E-Mail ist angekommen, der Chat gesendet. Am besten gleich noch mit Bild.

Wir haben viele Erfindungen gemacht, die uns Zeit sparen. Von daher möchte man meinen, es stünde uns mehr Zeit zur Verfügung als den Menschen früher.

Aber seltsam. Es ist wie im Kinderbuch »Momo«: Trotz aller Zeitspareffekte – oder vielleicht gerade wegen dieser – kommt uns die Zeit abhanden.

Wer hat denn heute noch Zeit? Das ist ja geradezu verdächtig, Zeit zu haben.

Die Welt beschleunigt sich immer mehr. Wir stehen allesamt immer mehr unter Druck: Das muss erledigt werden, dies muss noch geschafft werden. Wir nehmen uns Materialien von der Arbeit mit nach Hause, sind rund um die Uhr erreichbar.

Keiner, glaube ich, käme auf die Idee, unsere moderne Zeit als eine zu bezeichnen, in der man Zeit hat. Sie ist uns irgendwie abhandengekommen, die Zeit. Wir sind häufig Getriebene, nicht Herren über unsere Zeit.

In den Ferien ist das manchmal anders. Da ist dann ein wenig mehr Leerlauf, gehen die Uhren anscheinend etwas langsamer. Gerade bei Schülern und Schülerinnen kommt dann manchmal so etwas wie Langweile auf. Man muss die Zeit, die plötzlich da ist, totschlagen. Die Langweile überwinden.

 

Aber ansonsten gilt schon: Wir sind häufig Getriebene der Zeit.

Ist das – wenn man sich’s in Ruhe überlegt – nicht traurig?

 

Gott schenkt uns Zeit. Ein kostbares Geschenk ist sie, die Zeit. Keiner, sagt Jesus einmal, kann sein Leben auch nur um einen Tag verlängern. Die Zeit ist begrenzt, und gerade dadurch, dass sie uns nicht in unendlichem Maße zur Verfügung steht, weil sie vergänglich ist, wird und ist sie kostbar.

Wie nutzen wir die Zeit? Sehen wir mal von der Arbeitszeit ab, ob das nun Haushalt, Beruf oder Schule ist. Ziehen wir auch die Zeit ab, die wir für den Schlaf brauchen: Die freie Zeit, die übrig bleibt, die sogenannte Freizeit, wie nutzen wir sie?

 

Diese Woche wurde der sogenannte Freizeit-Monitor“ von der Stiftung Zukunftsfragen veröffentlicht. Im Schnitt hat jeder Deutsche heute drei Stunden und 49 Minuten Freizeit am Tag. Übrigens eine Viertelstunde mehr als noch 2011. Wie immer die das auch berechnen.

Und der große Trend ist: Die Medien und deren Nutzung bestimmen immer mehr unser Freizeitverhalten.

Und Fernsehen bleibt die liebste Freizeitbeschäftigung.

Wir verbringen also unsere Zeit damit, zuzuschauen, wie andere ihre Zeit verbringen. Ist das – wenn man sich’s in Ruhe überlegt – nicht seltsam?

 

Und die sogenannten neuen Medien, also alles was mit dem Internet zu tun hat, werden immer wichtiger und bestimmender und auch zeitraubender in und für unsere Freizeit.

 

Die Zeit für ein Treffen mit Freunden zu Hause ist um ein Drittel auf 17 Prozent zurückgegangen. Die Besuche von Enkeln bei ihren Großeltern sind zu einem guten Viertel seltener geworden.

Zu den Gewinnern im Fünf-Jahres-Vergleich zählt neben den neuen Medien eindeutig der Sport. Immerhin!

Das Bedürfnis nach Ruhe nimmt aber zu. Und: Nicht nur die Arbeitswelt auch die Freizeit ist stressiger geworden.

Seltsam, bei all den Erleichterungen, die wir heute doch zur Verfügung haben. Aber es gibt wohl zu viele Angebote und es macht eben Stress, sich dabei für die Richtigen zu entscheiden und nicht das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.

 

Gott schenkt uns Zeit. In der Regel ist es viel Zeit, die wir im Laufe unseres Lebens zur Verfügung haben. Aber im Getriebe des Alltags verflüchtigen sie sich schnell, weil wir gehetzt sind, von Informationen und Nachrichten bombardiert, vom Alltagsstress erschöpft und ausgelaugt und nicht mehr zur Ruhe kommen.

Deshalb sind Ferienzeiten so wichtig. Zeiten, in denen wir abschalten können. Und einfach das tun, was einem Freude macht. „Die Seele baumeln lassen“, wie es so schön heißt. Das macht die Ferienzeit aus.

Wobei, sagen uns Freizeitforscher, es in der Regel zwei Wochen dauert, bis man wirklich abschalten kann. Wir müssen den Müßig-gang erst wieder mühsam lernen. Das ist gar nicht so einfach. Die Seele baumeln lassen: Wie geht das eigentlich?

Ein Mann wurde einmal gefragt, warum er so ausgeglichen und entspannt wirke.

Er sagte:

„Wenn ich stehe, dann stehe ich,

wenn ich gehe, dann gehe ich,

wenn ich sitze, dann sitze ich,

wenn ich esse, dann esse ich,

wenn ich liebe, dann liebe ich …“

Dann fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten:

„Das tun wir auch, aber was machst du darüber hinaus?“

Er sagte wiederum:

„Wenn ich stehe, dann stehe ich,

wenn ich gehe, dann gehe ich,

wenn ich … „

Wieder sagten die Leute:

„Ist gut, verstanden, aber das tun wir doch auch!“

Er aber sagte zu ihnen:

„Nein –

wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon,

wenn ihr steht, dann lauft ihr schon,

wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“

 

Ganz bei sich sein und nicht mit den Gedanken schon wieder wo-anders. Das ist eine Kunst. Die beherrsch ich oft nicht. Bei dem einen, das ich tue, denke ich schon an das andere, das noch kommt. Das macht mir Stress. Das macht mich fertig.

Das passiert mir auch immer wieder im Urlaub, dass ich daran denke, was alles zu tun ist, wenn er zu Ende ist und dann geht das Kopfkino los und die Erholung langsam flöten.

 

Die Ferienzeit gut nutzen, das ist eine Kunst. Die Seele baumeln lassen, das kreative Nichts-tun wieder pflegen, Ruhe tanken? Sich Anregungen holen, Neues sehen und erleben, Herausforderungen suchen, den Horizont weiten…

 

Jetzt beginnt wieder der Alltag. Und manchmal stürzt dann gleich zu Beginn so viel auf uns ein, dass wir schon bald wieder urlaubs-reif sind.

Was kann man tun?

In den zehn Geboten heißt es: „Sechs Tage lang sollst du arbeiten. Aber der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht.“ Der Ruhetag als Gebot Gottes. Der 7. Tag als Ruhetag: Das hat Schule gemacht. Bei den Juden war es der Samstag, wir Christen haben den Ruhetag auf den Sonntag gelegt. Die Muslime auf den Freitag.

Aber dennoch: Ein Tag, an dem das Gebot lautet: Nichts zu tun! Faulenzen oder sich austoben. Zur Ruhe kommen. Zeit haben für die Dinge, die sonst im Leben zu kurz kommen.

Das gilt nicht für alle, aber doch - noch!- für die Mehrheit. Der Sonntag hat zunehmend zu kämpfen um seine Stellung in unserer Gesellschaft. Wir Kirchen tun dies, aber die Gegenkräfte sind stark und liegen im Trend. Denken Sie nur an die ganzen, immer mehr um sich greifenden verkaufsoffenen Sonntage.

 

Sechs Wochen Ferien liegen hinter uns. Damit uns das Urlaubsgefühl nicht schnell wieder abhandenkommt, können wir die Sonntage immer wieder zu so etwas wie kurze Ferien im Alltag machen. Als Ruheinseln in der Betriebsamkeit des Alltags. Und ein Tag, an dem wir den preisen und dem danken, der im eigentlichen Sinne der Herr der Zeit ist: Gott.

Das tun wir heute hier am Kerbesonntag.

Und das tun wir verlässlich jeden Sonntag im Gottesdienst, so lange Gott uns dazu unsere Lebens-Zeit schenkt.

Denn: Alles hat seine Zeit!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigt vom 17. Juli 2016 - Jubiläumskonfirmation               von Markus Weickardt

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde,

liebe Jubiläums-Konfirmanden und Konfirmandinnen!

 

Es ist ein halbes Jahrhundert her, zumindest bei den Goldenen Konfirmanden und Konfirmandinnen, dass Sie hier in dieser Kirche eingesegnet wurden von Pfarrer Geißler.

1966 war das.

Vielleicht kommt es Ihnen, liebe Goldene Konfirmanden, ein wenig unglaublich vor, dass Ihre Konfirmation schon fünf Jahrzehnte zurückliegt. Vielleicht haben Sie noch wache Erinnerungen an diesen Tag: An den Gottesdienst und das Gefühl, das Sie bei Ihrem ersten Gang zum Abendmahl hatten? An die familiäre Feier zu Hause und an all die, die zu Ihrem Fest eingeladen waren? An die Umstände, die diesen Tag begleiteten?

Die eine oder andere Erinnerung wird sich gewiss in Ihr Bewusstsein drängen und diesen Tag wieder vor Ihrem inneren Auge erwachen lassen.

Aber auch zur Konfirmandenzeit selbst kommen Ihnen sicherlich Gedanken und Gefühle. An Pfarrer Geißler, an die Gruppe, an das leicht oder auch mühsam auswendig Gelernte – ist es noch abrufbar oder längst verblasst? Können sie noch das ein oder andere Lied oder den ein oder anderen Psalm?

War die Konfirmandenzeit eine interessante, eine schöne Zeit, oder waren Sie froh, sie hinter sich zu haben?

Das alles ist lange her, aber sicherlich nicht vergessen. Manches davon wird immer wieder einmal in das Heute mit hinein schwingen und heute ist ein Tag, der die Gelegenheit bietet, die Erinnerung wieder wachzurufen und sich auszutauschen und einander zu erzählen.

 

Ein solcher Tag gibt Anlass, in die Vergangenheit zu schauen. Fünf Jahrzehnte sind eine lange Wegstrecke - und bei den anderen Jubelkonfirmanden und -konfirmandinnen sind ja noch eine längere Wegstrecke und in Gänze kaum zu überblicken. Im Blick zurück verengt sich unsere Schau oft auf wenige Ereignisse, die unser Leben in besonderer Weise geprägt haben. Höhen und Tiefen haben Sie durchlaufen, schöne und schwere Stunden erlebt, gelacht und geweint, sich gefreut und getrauert, gezweifelt und gehofft.

Sie werden auch dies erfahren haben: Manchmal war Gott weit weg und Sie haben überhaupt nicht mehr mit ihm gerechnet. Die vielen Ereignisse in Ihrem Leben haben Gott verdeckt und verborgen gehalten, zumindest bei einigen von Ihnen.

Aber manchmal war er Ihnen auch wieder ganz nah. Sie haben gespürt, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als man sich vorstellen kann. So wechselhaft wie unser Leben mit seinen Aufs und Abs ist, so wechseln sich Glauben, Vertrauen und Anfragen und Zweifel bei uns ab.

 

Ein Tag wie heute der Tag der Jubelkonfirmation, ist ein Tag an dem Sie vielleicht auch so etwas wie Bilanz ziehen und fragen sich, wo es noch hingehen wird mit der eigenen Lebensreise und was wohl noch kommt? Und fragen sich: Was befürchte ich, was mir noch alles widerfahren könnte? Aber auch: Was wünsche ich mir? Wie will ich mein Leben noch gestalten -, sodass ich zufrieden, ja vielleicht sogar glücklich bin?

Was suche ich noch zu finden in meinem Leben? Bin ich überhaupt noch auf der Suche nach etwas?

 

Und das meint nicht unbedingt die Suche, wenn man oder frau nach dem Schlüssel sucht oder das Portemonnaie nicht findet oder die Brille verlegt hat. Das kennen Sie und das nimmt mit höherem Alter immer mehr zu, dieses Suchen nach etwas, das man/frau irgendwie verlegt hat.

Ja, da guckt man hier und sieht dort nach, kramt in Tasche, wühlt in Schränken, bis sich das Verlorene wieder findet - welch ein Glück dann!

Wir alle verbrauchen einen Teil unserer Zeit mit Suchen, der eine mehr, die andere weniger. Wir verbrauchen Zeit dafür. Suchen gehört zu unserem Leben dazu, es ist ein Teil unseres Lebens.

Dabei ist es keineswegs etwa nur ein Zeichen von schlechter Ordnung oder von nachlassendem Gedächtnis. Denn wir suchen ja nicht nur nach mehr oder weniger wichtigen Gegenständen, sondern noch nach sehr viel mehr.

Wir suchen in unserem Gedächtnis nach Dingen, die verschüttet gegangen sind und die wir vergessen haben.

Wir suchen in unseren Gedanken nach Menschen, die uns etwas bedeutet haben und deren Weg wir aus den Augen verloren haben.

Wir suchen einen echten Freund, eine treue Freundin.

Wir suchen nach dem richtigen Weg durch das Leben und ringen um die richtigen Entscheidungen.

Wir befinden uns auf der Suche nach dem Sinn von Sein und Zeit, nach dem Sinn von unserem Sein und unserer Zeit.

Ja, würde ich als Pfarrer sagen: Wir sind auf der Suche nach Gott.

Und dieses Suchen gehört zu jedem Leben dazu, ob jung, ob alt, ob hier oder in einem weit entfernten Land. Es ist nicht nur eine lästige Angelegenheit, die uns Lebens-Zeit, Leben raubt, sondern es ist Teil unseres Wesens, Teil unseres Menschseins, unserer Existenz. Wir sind Suchende!

Und so sollte es weniger Anlass zum Kopfschütteln geben, wenn jemand ständig etwas sucht, als wenn es Menschen gibt, die nie etwas verlieren, nie suchen müssen. Die gar nicht mehr oder noch nie auf der Suche waren.

 

Jesus erzählt uns in der Bibel dazu eine Geschichte, eine Suchgeschichte. Im Lukasevangelium im 15. Kapitel heißt es:

8 Oder nehmt ein anderes Beispiel: Eine Frau hat zehn Silbermünzen gespart. Als ihr eines Tages eine fehlt, zündet sie sofort eine Lampe an, stellt das ganze Haus auf den Kopf und sucht in allen Ecken.

9 Endlich hat sie die Münze gefunden. Sie ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und erzählt: 'Ich habe mein Geld wieder! Freut euch mit mir!'

10 Genau so freuen sich auch die Engel Gottes, wenn ein einziger Sünder zu Gott umkehrt.

 

Diese kurze Erzählung Jesu ist die Geschichte einer namenlosen Frau. Namenlos vielleicht, weil sie für viele, für unzählige stehen soll. Einen Silbergroschen hat sie verloren, einen von zehn, und das ist für damalige Verhältnisse schon sehr viel. Im Übrigen ist es erstaunlich, dass sie überhaupt Geld besitzt. Denn das Geld hatten und verwalteten die Männer - damals jedenfalls. Zehn Silbergroschen, das ist ein Schatz, vielleicht Teil ihres Brautschatzes, ihrer Aussteuer. Jedenfalls besitzt sie etwas Ungewöhnliches, für sie sehr Kostbares. Das ist wichtig: Sie hat etwas. Sie hat etwas sehr Wertvolles im Leben. Sie hat einen Schatz, der ihr mitgegeben ist, eine Gabe, die ihre eigene ist und die sie verwaltet.

 

Was gibt es für Schätze in unserem Leben? Was sind die Gaben, mit denen wir ausgestattet sind und die wir verwalten? Es ist doch so, dass jeder Mensch eine Mitgift besitzt wie diese Frau, Gaben, die wir mitbekommen haben auf unserem Lebensweg. Fähigkeiten, Talente, einen Schatz von Menschlichkeit, so hoffe ich doch.

Also: Was sind die Gaben, mit denen wir, jede, jeder einzelne, ausgestattet sind? Und haben wir nicht allen Grund, uns darauf zu besinnen, wie reich ausgestattet wir eigentlich sind; haben wir nicht auch Grund, dankbar zu sein, dass das für alle Menschen gilt? Dass jede, jeder von uns mit Gaben versehen, also be-gabt ist? Was ist geworden mit diesem unserem Schatz im Laufe unseres bisherigen Lebens? Was haben wir daraus gemacht in fünfzig, siebzig oder mehr Jahren unseres Lebens?

 

Der Frau in unserer Geschichte ist etwas verlorengegangen. Verschüttgegangen. Im Laufe der Zeit, im Laufe eines Lebens kann ja so manches abhanden kommen. Da können Fähigkeiten verschüttgehen, ein unwiderstehliches Lachen kann verstummen, die Unbeschwertheit, die Leichtigkeit der Jugend, so fern sie einmal da war. Wir können die Spuren eines Menschen aus den Augen verlieren, ja wir können einen Menschen ganz verlieren. Wir können die Orientierung verlieren auf den Wegen durch die Zeit. Manchmal kann auch der Sinn abhanden kommen, der Sinn unseres eigenen Daseins, und wir verlieren uns selbst.

Erfahrungen, die Sie die Jubelkonfirmanden und-konfirmandinnen, vielleicht kennen aus Ihrem Leben.

 

Die Frau in unserer Geschichte merkt, dass ihr etwas fehlt. Das ist ganz wichtig. Denn das gibt es ja auch: dass Menschen gar nicht merken oder merken wollen, dass ihnen etwas Wesentliches verlorengegangen ist in ihrem Leben.

Diese Frau aber bemerkt den Verlust. Und sie wird aktiv. Sie begibt sich auf die Suche. Und sie sucht mit allen Fasern ihres Selbst. Sie geht in ihr Haus, geht in sich selbst. Ihr ganzes Haus kehrt sie um, ihr ganzes Leben. Sie sucht nicht nur, sie
i s t das Suchen, so scheint es.

Suchen heißt: Einkehr halten. Rückschau halten. Sich erinnern. Genau hinschauen. Genau hören. Darüber nachsinnen, welche Wege ich, welche Wege die anderen gegangen sind und welche geraden, welche verschlungenen Wege, welche Um- und Irrwege wir genommen haben.

Suchen heißt auch: darüber nachdenken, was aus mir, was aus den anderen geworden ist. Das kann manchmal schmerzlich sein. Es tut weh zu merken: Ich habe etwas verloren. Ich habe sehr viel verloren. Manchmal ist es etwas Unwiederbringliches. Aber Suchen heißt ja auch: Ausschau halten nach dem Verlorenen. Und Suchen wartet auf das Finden. Das Suchen birgt in sich die Verheißung des Findens. Der Schmerz über das Verlorene ist nur ein Durchgang, eine Station. Am Ende wartet die Freude, die Freude des Findens. Nicht immer, aber doch immer wieder. Und das ist ja der Trost und die Hoffnung, dass es ein Finden geben wird.

 

Die Freude des Findens will nicht allein bleiben. Sie will geteilt, will gefeiert werden. Die Frau in unserer Geschichte ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und lädt sie ein: „Freut euch mit mir, denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren habe." Sie geht nicht einfach zur Tagesordnung über. Nein. Sie freut sich, dass sie, die Suchende, zur Findenden geworden ist. Sie freut sich über die Entdeckung. Sie muss feiern, denn das Verlorene ist ans Licht gekommen. Sie teilt ihre Freude mit. Und so kommt sie ans Ziel: zum Fest. Denn das ist unser aller Ziel: das Fest des Lebens. Und Gott feiert mit!

Auch wir wollen heute feiern. Hier in der Kirche und Sie nachher beim Zusammensein in kleinerer und größerer Runde.

 

Ich wünsche Ihnen, dass es eine schöne Feier wird. Ein schöner Tag des Wiedersehens und Zusammenkommens.

Ein Tag an dem Sie auch spüren: Bei allem, was mir im Leben widerfahren ist, bei allem was ich erlebt habe, ich kann mit gutem Gewissen und frohen Herzen sagen:

Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit`, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen.

 

So wollen wir jetzt auch singen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Evangelische Kirchengemeinde Gensingen-Grolsheim

Gemeindebüro

Bahnhofstraße 16

55457 Gensingen

Pfarramt

Kirchgasse 2

55457 Gensingen

 

Pfarrer Markus Weickardt

Telefon: +49 6727-892800

Mail: mmweickardt@web.de

Telefon:+49 6727 264

Fax: +49 6727-95670

Mail: ev.kirchengemeinde.gensingen@ekhn-net.de

Öffnungszeiten:

Dienstags von 9.00 - 12.00 Uhr

Mittwochs von 15.00 - 17.00 Uhr

Donnerstags von 9.00 - 12.00 Uhr und 14.00 - 16.30 Uhr

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