Evangelische Kirchengemeinde Gensingen/Grolsheim
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Archiv Predigten 

Predigt Silvester 2016 über Jesaja 30,15-17

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute können wir in dieser ruhigen Stunde dem nachsinnen, wie das vergangene Jahr gelaufen ist.

Was ist gelungen? Was ging eher daneben?

Worüber freue ich mich und was tut immer noch weh?

Ich wünsche Ihnen, dass so eine Bilanz bei Ihnen einigermaßen ausgeglichen ist. Und dass Sie mit gutem neuen Mut in das neue Jahr gehen können.

An so einer Zeitenwende mischen sich ja unweigerlich unter die Gedanken der Rückschau auch gleich Fragen wie:

Was wird das nächste Jahr bringen? Was will ich nächstes Jahr besser machen? Was hat sich bewährt und will ich beibehalten?

In diese Gedanken hinein, spricht der für heute Silvesterabend 2016 vorgeschlagene Predigttext. Es sind alte Worte eines Propheten, ca. 2700 Jahre alt. Worte des Propheten Jesaja.

Ich lese aus dem 30. Kapitel seines Prophetenbuches:

15 So spricht der Herr, der heilige Gott Israels: Kehrt doch um zu mir, und werdet ruhig, dann werdet ihr gerettet! Vertraut mir, und habt Geduld, dann seid ihr stark! Doch das wollt ihr nicht.

16 Ihr prahlt: 'Wir haben gute und schnelle Pferde, wir bringen uns rechtzeitig in Sicherheit.' Jawohl - ihr werdet fliehen, aber eure Verfolger bleiben euch auf den Fersen!

17 Ein einziger von ihnen schlägt tausend von euch in die Flucht; und wenn nur fünf euch angreifen, dann lauft ihr alle schon davon. Zuletzt bleibt nur ein kleines Häufchen von euch übrig, einsam und verlassen wie eine Fahnenstange auf der Bergspitze.

 

Diese Sätze sind nicht angenehm zu hören. Das hat Jesaja auch selbst gemerkt, als er sie den Menschen in Israel entgegenschleuderte. Propheten sind ja selten angenehme Zeitgenossen. Zu einer Silvester-Party würde man sie besser nicht einladen. Sie verderben leicht die Stimmung und die Feierlaune mit ihren wenig erfreulichen Worten.

Aber noch sind wir nicht auf der Party. So ist doch noch Zeit, auf ihn zu hören.

(…) werdet ruhig, dann werdet ihr gerettet! Vertraut mir, und habt Geduld, dann seid ihr stark!

Eine eigenartige Behauptung. Stark wird man doch durch Training etwa im Fitness-Studio, aber nicht, wenn man die Hände in den Schoß legt und nur Geduld übt.

 

Zur Zeit dieses Propheten gab es einen politischen Streit. Stark sein und stark werden war in Israel ein Dauerthema. Israel war immer ein kleiner Staat. Selten konnte er Stärke nach außen zeigen. Meistens war er zusammen mit den anderen Kleinstaaten in der Gegend ein Spielball der Großmächte Babylonien und Assyrien im Norden und Ägypten im Süden.

Ein Land im Spannungsfeld vieler Kräfte, damals wie heute.

An der Spitze ein König, der es leid war, mit seinem Volk immer Opfer zu sein, der den großen Befreiungsschlag plante, der alle diplomatischen und militärischen Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um die ungeliebten Feinde aus dem Norden, die Assyrer loszuwerden. Sein Plan: ein Bündnis mit den starken Ägyptern, deren Schutz man sich teuer erkaufen wollte, dazu moderne Waffen in der eigenen Hand, eine bewegliche Kavallerie, eine Kriegsmacht, mit der er den Gegner überraschen und überrennen wollte. So wollte er es machen - das ganz große Rad drehen - und sich dann als Sieger feiern lassen.

Eine einmalige Chance. Die Massen waren begeistert.

Die Stimmung wäre vollkommen gewesen, wenn nun auch noch ein Mann Gottes vollmächtig die Begeisterung angefeuert hätte mit einer Prophezeiung direkt von Gott selbst.

Und dann kommt da dieser Jesaja und macht die großen Ideen klein und schlecht: Diese Pläne seien gottlose Pläne, wettert er, dieses Bündnis ein geistloses Bündnis, der Zug unter die Fittiche des Pharaos ein Zug ins Verderben, denn sie hätten den Herrn nicht befragt. Ohne Befragen des Herrn bringt aber kein Bündnis Glück, da erwachse weder Hilfe noch Nutz, einzig Schande und Spott.

Jesaja aber galt als Querulant, und welcher Mächtige auf Kriegspfad hört schon gerne einem Querulanten zu. Also verklang dessen Warnung ungehört.

 

Nach diesen Drohungen besinnt sich Jesaja und sagt einen Satz, der dieses kleine Stück Literatur berühmt gemacht hat: Kehrt doch um zu mir, und werdet ruhig, dann werdet ihr gerettet! Vertraut mir, und habt Geduld, dann seid ihr stark!

In der Tat ein starker Satz: durch Ruhig werden und Vertrauen stark sein.

Jesaja scheint selbst nicht daran zu glauben, dass die Judäer diesen Satz ernst nehmen, denn er ist sofort danach wieder bei seiner Wut über deren gottloses Kriegstreiben und warnt davor, wie Judas Kriegsrennpferde vom Gegner überrannt werden und wie die doch so hoffnungsvolle Streitmacht hoffnungslos untergeht, bis am Ende nur noch ein kläglicher Rest bleibt. Eine Schande, schreibt Jesaja, und vor allem so unnötig, denn:

Umkehren, Ruhig werden und Vertrauen, das führt zur Stärke.

So einfach. Keine Streitrösser, keine Militärbündnisse. Ruhig werden und vertrauen. Das macht stark.

 

Wenn sich eine Gemeinschaft vornimmt, groß und stark zu werden und Macht nach außen zu zeigen, dann ist Gefahr und Unheil im Verzug. Wir wissen nicht, was Trumps Wahlkampfmotto „Make America great again!“ nun bald genau für die Welt und sein Land bedeuten. Nach allem was sich jetzt abzeichnet, ist nichts Gutes zu befürchten. Er will sein Land groß und stark machen auf Kosten anderer Länder. Er will Mauern bauen lassen und die Ärmsten sich selbst überlassen und der Wirtschaft nach den Katastrophen der letzten Zeit frei Hand lassen. Er will die Mühen den Klimawandel einzudämmen, stoppen und sucht die einfachen, die ganz einfachen Lösungen in einer schwierigen und komplizierten Welt.

Was ein Jesaja wohl dazu sagen würde?

Ich kann es mir vorstellen, Sie sich vielleicht ja auch.

Die Menschen, mit denen es der Prophet Jesaia zu tun hatte, die wollten gern den Segen Gottes für ihre hochfliegenden Pläne. Stattdessen hörten sie diese schauerliche Aussicht: Nichts wird von euch übrigbleiben, grad so viel wie eine zerfledderte einsame Fahne auf einem Stecken, grad so viel, wie wenn ein Tonkrug in tausend Scherben zerdeppert ist.

So zeichnet der politische Prophet Jesaja ein Gegenbild zur Gesellschaft von damals; und er trifft damit auch die gesellschaftliche Realität von heute.

Nichtsdestoweniger sind wir natürlich frei, an einem Tag wie dem heutigen dieses Jesajawort auch ganz privat für uns zu bedenken.

Was heißt es, dieses Ruhig werden und Vertrauen haben für mich persönlich? Welche Erfahrungen des letzten Jahres dröhnen mir noch in den Ohren, weil sie laut waren, mich unruhig gemacht haben, mich hoffnungslos zurückgelassen haben? Wo war ich schwach, ohnmächtig, habe mich verlassen gefühlt?

Dieser Abend steht ja in einer merkwürdigen Spannung zwischen der Ruhe der Tage „zwischen den Jahren“ und der Silvesterknallerei, die uns gleich erwartet.

In einer Spannung zwischen der Bilanz unseres persönlichen letzten Jahres, des Eingeständnisses auch unserer Fehler und Schwachheit, und Gottes neuer Hoffnung aus dieser Stille.

Die mag sich dann in guten Vorsätzen oder sonst wie niederschlagen, allein: ohne Hoffnung und Zuversicht werden diese Vorsätze uns nicht weit tragen.

Wir brauchen Ruhe und Stärke im neuen Jahr, damit wir uns nicht mitreißen lassen von Hass und damit Schaden nehmen in unserem Innersten. Wir haben dabei einen Helfer. Er stellt uns ein kostbares Geschenk in Aussicht.

In der Jahreslosung für das neue Jahr ist es angekündigt, die da lautet: Gott sagt: „Ich schenke euch ein neues Herz, und lege einen neuen Geist in euch.“

Ich nehme an, es wird ein Herz sein, das nicht verzagt, und ein Geist, der klug genug ist, mit Gott zu rechnen und nicht nur mit selbst.

Das wünsche ich Ihnen und natürlich auch mir für das kommende Jahr.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigt über Nancy Fouts Bild „Everlast“ am Karfreitag 14.04.2017 

 

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

2001 erhielt er von Bundespräsident Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz: Die Auszeichnung gelte „allen Vorbildern, die das Leben anderer ein Stück besser gemacht haben“, sagte Rau bei seiner Laudatiorede in Schloss Bellevue. Nach dem Ende seiner sportlichen Karriere gründete er eine Stiftung. Unter dem Motto „Faire Chancen für junge Menschen“ fördert seine Stiftung Projekte, die benachteiligten jungen Leuten neue Perspektiven eröffnen wollen. Weil er 1964 in der DDR geboren wurde, nach der Wende in den Profisport wechselte und von 1993 an zehnmal Weltmeister im Halbschwergewicht wurde, galt er lange Zeit als eine Leitfigur des wiedervereinigten Deutschlands in Sachen Boxsport. Die Rede ist, Sie ahnen es längst, von Henry Maske. Viele Bilder zeigen Maske mit roten Boxhandschuhen. Nicht selten hat er am Ende eines Boxkampfes beide Arme in die Luft gestreckt und damit seinen Triumph ausgedrückt und nicht selten hat er dabei zwar triumphierend, aber erschöpft ausgesehen. Die roten Boxhandschuhe, die Anstrengungen des Kampfes und die Siegerpose der emporgestreckten Arme – im Boxsport gehören sie zusammen.

 

Boxhandschuhe und Jesus von Nazareth, liebe Gemeinde, gehören dagegen auf den ersten Blick gar nicht zusammen. Die Künstlerin Nancy Fouts hat Boxhandschuhe und den Mann aus Nazareth dennoch zusammengebracht.

Ihr Bild, das Sie vor Beginn des Gottesdienstes bekommen haben, zeigt einen Mann, dessen Körper gesund ist. Gut gebräunt steht er da. Der Körper ist nicht durchtrainiert wie der eines Boxers, aber muskulös wirkt er schon. Dass es sich um Jesus handelt, lässt sich vor allem am Kopf erkennen. Wie in unzähligen Darstellungen der Kreuzigung fällt der Kopf nach rechts, der Mund ist halb geöffnet und die Augen blicken ins Leere. Das Haar ist halb lang, Kinn und Wangen sind mit einem Vollbart bedeckt: Eine Jesus-Darstellung wie viele von uns sie kennen – aus Kirchen und Bibeln, aus Museen und von Altären. Was diesem Jesus allerdings fehlt, sind die Spuren der Folter und des Kreuzes. Es fehlt ihm die Dornenkrone; seine Seite ist nicht aufgerissen und Wundmale der Nägel an den Füßen hat er auch nicht. Lediglich der halb geöffnete Mund und die heraushängende Zunge erinnern an den Schwamm mit Essig, den man ihm reichte, bevor er sein Haupt neigte und starb.

Die nach oben gestreckten Arme erinnern zwar an die Kreuzigung – das Kreuz selbst aber ist nicht abgebildet. Und dort, wo klassische Jesusdarstellungen die an das Kreuz genagelten Hände zeigen, trägt dieser Jesus Boxhandschuhe. Dort, wo bei traditionellen Jesusbildern ein halb zerrissenes Tuch die Scham bedeckt, trägt dieser Jesus Boxershorts mit der Aufschrift „Everlast“ – eine verkürzte Form des englischen „everlasting“, das so viel wie „ewig“, „immerwährend“, „unvergänglich“ bedeutet. Die Boxershorts wirken dabei merkwürdig groß, zu groß für diesen Menschen.

 

„Everlast“ hat die Künstlerin ihre Skulptur genannt. Das Ewige, der unvergängliche Christus, der immerwährende Glaube an Tod und Auferstehung, der Gekreuzigte und doch Triumphierende; der Tote in der Siegerpose eines Boxers; der leidenden Christus, der im Sieg von Ostern schon eingekleidet ist. Everlasting.

 

Im 2. Korintherbrief 12,10 schreibt der Apostel Paulus: „Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Verzweiflung, in Not, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi Willen: denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“

Paulus ist sich sicher: Weil Christus mir im Glauben zu Hilfe kommt, kann ich guten Mutes sein auch dann, wenn ich schwach bin, wenn ich in Notlagen bin, wenn ich verfolgt oder in anderen schwierigen Situationen bin.

Denn gerade dann, wenn ich selbst schwach bin, macht mich mein Glaube, meine Hoffnung stark; macht es mich stark, wenn ich auf Christus schaue. Denn gerade als dieser am Kreuz am schwächsten war, lagen darin auch paradoxerweise Stärke und Triumph verborgen. Gerade als Christus sein Haupt neigte und verschied, lag darin auch Ewigkeit verborgen; lag darin die Siegerpose dessen, der über seine Gegner triumphiert und dadurch unvergänglich, unvergessen, ewig wurde. Everlasting.

 

Nicht jeder kann teilen, was Paulus hier beschreibt. Nicht jeder kann von sich behaupten, dass gerade in Zeiten der Not oder in schwierigen Lebensabschnitten, sich so etwas wie Stärke einstellte. Dass Menschen sich aber gelegentlich im Rückblick wundern, woher die Kraft gekommen ist, die schweren Tage durchzuhalten, in scheinbar aussichtslosen Situationen weiterzumachen, nicht den Kopf in den Sand zu stecken oderzu verzweifeln – davon habe ich schon viele berichten hören.

Und gar nicht so wenige sagen dann: Wenn ich meinen Glauben nicht gehabt hätte, wenn ich nicht bis zum Schluss gehofft hätte, dann hätte ich das nicht geschafft. „Niemals hätte ich gedacht, dass ich die Kraft für all dies finden würde. Niemals hätte ich gedacht, dass es doch weitergeht in dem Moment, wo ich selbst am schwächsten war.“

 

Henry Maske, zehnfacher Boxweltmeister, boxt nicht mehr. Stattdessen ist er nun als Referent gefragt. Große Firmen und Institutionen laden ihn ein zu referieren. Sein zentraler Satz lautet: „Wer ein klares Ziel vor Augen hat, der strauchelt nicht!“ Mit diesem Satz lädt er Menschen ein, zu reflektieren – über sich selbst und über ihre Karriere, heißt es auf seiner Internetseite. „Wer ein klares Ziel vor Augen hat, der strauchelt nicht!“ Ein Satz aus dem Stärke und Tatendrang sprechen. Der Wille, das Ziel zu erreichen, wird zum Garanten dafür, dass es nur vorwärts geht. Der Satz eines Siegers. Es ist ein Satz, von einem, der alles gegeben hat und der offensichtlich jede Schwäche in Stärke verwandeln konnte. Jedenfalls vor den Augen der Öffentlichkeit konnte er das. Wir Zuschauer haben ihn fast nur siegen gesehen. Sicher hat es auch dunkle Stunden in seinem Leben gegeben. Wir aber haben an seinen Triumphen Teil genommen.

„Wer ein klares Ziel vor Augen hat, der strauchelt nicht“, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Paulus meint, wenn er sagt: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark!“

Während Maske mit seinem Satz die Menschen dazu bewegen will, sich ganz auf sich selbst zu verlassen, zielorientiert nach vorne zu schauen und alle Kraft einzusetzen, das anvisierte Ziel auch zu erreichen, will Paulus ermutigen, sich an Christus zu orientieren. Paulus hat erfahren, dass ihm in Zeiten der Schwäche Kraft zugewachsen ist. Er hat erfahren, dass Kraft nicht nur eine Frage des Zieles und des Willens ist.

Stattdessen beschreibt er, dass gerade in seiner eigenen Schwäche Stärke verborgen lag, die von Gott gekommen ist. So versteht er es jedenfalls. Und er nimmt Christus selbst dafür als Beispiel: In der Tiefe des Kreuzes lag schon der Triumph der Auferstehung. In der Tiefe des Todes lag schon das Leben, das durch alle dunklen Stunden seinen Weg ans Licht gefunden hat.

Deshalb kann die Künstlerin Nancy Fouts ihrem Christus in der Haltung des Gekreuzigten die Boxerhandschuh anziehen und ihn so zugleich in eine Siegerhaltung bringen. Schwäche und Stärke – im gekreuzigten Christus liegen sie beisammen. Schwäche und Stärke liegen auch bei vielen von uns zusammen, wenn wir in dunklen Tagen zu Gott rufen und erfahren, dass es doch irgendwie weitergeht, es Halt gibt und neuen Mut.

 

Und eines noch zum Schluss: In den vielen verzweifelten, suchenden, hoffenden, harrenden Menschen, die in diesen Tagen in unser Land kommen, möchte ich Christus sehen: Christus, den Schwachen, den Gefolterten und Gekreuzigten – in jedem Schicksal, das mir in den Augen der Fremden begegnet, möchte ich Ihn, den Gekreuzigten sehen. Und ich möchte in den Augen der Fremden auch Christus sehen, der auferstanden ist, ich möchte in den suchenden und hoffenden Menschen den Mann in der Siegerpose sehen – und ich möchte mit den Menschen von Herzen hoffen, dass ihre Geschichte gut ausgeht.

Dass in ihrer Schwäche Gottes Stärke verborgen liegt.

Amen.

Predigt am Ostersonntag 23.4.2017

über „volle und leere Gräber“

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Reisende Touristen, Journalisten und andere haben es oft erlebt, beobachtet, beschrieben, fotografiert, veröffentlicht.

Was denn?

Nun, das große Schauspiel auf dem Roten Platz in Moskau. Eine schier endlose Schlange andächtiger Menschen aus allen Ecken der ehemaligen Sowjetunion, Arbeiter, Bauern, Männer und Frauen. Sie alle stehen Schlange vor dem berühmten Mausoleum. Von Zeit zu Zeit geht es ein Stück vorwärts. Sie werden irgendwann hineingelassen und stehen schließlich nach langem Warten vor einem gläsernen Sarg. Darinnen liegt Lenin, der große Vater der Revolution und erste Führer der Sowjetunion. Gerade so als ob er noch lebt und nur schläft. Einbalsamiert, auf lebend zurechtgemacht, mit einem großartigen „Make-up“. Es ist still, wie in einer Kirche. Die Menschen stehen andächtig – ehrfürchtig erschauernd vor einem Großen der Weltgeschichte.

 

Sie beten ihn quasi an. Sie sehen ein gefülltes Grab. Sie sehen einen Toten, der aussieht, als ob er lebe.

Selbst die westlichen Touristen sind stark beeindruckt. Nicht bloß von der Andacht, mit der täglich Tausende von Menschen dort vor dem Glassarg verharren. Nein, sie sind unmittelbar beeindruckt von dem, was sie sehen. Das ist doch etwas. Da sind die Männer, die Geschichte schrieben, sichtbar, greifbar, unmittelbar vor Augen. Da ist der Lenin im Mausoleum von Moskau. Da ist Karl der Große im Dom zu Aachen. Da ist Napoleon im Dom der Invaliden zu Paris. Da ist Friedrich der Große im Park des Schlosses Sanssouci. Da sind die englischen Könige in Westminster Abbey zu London. Da ist Tutanchamun im goldenen Sarg zu Kairo. Gefüllte Gräber, vor denen die Menschen staunend und ehrfürchtig stehen, das ist geschichtliche Größe. Aber ob im goldenen Sarg von Kairo oder im gläsernen Sarg mit großem Make-up wie Lenin in Moskau – der Tod und der Tote ist anschaulich präsent: Der Sarg ist voll. Die Lebenden sind gestorben, die Großen der Weltgeschichte sind tot.

Über diese Tatsache hilft keine Ausrede hinweg. Keine kunstvolle Einbalsamierung, keine goldene Maske á la Pharao Tutanchamun, kein Gerede etwa wie: Ihr lebt in euren Völkern, in euren Kindern, in euren Taten weiter.

Nichts hilft über die Tatsache hinweg, dass sie tot sind, ein für alle Mal tot. Denn ihre Gräber sind voll.

 

Schauen wir auf Jerusalem. Was passiert da gerade jetzt?

Die große Masse strömt durch das Damaskus-Tor in die Altstadt. Schweigend, manchmal auch klagend schreiten sie die Via Dolorosa entlang und treten endlich gesenkten Hauptes in die Grabeskirche. Sie knien schweigend dicht bei dicht in der großen Rundkirche vor dem Heiligen Grab. Choräle erklingen in der hohen Kuppel, Kerzen flackern, Gebete steigen auf. Und dann kommt der jubelnde Schrei aus vielen Hunderten von Mündern: Christ ist erstanden. Und das Grab, vor dem sie knien, ist: leer. Sie knien vor einem leeren Felsengrab, sie beten vor einem leeren Grab, sie glauben – ja, was denn – etwa an ein Nichts?

Nichts ist dort sichtbar als ein leeres Grab, ein Steinstück, welches ein Überrest sein soll von dem großen Rollstein, der einst das Grab verschloss. Und die Pilger erinnert sich vielleicht der Worte, welche die Frauen am ersten Ostermorgen sprachen: „Wer wälze uns den Stein von des Grabes Tür? Denn er war sehr groß.“

Ein leeres Grab, ein Stein davor, das ist das Osterheiligtum. Davor beten sie. Dahin wandern die Gedanken der Christen in aller Welt: in ein leeres Grab.

 

Moskau, Potsdam, Aachen, Paris, Kairo einerseits. Dort volle Gräber – Männer die Geschichte machten – nun aber tot – einbalsamiert – menschliche Konserven sozusagen. Eingeweckt in Steinsärgen, Goldsärgen, Glassärgen, Metallsärgen. Und andererseits – im Gegensatz dazu – Jerusalem – mit seinem leeren schlichten Felsengrab.

Auch dieses Grab war einmal voll. Der Rollstein war versiegelt, davor eine Wache. Damit wäre der Fall des gelehrten Juden Jesus von Nazareth abgeschlossen – für menschliche Begriffe. Aber dann machte Gott, der Allmächtige, Geschichte und bewies, dass für ihn der Fall Jesus von Nazareth keineswegs erledigt war. Er ließ den auferweckten Jesus aus dem Grab hervortreten.

 

Frauen fassen sich als Erste ein Herz und gehen – nachdem der Sabbat fertig war – zum Grab Jesu. Der Rollstein ist weggeschoben, das Grab leer. Völlig außer sich laufen sie zu den elf Jüngern zurück und berichten. Diese Männer aber sagen schlicht und einfach: Ihr spinnt alle miteinander. Erzählt uns doch keine frommen Märchen. Diese Männer sind zunächst skeptisch und ungläubig. Sie zweifeln an den Worten der Frauen. Der Zweifel ist absolut nichts Neues. Längst bevor wir zweifeln an dem Ostergeschehen, haben schon die Jünger Jesu gezweifelt, waren skeptisch. Aber, diese Jünger haben sich wenigstens die Mühe gemacht, das Zeugnis der anderen von der Auferstehung nachzuprüfen und sind glaubend geworden.

Bald ging der Ruf durch die Welt: Ohne Jesus Christus sind wir verloren. Durch ihn haben wir Anteil an der Heilung, am Heil, an Auferstehung und ewigen Leben. Gott ist allmächtig!

 

Im Bereich der Welt lebt man von der Vergangenheit, von den sogenannten großen Figuren, die Geschichte machten. Man lebt nach hinten orientiert, man schaut immer nach hinten, was einmal war. Diese Menschen stehen vor gefüllten Gräbern, vor den menschlichen Leichen in Glassärgen und verehren diese.

 

Wir Christen aber glauben und schauen auf das leere Grab in die Zukunft und auf die neue Welt Gottes, die wir alle erleben, wenn wir dem Wort Gottes trauen, das größer ist als alle unsere Vernunft.

Amen.

Predigt Rogate "Übers Beten" 21.05.2017

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und dem Herrn Jesus Christus.

Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute haben wir zwei Taufen im Gottesdienst erlebet. Wir haben Jonas und Maik Marvin getauft. Und wenn wir Taufen haben, dann kommen auch oft Kinder, größere und kleinere hier mit in die Kirche und auch oft Menschen, die sonst eher selten bis gar nicht in die Kirche gehen.

Für die ist das, was wir hier treiben im Gottesdienst doch ziemlich fremd. Die Gebete, die Lieder, die Lesungen unsere ganze Liturgie, wie wir den Ablauf des Gottesdienstes nennen.

Und ganz schwer tun sie sich häufig mit der Predigt, also damit, was ich jetzt tue, der Auslegung eines Textes aus der Bibel in unsere heutige Zeit und Sprache.

Ich gebe mir da immer alle Mühe, aber ich weiß auch, es ist nicht leicht da dem Pfarrer zu folgen, was und wie er das so sagt. Das ist oft ungewohnt, die Sprache, die Gedanken und vor allem ist es zu lang, sagen die meisten, die es nicht gewohnt sind. Warum redet der nur so viel und über so Sachen, die doch eigentlich schon lange her sind und ihn mehr interessieren, als einen selbst.

Deswegen bin ich in mich gegangen, habe mit mir gerungen und mich dann entschlossen heute eine Kurzpredigt zu halten. Kürzer und knapper als sonst, aber deswegen nicht mit weniger Inhalt.

Ich habe mich entschieden mich auf den Wochenspruch zur Rogate, wie eingangs schon erwähnt, übersetzt aus dem lateinischen bedeutet das: Betet!, zu beschränken.

Er steht im 66. Psalm, Vers 20 und lautet:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht ver­wirft noch seine Güte von mir wendet.

 

Einer verbreiteten Redewendung zufolge hilft ja manchmal nur noch „Beten“. Das sagt man, wenn man sonst nicht mehr weiter weiß, die Möglichkeiten des eigenen Handelns ausgeschöpft sind und man nur noch hoffen kann, dass sich alles doch noch zum Guten wendet.

So was gibt es, diese Erfahrung, dass dann im Gebet Hoffnung und auch Kraft liegt. Gut so!

Aber ich sage mal ganz provozie­rend, ich glaube nicht, dass Beten so jemals gehol­fen hat. Jedenfalls nicht so, wie es sich viele Menschen nett, aber etwas naiv vorstellen: Man muss nur „richtig“, d.h. dann wohl in­ständig, heftig, beharrlich genug beten, und dann wird Gott einen schon erhören und es richten.

Wenn man diese Logik umkehrt, dann wäre die Beterin oder der Beter nämlich selbst schuld, wenn das Anliegen ihres, seines Gebetes nicht erfüllt würde: Er/Sie hätte dann „falsch“ ge­betet, eben nicht inständig, nicht beharrlich genug.

Ein Gott, der auf solche Gebete reagierte, sich auf solches Beten ein­ließe, wäre mir sehr suspekt. Er wäre abhängig von unseren Gebeten und nicht allmächtig und frei in seinen Entscheidungen. Es wäre ein „magischer“ Gott, einen, der wir durch unsere Handlungen beeinflussen könnten, der sich auf kindliche Tauschrituale ein­ließe und dessen Handeln vom Menschen abhinge.

Und ich, als Betender, hätte ihn gewissermaßen „in der Hand“: Ich könnte ihm durch „richtiges“ Beten die Erfüllung meiner Wün­sche abtrotzen.

Ein schöner Gott wäre das, und zugleich eine trostlose Perspektive für uns Menschen: Es hängt dann doch wieder alles an mir - ich muss auch im Gebet das richtige Leisten, sonst erhört mein Gott mich nicht. Dabei hat er doch schon ganz im Vorherein, bei der Taufe mir zugesagt, dass er mich annimmt, mich liebt, sein Gnade mir schenkt, mich erhört. Allerdings nicht immer so wie ich will, sondern nach seinem eigenen Verständnis und Tun, das mir manchmal so fremd und unverständlich erscheint.

Fromme Menschen, die mir raten, ich müsse nur richtig beten, helfen und trösten mich nicht, sondern machen mir Angst. Wenn ich irgendwo aus dem Leistungsdruck, aus dem Optimierungswahn aussteigen kann, dem ich mich in so vielen Bereichen meines Alltages stellen muss, dann doch im Glauben. Und im Gebet!

 

Aber: Wenn ich ehrlich bin, glaube ich auch nicht, dass Beten nichts hilft. Ganz und gar nicht. Da wäre ich ja auch ein schöner Pfarrer, der seiner Gemeinde sagt: Lasst das mit dem Beten, es bringt eh nichts.

„Beten heißt, große Wünsche zu haben“, so habe ich einmal gelesen und es mir gemerkt. Ich denke nicht nur große, sondern auch kleine Wünsche. Nur wer überhaupt noch Wünsche hat, ist noch nicht fertig mit sich und der Welt. Wer noch Fragen hat, sich nicht abfindet damit, dass vieles so ist, wie es ist, und dass vieles so bleiben soll, wie es angeblich immer schon war, wer nicht einverstanden ist mit der Ungerechtigkeit um ihn herum, der ist noch lebendig.

 

Beten kann vieles sein: Lob, Dank, Klage, Fluch, Zweifel, Jubel aber immer zeigt es: Mir ist nicht gleichgültig, was mit mir, und anderen ge­schieht. Im Gebet behalte ich diese Haltung nicht bei mir, son­dern spreche sie aus. Damit ist das Unglück noch nicht besei­tigt und das Glück nicht ausgebrochen. Aber ich habe mein Verhältnis zu dem, was mich bewegt, versucht zu klären. Ich habe es ausgespro­chen, bewusst gemacht.

Beten verändert nicht die Welt, son­dern, die, die beten.

Auf diese Weise hilft es eben doch. Aber anders, als viele oft meinen.

Gott erfüllt nicht all unsere Wünsche, aber all seine Verheißungen, hat Dietrich Bonhoeffer einmal geschrieben. Dafür kann man ihm danken, ihn loben; darauf kann man sich verlas­sen, deshalb kann man und soll man auch ruhig beten. Sollte es das sein, was der Beter des 66. Psalms meint, aus dem der Wochenspruch stammt: Gelobt sie Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

 

Und eines noch für die Tauffamilien. Beten kann man einüben, sollte man einüben. Ich habe den Taufunterlagen, ein kleines Heftchen mit Kindergebeten beigelegt. Wir tun das immer bei Taufen.

Ihr könnt ja heute Abend am Tauftag von Jonas und Maik, wenn Ihr sie ins Bett bringt, mal das Heftchen aufschlagen und ein Gebet daraus sprechen Noch sind die beiden zu klein, um zu verstehen, was ihr sagen, beten werdet. Aber sie werden sich an das Ritual gewöhnen, Ihr vielleicht auch. Und dann seid Ihr Betende, vereint im Gebet, Eltern, Großeltern, Paten, Patin und die Kleinen frisch Getauften. Das ist ein guter Anfang.

So kann es weiter gehen. Ohne Zwang, frei im Vertrauen auf unseren Gott, der es sehr gut mit uns und mit Jonas und Maik meint.

Amen

 

Predigt vom 24.6.2016 Verabschiedung Anika Rehorn und Einführung des neuen Konfirmandenjahrganges

Der Herr ist mein Hirte – Predigt zu Psalm 23 –
Vikarin Anika Rehorn

 

Fast alle kennen diesen Psalm. In Gottesdiensten und Ansprachen kommt er häufig vor, im Konfi-Unterricht wird er bis heute auswendig gelernt, das war schon bei mir so, bei meinen Eltern und bei meinen Großeltern. Das Bild des Hirten ist einprägsam und irgendwie auch schön.

Es ist auch eines der häufigsten Vergleiche in der Bibel, wir die Schafsherde und Gott der Hirte. Auch Jesus hat von sich gesagt: ich bin der gute Hirte. Und das Wort Pastor, wie ja Pfarrer auch genannt werden bedeutet auch Hirte.

 

Das der Vergleich mit Schafen und Hirte so häufig in der Bibel vorkommt, rührt daher, dass jeder etwas damit anfangen konnte. Hirte war ein wichtiger und häufiger Beruf in Israel. Da wusste jeder etwas mit anzufangen.

Heut zu Tage wäre das so wie eine Fußball-Metapher einbauen. Wenn ich sage: Erleichterung ist, wenn Götze in der vorletzten Minute doch noch ein Tor schießt! Dann können sich fast alle bildlich vorstellen, was gemeint ist.

Da das Bild mit dem Hirten und den Schafen für uns alle nicht mehr so geläufig ist, benötige ich heute ein bisschen ihre Vorstellungskraft. Zumindest für die Zeit des Gottesdienstes. Nachher können sie sich dann noch ganz direkt mit dem Schäfer unterhalten und die Schafe beobachten.

 

Wir müssen uns zunächst also mal in so ein Schaf hineinversetzen. Denn das ist ja die Perspektive, die wir brauchen.

Ach das wäre doch nicht so schlecht: ich wollt ich wär ein Schaf! Die fressen sich morgens den Bauch voll und dann legen sie sich mittags auf die Wiese und käuen alles wider. Das ist doch ein Leben!

Schafe sind sehr nützlich, denn sie können Milch geben und Wolle.

Doch Schafe gelten auch als sehr wehrlos, sie können sich selbst nicht gegen Feinde wehren. Sie haben weder große Klauen, noch Reißzähne, ein paar haben wenigstens Hörner, aber auch nicht alle.

Schafe, sie sind Herdentiere. Sie bleiben zusammen in der Gruppe. Es gibt zwar auch immer mal Ausreißer, aber in der Regel sind sie eine Gemeinschaft.

Sie brauchen einander, aber vor allem brauchen sie jemanden, der diese Herde leitet, führt und sich um sie sorgt. Die meisten Schafe sind ohne Hirten ziemlich aufgeschmissen. Sie verirren oder verlaufen sich alleine.

Kommen wir also nun zum Hirten:

Ein Hirte, das stellen wir uns irgendwie schön und romantisch vor. Aber das ist ein harter Beruf. Hirten brauchen eine gute Kenntnis von der Umgebung und von den Pflanzen, die die Schafe fressen können. Hirten zur damaligen Zeit blieben bei ihrer Herde, auch in der Nacht. Sie mussten gegen Wölfe und wilde Tiere kämpfen und die Schafe verteidigen. Hirten müssen mutig und stark sein. Sie haben einen Stab, mit dem sie gegen Tiere kämpfen können, aber mit dem sie auch die Schafe auf dem richtigen Weg leiten können oder auch mal ein verlorenen Schaf einfangen können. Der Hirte, er sorgt sich rundum für seine Schafe, sie sind ihm das wichtigste!

Aus diesem Blickwinkel müssen wir unseren Psalm verstehen.

Aus der Sicht des Schafes, ist der Hirte die wichtigste Person. Er ist der Beschützer, der Leiter, der es führt und der auf es aufpasst. Das Schaf vertraut darauf, dass der Hirte immer das Beste für die Schafe will und daher folgt es ihm, denn es weiß, wo der Hirte hingeht kommen wir zu Wiesen und Wasser.

 

Schafe und ihr Hirte - Nun müssen wir zu unserem inneren Bild noch die Landschaft einfügen.

Er weidet mich auf einer grünen Aue.

Bei diesem Vers haben wir häufig so eine schöne saftig grüne Wiese im Kopf, leichte Hügel, im Hintergrund erstrecken sich vielleicht ein paar Berge. Ich würde wohl eine Allgäu-Postkarte für die Illustration verwenden.

Doch muss ich ihnen sagen, dass der Ursprung des Verses mit dem Allgäu recht wenig zu tun hat. Ich habe einen völlig neuen Blickwinkel auf den Psalm bekommen, als ich vor einigen Jahren mit meiner Familie in Israel war.

Dort sind wir an einem Tag durch die Steppe gewandert. Und mit Steppe meine ich eine graue wüstenähnliche Landschaft. Da war harter, staubiger Boden. Da gab es keine saftige Wiese, kaum Wasser, keine idyllischen Hügel, keine frische Brise. Die Sonne brannte von oben herunter. Es war einfach nur heiß und trocken und es sah alles gleich aus, soweit das Auge blicken konnte. Wenn wir keinen Wanderführer gehabt hätten, der uns sicher zu einer Oase gebracht hat, wir wären völlig ziellos in der Wüste gewesen. Das ist die Umgebung, die wir uns bei diesen Versen vorstellen müssen.

In dieser Umgebung, in der der Psalm ja tatsächlich geschrieben wurde, bekommen die Sätze nochmal einen anderen Klang. Dann ist es nicht mehr nur das romatisch/idyllische Gedicht. Sondern es ist ein wahrer Lebenspsalm.

Denn es geht ums unterwegs Sein. Der Hirte zieht von Ort zu Ort mit seinen Schafen. Auf der Suche nach Glück, nach Zufriedenheit, nach Sättigung.

Und auf diesem Weg gibt es saftige Wiesen und dunkle Täler. Reich gedeckte Tische und unangenehme Feinde. So wie in unserem Leben. Aber Gott, unser Hirte ist dabei und solange wir von ihm geführt werden und in seiner liebevollen Nähe bleiben, sind wir auf dem richtigen Weg. Der Psalm handelt von Vertrauen, vertrauen darauf, dass unser Leben und diese Welt geführt und geleitet werden von einem liebenden und guten Gott. Auch oder gerade, in den Momenten, in denen wir das nicht direkt entdecken. Auch oder gerade in der dürren Steppe. Denn mit dem, was wir jetzt alles über den Psalm wissen, klingt er so:

 

Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer  grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele.

 

Gott ist mein Beschützer.

Auch in der Wüste wird mir nichts fehlen.

Denn mein guter Hirte führt mich immer wieder zu frischem Wasser.

Er weidet mich auf grünen Auen, auch wenn ich diese in meinem Leben gerade nicht sehen kann. So weiß ich doch, er versorgt mich mit allem, was ich für mein Leben brauche. Sogar noch mehr: Er will nicht nur, dass es mir körperlich gut geht, sondern dass auch meine Seele, mein Geist zur Ruhe kommt und erfrischt wird. Ich kann durchatmen und weiß, dass alles gut wird, solange ich in seiner Nähe bin.

           

Er führt mich auf rechter Straße, um seines Namens willen.

Er führt mich auf dem richtigen Weg, dabei kann ich nicht mal unterscheiden, welcher Weg richtig oder falsch ist. Für mich sehen die Wege alle ziemlich ähnlich aus. Wenn ich nicht weiter weiß, dann vertraue ich darauf, dass er den Weg kennt und kann daher ganz beruhigt hinter her gehen. Denn ich weiß, mir kann gar nichts passieren. Denn sein ganzes Wesen ist Liebe.

 

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück,  denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.      

Dass mein Hirte den rechten Weg kennt bedeutet nicht, dass unser Weg immer nur schön und angenehm ist. Oh nein, auch die tiefen Täler habe ich schon kennen gelernt in meinem Leben. Ja manche davon waren sehr tief und dunkel. Das Leben führt nicht immer nur bergauf zur nächsten Weide.

Aber weil mein Hirte da ist, weiß ich, dass das dunkle Tal ein Ende hat. Ich muss vor der Zukunft keine Angst haben oder mir Sorgen machen. Denn Gott ist immer da. Er leitet mich und wird mich verteidigen gegen alles, was mir den Lebensmut nehmen will. Es wird mir rundum gut gehen, wenn ich meinem Hirte folge, genau deswegen tue ich es. Auch wenn es manchmal schwer fällt, ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann.

 

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.

Nur das Beste will Gott für mich. Wenn ich verloren gehe, dann sucht er mich bis er mich gefunden hat und dann gibt es ein großes Fest! Kein Mensch und keine Gefahren können mich von ihm trennen! Bei ihm kommt es nicht darauf an, wie viel ich leiste oder ob ich auch mal versage. Es kommt auch nicht darauf an, was alle anderen von mir denken. Gott ist auf meiner Seite.

 

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Denn sein Weg lohnt sich. In der Spur meines Hirten kann ich den Weg in Freiheit gehen. Der Weg auf dem mir Gutes geschieht und ich Angenommensein, Liebe und Vergebung erfahren darf.

Der Weg, der mich in Gottes Nähe, in sein Haus führt. In seiner Nähe will ich bleiben. Nichts kann mich trennen von Gottes Liebe. Er ist bei mir und ich bei ihm. Für immer.

Predigt Christi Himmelfahrt am 25.5.2017
über das Kirchentagsmotto 2017
„Du siehst mich an!“

 

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Liebe Gemeinde hier im Park am Mäuseturm!

 

„Du siehst mich“ – das ist das Motto des evangelischen Kirchentags, der seit gestern in Berlin und in mehreren Städten auf dem Weg stattfindet. Zigtausende sind zu den verschiedenen Veranstaltungen zusammengekommen und haben über den Glauben nachgedacht, diskutiert und Gottesdienste gefeiert. Am Sonntag wird der Abschlussgottesdienst gefeiert. Mehr als hunderttausend Menschen werden dazu in Wittenberg erwartet und noch viel mehr verfolgen den Gottesdienst am Bildschirm.

Wir sind heute hier auch in stattlicher Zahl im Park am Mäuseturm zusammengekommen, in dieser so einmaligen und landschaftlich reizvollen Umgebung, um unseren Christi Himmelfahrt Gottesdienst als Evangelische Gemeinden in der Region zusammen zu feiern. Auch uns gilt heute wie an jedem Tag das Motto des Kirchentags: Du siehst mich. Die Vorbereitungsgruppe war der Meinung: Das ist auch ein gutes Motto für diesen Gottesdienstes an Christi Himmelfahrt: Du siehst mich.

Im Jahr 2015 Samstag hat das Präsidium des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages über eine Handvoll Bibelverse diskutiert, die eine Exegese-Gruppe als mögliche Losungen vorgeschlagen hatte. Dabei wurde überlegt, welcher Vers am besten zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen passt. Per Abstimmung hat sich das Präsidium schließlich mit breiter Mehrheit für Du siehst mich entschieden. 2015.

 

Tag für Tag werden uns unzählige Bilder präsentiert. Fernsehen, Computer und Smartphone lassen in schneller Folge immer neue Bilder an unseren Augen vorbeiziehen – Bilder aus dem privaten Umfeld ebenso wie Bilder vom Weltgeschehen, furchtbare Bilder einerseits (Manchester), aber auch schöne, erfreuliche. Filmszenen wechseln in neuen Filmen viel häufiger als früher, die Schnitte sind rascher, härter.

Selbst in Sendungen für Kinder dauert kaum eine Einstellung länger als eine Minute. Wir leben in einem visuellen Zeitalter, heißt das dann wissenschaftlich. Doch ich habe den Eindruck: Es sind viel mehr Bilder, als wir wirklich sehen und verarbeiten können, und am Ende nehmen wir vielleicht trotz aller Masse und Vielfalt weniger wahr als Menschen frühere Generationen.

Ich fand es bezeichnend, dass die Entwickler und Betreiber von Snapchat, einen Bilderversendeprogramm für Smartphone, Tablet und PC einen der erfolgreichsten Börsengänge der letzten Jahre hingelegt haben, weil sie anscheinend mit ihrem Angebot einen Nerv getroffen haben. Das besondere an Snapchat ist unter anderem, dass die damit versandten Bilder nur zwischen einer und 10 Sekunden sichtbar sind, dann löschen sie sich automatisch.

Du siehst mich an - aber nur ganz kurz. Für mehr ist keine Zeit mehr, für länger keine Geduld, für dauerhaft kein Bedarf.

 

Lange ansehen ist heutzutage eher ungewohnt. Wir haben das Zeitalter des kurzen Blicks, so scheint es.

Ja, wenn wir mal in den Himmel schauen, die Wolken vorüberziehen lassen, oder das schöne Rheintal da hinunterschauen, da kann unser Blick mal länger verweilen.

 

Ich hatte heute mit Ihnen eigentlich ein Experiment vor. Ich wollte Sie bitten, dass Sie ihrem Nachbarn oder der Nachbarin neben Ihnen oder vor oder hinter Ihnen eine Minute mal direkt ins Gesicht schauen und umgekehrt.

Es sehr ungewohnt, einen anderen Menschen in Ruhe eine Minute lang anzusehen. Das kann durchaus verstören, denjenigen der schaut und denjenigen, der angeschaut wird.

Und verstören wollte ich heute nun niemanden und wer weiß, was für eine Dynamik die ganze lange Blickerei ausgelöst hätte und da habe ich dann darauf verzichtet.

Vielen käme wahrscheinlich die eine Minute dieser Übung sehr lang vor. Auf jeden Fall ist es ungewohnt, statt der vielen schnellen Bilder die Augen auf dem Gesicht von einer anderen Person ruhen zu lassen. Und es ist erstaunlich, wie viel sich in dieser Zeit wahrnehmen lässt.

Wer möchte kann es aber gerne ausprobieren - jetzt oder später.

 

„Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein“ – so habe ich als Kind abends mit meiner Oma gebetet. Dass Gott mich nachts ansieht, fand ich manchmal beängstigend und manchmal beruhigend. Einerseits fühlte ich mich kontrolliert wie unter einem strengen Blick, andererseits aber auch geborgen, weil jemand auf mich aufpasste, wenn ich schlief.

 

Gott sieht uns, das ist für manche zeitlebens eine Vorstellung, die ihnen Angst macht und sie unfrei macht. Gott, der alles sieht, am Ende sogar unsere Gedanken; Gott der strenge Richter, der nichts ungestraft lässt. Dieses Bild von Gott hat wohl mehr mit früheren Erziehungsmethoden zu tun als mit dem Glauben an einen liebenden Gott, der uns ermutigt und behütet. „Du siehst mich“ – das Motto des Kirchentags meint jedenfalls eher das zweite: Weil Gott seine Augen auf mich gerichtet hat, bin ich gesehen, bin nicht allein und werde wertgeschätzt.

Gott ist nicht ferne im Himmel und betrachtet sich das ganze Geschehen auf der Erde eher distanziert, bestenfalls interessiert, sondern er blickt uns, mich direkt an, er sieht mich, nimmt mich wahr, indem wie ich bin und was ich brauche.

Das ist zumindest meine Hoffnung zu Christi Himmelfahrt. Wenn Jesus Christi jetzt bei ihm ist, da sagt ja Christi Himmelfahrt im Kern aus, dann steht er für uns ein, dann sieht Gott durch ihn uns an. Und das kann dann nur ein Blick der Liebe und des Angenommenseins sein.

 

Dieser Satz „Du siehst mich“, dieses Motto des Kirchentages ist einer biblischen Geschichte aus dem Alten Testament entnommen. „Du siehst mich“, sagt Hagar im Alten Testament, im ersten Buch Mose. Dort wird ja von Abraham erzählt, der für Juden, Christen und Muslime ein Stammvater des Glaubens ist. Abraham und seine Frau Sara waren kinderlos, in damaliger Zeit ein sehr schweres Schicksal. So wurde die ursprünglich ägyptische Sklavin Hagar – wir würden heute sagen – als Leihmutter eingesetzt. Selbst hatte sie nichts zu sagen, aber sie gebar Abraham einen Sohn, Ismael genannt. Als Sara später selbst doch noch einen Sohn zur Welt brachte – Isaak ist ja den meisten bekannt –, da war Hagar mit Ismael in der Familie Abrahams nicht mehr geduldet. Von den Menschen verachtet und verstoßen begegnete sie in der Wüste einem Boten Gottes. Dieser Engel sah sie in ihrer Not an und redete mit ihr. Und dann heißt es: Hagar nannte den Namen Gottes, der mit ihr redete: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1. Mose 16,13)

 

Diese Wendung „Du bist ein Gott, der mich sieht“ zeichnet ein Gottesbild, das auf Beziehung gegründet ist. Der Gott, von dem im Alten und Neuen Testament der Bibel die Rede ist, ist kein fernes und unnahbares Wesen, sondern er wendet sich dem einzelnen Menschen zu und gibt sich zu erkennen. Ein Mensch, der sich von Gott gesehen fühlt - von ihm gefunden wird wie Hagar - fühlt sich wertvoll und geachtet, kann trotz aller Demütigung aufrecht durchs Leben gehen.

 

Von Gott angesehen zu werden, begründet die Würde des Menschen als Gottes Geschöpf. Sehen stiftet Beziehung, nicht nur mit Gott, sondern auch im Miteinander aller Menschen.

 

Hagar war glücklich, als sie bemerkte, dass Gott sie hört und dass Gott sie sieht.

Du siehst mich und du hörst mich. Wie viele Menschen mögen sich die Frage stellen, ob dies auch für sie zutrifft. Ob sie tatsächlich gesehen und gehört werden. In Ihrem Alltag, in ihrer Familie, in ihren Beziehungen, in der Politik, im Arbeitsumfeld. Viele fühlen sich heute nicht oder zu wenig beachtet. Von unserer Gesellschaft, von der großen Politik. Die Gefahr der Konfrontation ist groß. „Die da oben, die da in Berlin, die etablierten Parteien, die sehen uns nicht mehr und dann bietet man sich als Alternative an, die in Wahrheit keine ist. Denn auch diese sieht nur sich und ihre Interessen und vereinfacht und polemisiert auf schwer erträgliche Weise.

 

Das Kirchentagsmotto setzt diesem Gefühl etwas entgegen: Du siehst mich! Was Gott in der biblischen Geschichte tut, können wir in unserem Leben aufgreifen: andere sehen, sie wahrnehmen, hinhören. Zuhause in unseren Familien fängt das an. Und geht weiter in der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Straße, in der Politik, in der Gemeinde.

Den anderen sehen, nicht wie ein Selfie bei Snapchat, dass ich nach ein paar Sekunden wieder löscht, sondern tiefer, wahrer, aufrichtiger. Das ist mühsam, durchaus und vielleicht ist es nicht immer nur angenehm, was wir da zu sehen bekommen. Wir Menschen sind ja nicht nur liebenswert, oftmals sogar im Gegenteil, aber Hinsehen, genau Hinsehen lohnt im Guten wie wohl auch im Bösen.

 

Du siehst mich, Gott – so wie Hagar in der Bibel können auch wir das sagen und darauf vertrauen. Nicht nur beim Kirchentag in Berlin und Wittenberg, und auch nicht nur sonntags im Gottesdienst, sondern gerade in unserem Alltag können wir uns von Gott gesehen wissen. Weil Gott uns sieht, sind wir angesehene Leute. Entscheidend ist nicht, was andere über uns denken und wie sie uns behandeln. Entscheidend ist, dass wir vom Ansehen Gottes leben können, mutig, fröhlich und frei.

Kein schlechtes Vorhaben heute an Christi Himmelfahrt, am nächsten Wochenende an Pfingsten und überhaupt im ganzen Jahr.

Du siehst mich, Gott - so ist es! Und das ist gut so.

Amen.

Predigt Konfirmation 2017 „Du bist wertvoll“

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort. Amen.

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmationsfamilien,

aber vor allem natürlich liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen!

 

Heute nun ist der Tag Eurer Konfirmation.

Ganz klar ein besonderer Tag nicht nur für Euch, auch für Eure Eltern, Paten und Patinnen, Eure Familie.

Ein Tag an dem deutlich wird, Ihr werdet langsam erwachsen, Ihr macht immer mehr Euer eigenes Ding, Ihr werdet eigenständiger.

Früher zur Zeit Eurer Großeltern war die Konfirmation für die Meisten auch der Einstieg ins Berufsleben. Dann begann der so oft und viel besagte „Ernst des Lebens“.

Für Euch ändert sich zunächst nicht viel. Ihr wohnt weiter zu Hause, Ihr geht weiter in die Schule und tut das, was Ihr auch vor Eurer Konfirmation getan habt.

Manche mögen das bedauern, andere finden das ganz gut so.

Aber das heißt jetzt nicht, dass Ihr in Eurem Alltag nichts leisten müsstest. Ganz im Gegenteil.

Ich war immer wieder ganz verwundert und auch irritiert, wenn Ihr von der Schule, den Lehrer und Lehrerinnen, den Arbeiten und Prüfungen erzählt habt. Das war nicht nur das Thema in den Pausen, auch manchmal während der Konfi-Stunde seid Ihr immer wieder auf die Schule gekommen, musstet Euch austauschen und erzählen, was Ihr da erlebt habt. Was der Lehrer, die Lehrerin getrieben hat, was der oder diejenige überhaupt für eine ist, was der Mitschüler getan hat oder nicht getan hat und was Ihr noch alles zu erledigen und zu lernen habt. In dem Maße habe ich das selten erlebt. Auch die Entschuldigungen, dass Ihr nicht in die Konfi-Stunde kommen könnt, weil morgen eine wichtige Arbeit ansteht, für die Ihr noch lernen müsst.

Und wenn ich dann erlebt habe, wie geschafft und müde Ihr manchmal ward, wenn der Konfirmandenunterricht am späten Nachmittag begann, - und mir ging es da ja manchmal nicht anders - dann dachte ich mir: Nicht ärgern, es ist doch toll, dass die Jugendlichen trotz der belastenden Schule und all dem, was sie auch sonst noch so zu leisten haben, sich Zeit nehmen hier her in den Konfi-unterricht zu kommen und versuchen sich noch mal für eineinhalb Stunden zusammenzureißen und zu konzentrieren. Das war nicht immer leicht für Euch, für uns die wir den Unterricht gehalten haben auch nicht, aber im Großen und Ganzen hat es doch gut funktioniert.

Ja, Ihr müsst eine Menge leisten, auch schon in Eurem Leben, auch wenn die Erwachsen das manchmal nicht so anerkennen.

Das betrifft nicht nur die Schule, auch in Eurer Freizeit seid Ihr häufig irgendwo aktiv. Sei es beim Sport, der Feuerwehr, beim Lernen und Üben eines Instrumentes oder bei sonst irgendetwas.

Ihr müsst was leisten, Ihr werdet dazu angehalten von Euren Eltern, von Eurer Umwelt und vielleicht auch von Euch selbst, weil Ihr das so wollt. Und sich durch Leistung zu bestätigen, kann ja auch Spaß machen und das Selbstwertgefühl gehörig steigern.

 

Wir alle müssen jeden Tag etwas leisten - um für uns selbst zu sorgen, in der Familie, in der Schule, im Beruf, ja in nahezu allen Bereichen unseres Lebens. Das wir etwas leisten können, ist wichtig und meistens auch beglückend.

Aber ich habe das Gefühl, dass der Bogen heutzutage oft überspannt wird, auch schon bei Euch, dass wir uns selbst oder andere nur noch an Leistung messen. Unsere Leistungsgesellschaft, wie es ja so schön heißt, stellt uns da scheinbar täglich vor neue Herausforderungen. Hoch ist der Druck, gut da zustehen und immer Spitzenleistungen zu bringen und gleichzeitig auch noch alle anderen Lebensbereiche gut zu meistern. Zum Druck von außen, kommen die eigenen inneren Stimmen: Bringe ich es? Müsste ich nicht noch mehr tun? Sind die anderen nicht besser? Was ist, wenn ich die Leistung nicht mehr bringe? Wenn ich zu Versagen drohe?

Einige kennen wohl die Zweifel, ob die eigene Leistung ausreicht und das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Ihr kennt das wohl auch.

Das ist die Schattenseite unserer Leistungsgesellschaft. Immer wieder zerbrechen Menschen daran, dass sie nicht mehr das leisten können, was sie sich vorgenommen haben oder andere von ihnen erwarten. Und viele erliegen dabei dem Zwang immer perfekt zu sein oder zumindest so zu erscheinen. Solche Menschen kennt ihr wohl auch.

 

Wir feiern dieses Jahr 500 Jahre Reformation. Der Reformationstag am 31. Oktober ist dieses Jahr einmalig in Deutschland Feiertag, um an das Ereignis der Reformation und die Geburtsstunde der Evangelischen Kirche zu erinnern.

Im Mai 1530 steht die Sache der Reformation auf Messers Schneide. Die Lager der Reformierten und der Altgläubigen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Krieg liegt in der Luft. Da treffen sich die verfeindeten Lager zum Gespräch in Augsburg. Es soll den Versuch einer Einigung geben.

Luther selbstkann nicht dort hin. Der Bann liegt auf ihm. Er darf den Gegnern nicht in die Hände fallen. So bleibt er während der Verhandlungen in der Veste Coburg, bei Freunden. Aber er schickt seine besten Leute, angeführt von Philipp Melanchthon, dem brillanten Theologen und Vertrauten Luthers. Regelmäßig informieren berittene Boten den ungeduldig Wartenden.

Nach einigen Wochen kommen beunruhigende Nachrichten aus Augsburg. Die Freunde klagen, dass sie sich um Melanchthon Sorgen machen. Er lebt nur noch zwischen Verhandlungssaal, Schreibtisch und Besprechungszimmer. Er gönnt sich keine Ruhe, schläft kaum, isst wenig. Noch nicht einmal am Sonntag ruht er. Sie haben Angst, dass er nicht durchhält.

Martin Luther schreibt in einem seelsorglichen Brief an Melanchthon: „Aber Du höre, was ich vor allen Dingen will: Denke daran, dass Du Dir … Deinen Kopf zugrunde richtest. Deshalb will ich Dir und allen Freunden befehlen, dass sie Dich … unter Regeln zwingen, die Deinen Leib erhalten, damit Du nicht ein Selbstmörder wirst und danach vorgibst, dass dies aus Gehorsam gegen Gott geschehen sei. Denn man dient Gott auch durch Nichtstun, ja durch keine Sache mehr als durch Nichtstun. Deshalb nämlich hat er gewollt, dass vor anderen Dingen der Sabbat so streng gehalten werde. Siehe zu, dass Du dies nicht verachtest. Es ist Gottes Wort, was ich schreibe.“

Mich beeindruckt dieser Brief Luthers. Obwohl er weiß, was auf dem Spiel steht ermahnt er den Freund mit sich selbst sorgsam umzugehen, und auch an Ruhe zu denken.

Luther weiß, Menschen und ihr Leben sind wertvoll und kostbar. Nicht wenn sie perfekt oder erfolgreich sind, sondern weil Gott es ihnen zugesagt hat.

Nicht der Gedanke „Ich bin, was ich schaffe, was ich leiste. Ich bin erfolgreich - also bin ich wer!“ ist der der Bibel und des evangelischen Glaubens. Schon Luther hatte da eine andere Antwort vor 500 Jahren. Seine zentrale Erkenntnis, die dann zu all dem geführt, was geschichtlich gekommen ist, war nämlich: „Ich bin mehr, als was ich in meinem Leben leiste und schaffe. Ich bin mehr wert als das, was ich aus meinem Leben mache. Denn in Gottes Augen bin ich immer schon wertvoll.“ Theologisch gesprochen: Seine Gnade gilt mir immer und sie gilt mir bedingungslos ohne, dass ich dafür etwas leisten muss. Die Gnade Gottes geht mir immer voraus.

Diese Erkenntnis hat Luthers Leben verändert.

Für ihn war das die größte Entdeckung, die er während seines Bibelstudiums machte. Eine Entdeckung, die mit der Reformation die Welt veränderte. Damals meinten die Menschen, sie müssten große Leistungen erbringen – gute Werke –, um Gott zu beeindrucken. Heute wollen wir ja eher andere beeindrucken, Gott ist nicht mehr so präsent in unserem Alltag, wie bei den Menschen damals vor 500 Jahren.

Doch Martin Luther erkannte: Gott liebt uns und nimmt uns an. Für jeden Einzelnen gilt: „Du musst nichts leisten, um von Gott geliebt zu werden.“ Alles, was du tun musst, ist das zu glauben, also ganz auf Gott zu vertrauen. Gottes unumstößliches „Ja“ gilt jedem Menschen. Auch wenn wir das manchmal nicht glauben können. Diese biblische Erkenntnis hat Martin Luther neu entdeckt und in seinen berühmten 95 Thesen herausgestellt.

 

Geheiligt heißen wir als Christen nicht, weil wir etwa vollkommen wären, sondern weil wir durch unsere Taufe zu Gott gehören. Nach seinem Ebenbild hat uns Gott, der heilig ist, geschaffen. Wir sind also kostbar, wertvoll. Die anderen allerdings auch.

Ist damit egal, was wir ansonsten tun? Nein. Entscheidend ist aber die Reihenfolge. Nicht unsere eigenen guten Taten erzeugen Gottes Liebe, sondern Gottes Liebe erzeugt in uns den Antrieb zu guten Taten.

 

Für Euch die gleich Konfirmierten heißt das, Ihr dürft und sollt auch mal durchatmen. Das Leben verlangt Euch sicher noch genug ab und tut es ja schon.

Was ich Euch wünsche zumindest ab und zu, dafür gibt es ein schönes altes Wort: Muße.

Mit Kategorien von Freizeit, Faulheit oder Müßiggang lässt sich Muse nicht ausreichend beschreiben. „Wer Muße hat, ist frei davon, etwas zu müssen“.

Muße ist erfüllte und erfüllende Zeit - nur eben nicht sofort verwertbar, aber wertvolle Zeit. Weil sie Freiräume entstehen lässt, für so vieles Einmalige im Leben.

Und denkt daran, Ihr müsst nicht etwas werden, Ihr seid schon etwas. Da kann Euch große Gelassenheit im Umgang mit Euch selbst und mit den Menschen, die zu Euch gehören geben.

Und eine große Gelassenheit auf dem Weg, der vor Euch liegt.

Wir bitten heute darum, dass es ein gesegneter wird.

Der Herr sei mit Euch!

Amen.

 

 

Ansprache zum 125 Jahre Jubiläum TUS Grolsheim am 25.06.2017

 

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort

und ein Wort für unser Herz!

 

Liebe Festgemeinde hier in Grolsheim,

liebe Mitglieder und Sportler und Sportlerinnen,

liebe Aktive, Vereinsverantwortliche und Anhänger des

TUS Grolsheim!

 

125 Jahre TUS Grolsheim – das ist schon ein Grund zu feiern. 125 Jahre Sport und Bewegung im Verein, 125 Jahre ehrenamtliches Engagement und das nicht zu wenig, das lässt sich sehen und ist es wert, gefeiert zu werden.

Seit 1982 gibt es nun den TUS. Eine wechselvolle Geschichte liegt hinter ihm, mit vielen Höhepunkten und auch manchen Tiefschlägen und schwierigen Momenten, gerade auch in jüngerer Zeit.

Grund innezuhalten und über all das was geschehen ist nachzudenken, zu danken für das Gelungene und kritisch auch das nicht so Gelungene zu reflektieren und natürlich an diesem Wochenende zu feiern.

Warum aber eigentlich auch mit einem Gottesdienst kann man ja fragen? Passt das denn zusammen?

Was haben Sport und Kirche miteinander zu tun? Was verbindet Sportverein und Glauben?

 

Vielleicht überrascht es Sie, dass Sport und Glauben sogar sehr viel miteinander zu tun haben, dass sie sogar etwas voneinander lernen können und sich in manchem sehr ähnlich sind.

 

Ich nehme an, dass die meisten heute hierhergekommen sind, weil sie als Mitglied TUS Grolsheim Freude an der Bewegung haben, weil sie gerne in einer Mannschaft zusammen spielen, weil sie sich ein Leben ohne Sport nur schwer vorstellen können. Sport macht Spaß, ob allein oder in einer Mannschaft, sie genießen es, ihren Körper einzusetzen in Spiel und Technik, sie trainieren ihre Muskeln und ihre Ausdauer, um ihre Körperkräfte noch besser und effektiver umsetzen zu können. Der Körper, oder die Bibel, würde der Leib sagen, ist sozusagen das Instrument, das der Sportler braucht, um möglichst viel Erfolg und auch Freude zu haben.

Doch auch wenn wir das oft unhinterfragt voraussetzen: es ist nicht selbstverständlich, dass wir unseren Körper benutzen können, dass wir mit all dem ausgestattet sind, was wir zum Leben brauchen. Der Beter des 139. Psalms weiß das ganz genau, wenn er sagt:

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke.

„Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin!“, ja auch wenn ich nicht überall der Beste bin, wenn ich nicht zu denen gehöre, die auf dem Siegertreppchen stehen, wenn ich mit meiner Mannschaft nur ab und zu einmal gewinne: trotzdem ist es doch toll, was ich alles kann, dass ich so wunderbar gemacht, dass ich es kann.

Wer das voller Staunen sagen kann, der spürt: ich verdanke mich nicht mir selbst, sondern dem, der mich geschaffen hat, so wie ich bin. Und auch wenn ich meine Leistungen natürlich meinem Fleiß und meiner Ausdauer im Training verdanke, so sind sie nicht allein mein Verdienst, sondern Geschenk dessen, der mir das Leben geschenkt hat, und dazu all meine Begabungen und Talente.

Ich vermute, dass dies das Wichtigste ist, was einen Sportler in seinem Erfolg beflügeln kann: dass er über sich hinaus­schauen kann, weil er weiß: Ich bin mehr als das, was ich leiste, wie schnell ich laufen kann, wie gut ich turne oder tanze, wie schnell und präzise ich mit dem Schläger bin oder wie hoch ich mit meiner Mannschaft gewinne. Weil ich weiß, wie wunderbar ich von Gott geschaffen wurde. Dieses Wissen, diesen Glauben schenken uns die Worte aus der Bibel.

Doch dasselbe gilt auch umgekehrt: auch der Sport, so merkwürdig das klingen mag, könnte eine Hilfe sein, bestimmte Dinge im Glauben und im Leben neu zu sehen, neu zu verstehen.

Ich denke dabei an die Worte des Paulus, der im 1. Korintherbrief ganz unbefangen von der Kampfbahn spricht und sich nicht scheut, auch das Bild vom Schattenboxen heran­zu­ziehen. Wie haben es eben ja als Schriftlesung gehört.

Was kann nach Paulus der Glaube vom Sport lernen?

Zum Ersten: Wer läuft, der lernt, sich Ziele zu setzen. Sich Ziele setzen, zielstrebig sein – das heißt auch: vom Ziel her denken, auf das Ziel hin leben. Nicht bloß dahin treiben, planlos, ziellos – sondern eine Perspektive haben, Prioritäten setzen, zielbewusst denken und handeln.

Wenn der Wettkampf naht, dann muss ich eben dafür trainieren. Mich fit machen, Kondition aufbauen, meine Form finden. Dabei muss ich auch manche Bequemlichkeit opfern. Ohne Schweiß kein Preis, wie es so schön heißt und wohl ja auch stimmt. Ich muss Prioritäten setzen und gleichzeitig auf manches verzichten können. Man könnte auch sagen: Sport ist eine Schule der Zielstrebigkeit, und er ist eine Schule im Verzichten lernen.

Das bringt mich auf den zweiten Gedanken: Wer läuft, lernt sich selbst zu beherrschen. Lernt Selbstdisziplin. Man muss sich eben einen Ruck geben. Der Geist ist willig, das Fleisch bekanntlich schwach. Da gibt es tausend Ausreden, warum es gerade heute nicht geht mit dem Laufen. Weil es draußen regnet, weil es sich gerade so gemütlich bei einem Glas Bier oder Wein zusammen sitzt, weil im Fernsehen gleich das große Fußballspiel kommt und und und. Jedes Mal braucht es Selbst­über­windung und Selbstdisziplin, um loszulaufen, zu trainieren, sich zu verausgaben. Hinterher ist man natürlich froh darüber und ein bisschen stolz, weil sich das bessere Ich doch durchgesetzt hat. Wie Paulus sagt:

Ich unterwerfe meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde.

Und der dritte Gesichtspunkt, der ist ganz elementar. Wer Sport treibt, akzeptiert Spielregeln. Jede Disziplin kennt Regeln, und wer sie übertritt wird disqualifiziert. Ein fairer Wettkampf kommt nur zu Stande, wenn sich alle an die Regeln halten. Sport ist auch und vor allem eine Schule in Fairness oder sollte es zumindest sein. Da gibt es ja leider auch viele Ausnahmen, man denke nur an das Treiben der Fifa und anderer Sportorganisationen oder an die ganze Doping-Problematik.

Aber hier beim TUS gibt es so was ja nicht!

 

Doch was hat das alles mit Glauben und Gott zu tun? Was können wir daraus lernen für unseren Glauben, für unser Leben?

Ich denke noch einmal an Paulus zurück, an seinen Vergleich zwischen dem vergänglichen Siegeskranz, der im Stadion winkt, und dem unvergänglichen Preis, der bei Gott auf uns wartet. Liegt hier der Schlüssel?

Haben wir Christen nicht auch ein wunderbares Lebensziel, will Paulus uns fragen. Jesus Christus hat es uns vorgelebt und uns verheißen: Wir werden wie er auferstehen und in Gottes Herrlichkeit leben. Wenn das kein wunderbares Lebensziel ist, für das es sich lohnt zu kämpfen!

Natürlich verschweigt Paulus nicht, dass damit auch Mühsal und Verzicht verbunden sind. Wie auch beim Sport. Doch er verlangt keine Spitzenleistungen von uns, wir sollen nur bereit sein, gemäß den Möglichkeiten und Fähigkeiten, die Gott uns schenkt, in unserem persönlichen Leben, vor allem aber im Leben unserer Gemeinde alles für Gott zu geben und alles füreinander zu tun.

Soweit liegen Sport und Glauben also gar nicht auseinander, in vielem können sie voneinander lernen. Über all dem steht heute aber der Dank an unseren Gott.

Denn, dass wir als Menschen geschaffen wurden, die sich bewegen können, die Freude und Spaß am gemeinsamen Wettbewerb haben, und deshalb diesen Festtag feiern können, das verdanken wir allein unserem Gott.

Und das wir heute auf 125 Jahre TUS Grolsheim zurückschauen können, das ist auch ein Grund dankbar zu sein. Dankbar denen, die sich über all die Jahre im Verein aktiv engagiert und ihn so am Leben gehalten haben in seiner wechselvollen Geschichte und dankbar unserem Gott, der uns dafür die Kraft gegeben hat, weil er uns eben „so wunderbar gemacht hat.“

Und so wollen wir auch voll Mut und Tatendrang in die Zukunft schauen, die hoffentlich noch viele Jahre gemeinschaftliches Leben und Engagement im TUS Grolsheim bringt, sei es beim Sport oder bei Aktivitäten wie der Fastnacht oder der Kerb.

Gott schenke es dem TUS und allen Menschen, die mit ihm verbunden sind.

Amen.

 

Ein Text! Sie können ihn mit Inhalt füllen, verschieben, kopieren oder löschen.

 

 

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